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Rechtsradikale »Das war ein Spaß«

Eine gefährliche Mischung aus Wendefrust, rechten Parolen und Imponiergehabe treibt die Jugendlichen in Ostdeutschland: Immer häufiger machen sie regelrecht Jagd auf alles, was fremd ist - Westler und Ausländer werden brutal zusammengeschlagen oder gar mit Waffen und Autos angegriffen.
aus DER SPIEGEL 30/1996

Für die Skins ist es eine Idylle: Lagerfeuer auf einer Halbinsel am Plauer See, gehißte Reichskriegsflagge, Bier und Schnaps in Strömen. Etwa hundert Glatzen sind aus ganz Mecklenburg-Vorpommern angereist, um der 20jährigen Kameradin Cindy O. zum Geburtstag zu gratulieren.

Deutschland könnte so schön sein. Wäre da nicht die Jugendgruppe aus Kleve, rund 30 Jungen und Mädchen vom Niederrhein, die mit der evangelischen Kirche angereist sind, um die neuen Länder kennenzulernen. Die »Kirchenkasper«, so der Jungrechte Sven K. aus Wolde bei Wismar, zelten auf dem etwa 500 Meter entfernten Campingplatz Leisten.

Kurz vor Mitternacht kommen drei Skins auf der Suche nach Bier aus dem Wald gestolpert und berichten den Kameraden, sie hätten Ärger mit der Klever »Wachmannschaft« bekommen.

Diese Provokation verlangt umgehend nach Rache: Drei Mädchen werden als Vorhut geschickt, ein Sturmtrupp von etwa 25 Mann lauert im Dickicht. Als der »Wachtrupp« der Gegner - es handelt sich um die Betreuer der Jugendgruppe - die Mädchen vom Platz verweisen will, ertönt der Befehl zur Attacke.

Mit »Sieg Heil«, »Heil Hitler« und »Deutschland den Deutschen« stürmen die Angreifer das Lager. Zwei bis drei Minuten dauert der Überfall, dann zieht sich die Horde in den Wald zurück: Sechs der zumeist jugendlichen Westdeutschen liegen blutüberströmt am Boden, durch Faustschläge und Tritte mit stahlbeschlagenen Springerstiefeln zum Teil schwer verletzt.

Der Überfall beim lauschigen Plau am See vom vorletzten Wochenende war das aufsehenerregendste Beispiel für die sich hemmungslos entladende Gewalt junger Ostdeutscher - und nicht einmal ein besonders extremes.

Immer häufiger kommt es auf ostdeutschen Straßen und Plätzen, an Imbißbuden oder in Diskotheken zu Attacken auf alles, was fremd ist - auf Westler und andere Ausländer. Da wird beschimpft und gerempelt, getreten und verprügelt. Messerstechereien und Schüsse aus Gasrevolvern scheinen kaum noch erwähnenswert. Den Lokalzeitungen sind die Angriffe meist nur ein paar Zeilen wert.

Die Täter treibt nach Erkenntnis von Ermittlern und Jugendforschern eine gefährliche Mischung aus Nachwendefrust, pubertärem Imponiergehabe und dumpfem Haß auf alles Fremde. Erschreckt registrieren die Ermittler dabei, daß die Schläger immer jünger werden.

In Brandenburg etwa sind über zwei Drittel der 1995 erfaßten Gewalttaten mit rechtsradikalem und fremdenfeindlichem Hintergrund (89 Fälle) von Tätern begangen worden, die unter 21 Jahre alt waren. In Sachsen stieg die Zahl der einschlägigen Delikte 1995 im Vergleich zum Vorjahr um fast 30 Prozent, die Festgenommenen waren auch hier meist Jugendliche. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Summe in Mecklenburg-Vorpommern von 483 Fällen 1994 auf 613 im vergangenen Jahr, rund zwei Drittel der Täter waren bis zu 20 Jahre alt.

In Nordrhein-Westfalen beispielsweise, mit knapp 18 Millionen Einwohnern etwa so bevölkerungsstark wie die Ex-DDR, stabilisiert sich der gegenläufige Trend. 654 fremdenfeindliche Straftaten hat der Verfassungsschutz dort 1995 registriert, fast 400 weniger als im Jahr zuvor.

Das Ausmaß der Brutalität im Osten, vor allem aber die Nichtigkeit des Anlasses, der zur Prügelorgie am Plauer See führte, hat Politiker und Polizeiführer aus der Sommerruhe geschreckt. Der Landtag beraumte eine Sondersitzung des Innenausschusses ein. Die Minister für Inneres, Justiz und Kultur wurden aufgefordert, bis Monatsende ein Präventionskonzept vorzulegen. Das Landeskriminalamt will Experten in Jugendkommissariaten zusammenziehen.

»Das war hier auch zu DDR-Zeiten schon so«, mokiert sich Skinhead Sven K. über die Aufregung, »früher haben die Sachsen eins in die Fresse gekriegt, und heute sind's Kanaker oder Wessis. Da nützen auch keine Krisensitzungen im Innenministerium. Das ist hier eben so.« Tradition also: Erst am Freitag vergangener Woche griffen zwei Jugendliche aus Greifswald drei junge Leute aus Sachsen-Anhalt an - mit Schreckschußpistole und Knüppeln bewaffnet.

Mit ihrer Geschäftigkeit wollen die Landespolitiker die Touristen beruhigen, die es bislang jeden Sommer zu Hunderttausenden an die idyllisch gelegenen Seen und in die aufstrebenden Ostseebäder zieht. »Unsere 172 Zeltplätze sind sicher«, verkündete eilig der Schweriner Landtagspräsident Rainer Prachtl, der sich bei Plauer Opfern im Krankenhaus entschuldigte. »Unsere Jugendlichen sind vernünftig«, glaubt der Politiker, der zugleich Vorsitzender des Tourismusverbandes in Mecklenburg-Vorpommern ist. Doch vor allem auf Campingplätzen hat es immer wieder heftige Schlägereien gegeben (SPIEGEL 27/1996).

Den Taten ist gemeinsam, daß die Angegriffenen meist zufällig zu Opfern werden - einzige Voraussetzung: Sie gehören nicht in den Ort. Mal reicht schon der bayerische Akzent, um wie in Prora auf Rügen als fremd aufzufallen. Dort suchten am Dienstag voriger Woche neun Jugendliche aus dem Seebad eine Nürnberger Schulklasse in ihrer Unterkunft heim.

Wie groß inzwischen die Angst etwa vieler Berliner ist, zum Angriffsziel der Landjugend Ost zu werden, zeigt eine zeitweilige Anweisung der Schulbehörde: Klassenreisen in den Osten sollten nur noch mit einem Nottelefon im Gepäck unternommen werden. Japanischen Touristen empfahl die Regierung in Tokio gar, bei Fahrten durch die ehemalige DDR stets auf elegante Kleidung zu achten - damit sie nicht mit den dort verhaßten ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern (Skinslang: »Fidschis") verwechselt werden.

Weil sie am leichtesten als Fremde zu identifizieren sind, gehören Menschen aus der Dritten Welt zu den bevorzugten Opfern. »Ein Farbiger ist den Schlägern am liebsten«, sagt Dieter Post, Dezernatsleiter für Extremismus im Brandenburger Landeskriminalamt (LKA). »Aber wenn der gerade nicht greifbar ist, tut es auch ein Pole, Russe oder Wessi.«

Vor allem diejenigen, die in Ostdeutschland als Asylbewerber oder Billigarbeiter leben, sehen sich der Gefahr brutaler Attacken ausgesetzt. Zuweilen verdanken es die Mißhandelten nur dem Zufall, daß sie mit dem Leben davonkommen.

So traf es Mitte Juni im brandenburgischen Mahlow einen britischen Bauarbeiter: Zunächst pöbelten Jugendliche den Mann auf dem Bahnhofsvorplatz an. Als er davonfahren wollte, warfen die Verfolger einen Feldstein durch die Frontscheibe seines Wagens. Das Auto überschlug sich mehrmals, der gebürtige Jamaikaner ist nun vom Nacken abwärts gelähmt.

Einen Tag später schoß in der Stadt Brandenburg an der Havel ein Jugendlicher mit einer Schreckschußpistole ohne Ankündigung auf einen vorbeigehenden Pakistani. Der mußte daraufhin mit einer schweren Augenverletzung auf die Intensivstation des Kreiskrankenhauses eingeliefert werden.

Ermittelnde Beamte wie der Magdeburger Oberstaatsanwalt Klaus Breymann glauben, daß Kinder auch deshalb »als besonders brutale Anfangstäter auffallen, weil sie in der Clique nicht mehr der Kleine sein wollen«.

Die ostdeutsche Generation der 14- bis 20jährigen habe zudem den Wandel »von einer stickigen, brackigen Gesellschaft in eine zugige ohne Nischen« nicht verkraftet, glaubt der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann. Weil flächendeckend die Hoffnung auf Beruf und Wohlstand durch die Falltür der ostdeutschen Wirtschaftskrise verschwindet, grassiere die Angst wegzurutschen: »Die innere Anspannung bei den Kids ist enorm.«

In Ostdeutschland kann die soziale Umwelt die labilen Psychen vielfach nicht mehr stützen. Zwar wird es auch in Westdeutschland für Heranwachsende schwieriger, Ausbildungsplätze und Anstellung zu finden. In weiten Teilen der alten Republik aber existiert ein enges Geflecht von Vereinen, Jugendgruppen und Klubs, die Jugendliche auffangen können.

Auch fallen im Osten die Eltern als Vorbilder und Autoritäten häufig aus. Von Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst geplagt, sind viele Erwachsene vor allem mit sich selbst beschäftigt und geben ihren Mißmut über die neuen Verhältnisse ungefiltert an die Kinder weiter.

»Die Jugendlichen empfinden die Gespräche mit ihren Eltern als Ermunterung, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen«, hat der sächsische LKA-Präsident Peter Raisch bei Vernehmungen minderjähriger Gewalttäter herausgehört: »Die sind zumeist nur der verlängerte Arm des Abendbrottischs.«

Weil Vater und Mutter sich entziehen, orientieren sich viele Heranwachsende an den Großeltern. Es sei erstaunlich, findet Staatsanwalt Breymann, wie häufig Delinquenten »begeistert von dem Opa und seinen tollen Wehrmachtserlebnissen« berichteten. Gewalt gilt ihnen als probates Mittel der Selbstbehauptung, dumpfes Deutschtum adelt den Schläger zum Kämpfer für die rechte Sache.

Die Anstifter stammen zwar meist aus der Skinszene und haben in der Regel ein beachtliches Vorstrafenregister. Die große Gruppe der Mitläufer allerdings drapiert sich eher oberflächlich mit Symbolen wie Reichskriegsflagge, SS-Gürtelkoppel und Nazi-Aufnähern. »Die meisten sind doch viel zu einfältig«, sagt Jugendexperte Hurrelmann, »um außer Sprüchen rechtes Gedankengut wirklich aufzunehmen.«

Auch die Schläger vom Plauer See gehören offenbar zu den Mitläufern: 48 von der gesamten Truppe konnte die Polizei festnehmen, der Rest war mit Booten übers Wasser getürmt.

Gegen sechs Skins im Alter von 18 und 19 Jahren erging Haftbefehl, doch drei von ihnen wurden gleich wieder freigelassen. Sie entsprechen nicht dem Klischee des zukunftslosen Jugendlichen, haben feste Adressen und Jobs, einer steckt mitten in der Gesellenprüfung.

Auch die übrigen drei, Norman B. und Christian K. aus Wismar sowie Thorsten S. aus Malchow, zur Zeit in Untersuchungshaft, scheinen wohlbehütet: Sie wohnen zum Teil noch bei den Eltern. Als Norman B. am Montag morgen nicht zur Arbeit antrat, erkundigte sich sofort sein Meister nach ihm.

Doch die Eltern wußten von nichts. Der Junge sei am Freitag mit Freunden losgefahren, berichteten sie, als sie bei der Polizei eine Vermißtenanzeige aufgeben wollten. Erst dort erfuhren sie, daß ihr Sohn festgenommen worden war. Niemals zuvor, sagten sie, habe irgend etwas gegen Norman vorgelegen. Daß er schon seit längerem einer bekannten Neonazi-Gang aus Wismar angehört, war ihnen entgangen.

Fassungslos beobachten Ermittler, daß den Festgenommenen meist jedes Unrechtsbewußtsein fehlt. Kaum einer leugnet die Tat, immer wieder hören Staatsanwälte »erschreckend dumme Aussagen«, wie der sächsische Generalstaatsanwalt Jörg Schwalm feststellen mußte. »Letzte Woche sagte einer: ÅDer Fidschi hat auf eine Frage nicht geantwortet, da mußten wir ihn halt schlagen.'«

Auf Nachfrage sind die Jugendlichen in der Regel nicht einmal in der Lage, über ihre Motive Auskunft zu geben. Typisch ist das Vernehmungsprotokoll eines Erfurter Skins, der einen Schwarzafrikaner krankenhausreif geprügelt hatte:

Ich fühlte mich provoziert.

Und wodurch?

Weiß ich nicht mehr.

Hast du dich vielleicht provoziert gefühlt, nur weil es ein Schwarzer war?

Kann sein, keine Ahnung.

»Es macht denen einfach Spaß, jemanden zusammenzuschlagen«, weiß auch Ermittler Schwalm. Als Katalysator wirkt in den meisten Fällen der Suff. Wenn dann noch ein paar Mädchen in der Nähe stehen, denen die Halbstarken imponieren wollen, gibt es kein Halten mehr.

Wie sich aus dem Herumlungern am abendlichen Treffpunkt im Ort eine Treibjagd entwickelt, zeigt der Angriff auf zwei Afrikaner in Muldenstein bei Dessau Mitte vorletzter Woche.

Wie jeden Abend stand Marek, 20, mit Freunden auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Sie tranken Whisky und Flaschenbier, aus den Autoradios dröhnte deutsche Schlagermusik. »Ey Nigger«, rief einer der Jungs, als sie den Schwarzen Michael und seinen Freund Nard aus Togo erblickten: »Schwarzes Arschloch, hau ab nach Hause.« Die beiden Mädchen der Clique klatschten Beifall.

Dann flogen Flaschen, ein Pflasterstein traf Michael am Oberschenkel. Die Afrikaner flohen. Marek brüllte: »hinterher« und sprang in eines der Autos. Minutenlang jagte er die Schwarzen durchs Dorf, bis er sie schließlich mit dem Kühlergrill an eine Gartenmauer drückte. Michael konnte über die Motorhaube abrollen, Nard über die Mauer in den Garten hechten. Die Polizei entdeckte später keine Bremsspuren. »Das war ein Spaß«, sagte einer der Mittäter am Tag danach: »Wenn Marek wirklich gewollt hätte, wären die Kanaken jetzt tot.«

Obwohl mittlerweile nicht mehr Monate bis zu einem Prozeß vergehen, erweist sich die Strafjustiz als stumpfe Waffe. 70 bis 80 Prozent der zu Haftstrafen Verurteilten werden rückfällig.

In der Szene gilt das Motto: »Ein Skin ohne Knast ist wie ein Baum ohne Ast.« Jeder Prozeß schweißt die Cliquen zusammen. »Oftmals wirken Hauptverhandlungen wie ein Ritterschlag«, berichtet Staatsanwalt Breymann.

Selbst wenn die Justiz einmal Täter verurteilt hat, ist die Gefahr nicht immer gebannt. Nach grausamen Verletzungen starb vor zwei Wochen Boris M., 26, aus Wolgast. Er war in der Kneipe »Schlemmer-Stube« offenbar grundlos von den Jungrechten Sebastian M., 19, und Andreas J., 22, als »Kinderficker« beschimpft worden. Er werde jetzt »platt gemacht«.

Boris rannte davon, doch vor einer Garage holten ihn die beiden wieder ein. Dort konnte auch eine herbeigeeilte Polizeistreife die Täter nicht mehr abhalten. Erst sechs Beamte schafften es schließlich, die Skins von ihrem Opfer wegzuzerren. Am Samstag, zwei Tage darauf, starb Boris in der Uniklinik Greifswald an »schweren Hirnsubstanzverletzungen«.

Der mehrfach vorbestrafte Täter Andreas J. war bereits im Oktober vergangenen Jahres wegen schwerer Körperverletzung und Raub zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Jetzt muß die Staatsanwaltschaft Stralsund klären, ob ein Justizbeamter schuld daran hat, daß der Skin noch immer frei herumlief.

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