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»Das war Jelzins Geschenk«

Von Helmar Büchel
aus DER SPIEGEL 2/1995

Durch den angeblich seit Tagen bereits geschlossenen Belagerungsring um Grosny schlängelt sich der Lada in die Tschetschenen-Hauptstadt. Dichter Rauch vor der brennenden Ölraffinerie verdunkelt die Sonne. Der Fahrer freut sich über den beißenden Qualm: »Helikopter njet.«

Auf den schlammigen Straßen drängen sich Frauen, Kinder und alte Männer, von Kugeln zersiebte Personenwagen, Kühe und Hühner. Auf Lastwagen rollen Bewaffnete jeden Alters Richtung Grosny. Andere kommen zu Fuß von den Feldern an die Straße, um per Anhalter in den Heiligen Krieg zu ziehen. Dutzendfach erschallt der Fluch: »Russen, Schweine!«

Das Zentrum von Grosny ist verwüstet. Tschetschenische Krieger, viele in Uniform, noch mehr in Zivil, huschen hinter den zerschossenen Häusern hervor. Kadaver von Pferden und Hunden liegen zwischen schwelenden Autos. Russische Bewohner Grosnys, ohne Angehörige in den Dörfern, ohne Geld für die Flucht in die Heimat, kauern in den Höhlen, die einmal Fenster oder Türen ihrer Häuser waren.

Im Zehnsekundentakt erschüttern Detonationen den Boden, krachend stürzen Häuserwände zusammen. Wenn sich die Einschläge nähern, zerspringen zuerst die Fenster - eine letzte Warnung. Die Verteidiger halten sich mit ihren Waffen im Schatten der Häuser verborgen und decken die Invasoren mit heftigem Abwehrfeuer ein.

Vor dem Präsidentenpalast stehen Männer, die sich mit weißen Bettlaken behängt haben. Die meisten tragen AK-74-Sturmgewehre und Panzerfäuste. Einer der Leibwächter winkt in einen Kellerraum: kaltes Neonlicht, mit grauen Tüchern verkleideter Beton, hinter dem Schreibtisch eine tschetschenische Fahne, unter der sich Dschochar Dudajew in seiner Generalsuniform noch zierlicher ausnimmt als sonst.

»Das tschetschenische Volk liebt die Freiheit«, sagt der Präsident mit leiser Stimme. »Ein mutiges, schönes Volk. Es verdient das beste Schicksal.« Ein winziger Weihnachtsmann aus Kunststoff auf dem Schreibtisch verleiht den Worten des Staatschefs die gewünschte Aura der Friedfertigkeit.

In der Nacht schießt die russische Artillerie nahezu pausenlos ins Zentrum. Leuchtraketen und der Feuerschein brennender Häuser sind die einzigen Lichtquellen.

Am nächsten Morgen, sobald die Dämmerung weicht, sind Flugzeuge und wenig später heftige Explosionen zu hören. Von einem vierstöckigen Gebäude am Stadtrand stehen nur noch die Grundmauern; wie in ein Puppenhaus kann man von der Vorderseite in alle Zimmer sehen, in denen Möbel, Kleider und abgerissene Körperteile liegen.

Vor dem Haus brennt ein Lastwagen, eine Frau weint um ihre Tochter. Jemand hat dem Mädchen eine Jacke über das Gesicht gelegt. Darunter ragen die dünnen Arme hervor, als hätte sich das Kind den anfliegenden Bombern ergeben wollen. In den kalkweißen Handflächen hat sich Blut gesammelt.

Ununterbrochen krachen Granaten in die Stadt. Auf dem Markt laufen weinende Frauen zwischen zerstörten Ständen umher und versuchen, ihre Waren auf Schubkarren zu verstauen. Plötzlich stellt die russische Artillerie den Beschuß ein. Von ferne nähert sich ein dumpfes Grollen: Panzer. Junge Männer lesen leere Wodkaflaschen aus den Abfallhalden des Marktes auf und füllen sie hastig mit Benzin.

In der Umgebung des Regierungsgebäudes ergreifen tschetschenische Kämpfer die Flucht. Es ist kurz vor 13 Uhr am Silvestertag: Mit großer Geschwindigkeit rollen russische Panzer über die Alleen rund um den Präsidentenpalast, feuern mit Kanonen und Maschinengewehren wild um sich und werden genauso wild von jeder Straßenecke aus bekämpft - alte Männer werfen Molotowcocktails, Uniformierte schießen mit Panzerfäusten, Zivilisten ziehen Pistolen aus dem Hosenbund.

Nach dem ersten Schock schlägt die Panik um in Wut. Während die Panzer schießend durch die Straßen rasseln, kehren immer mehr Kämpfer aus den Gassen des Zentrums zurück zum Regierungssitz. »Allahuh-akbar«, rufen sie sich zu, um sich zu identifizieren - eine überflüssige Vorsichtsmaßnahme: Die Panzer begleitet keine Infanterie.

Qualm dringt aus den oberen Stockwerken der Dudajew-Residenz, doch niemand ist da, das Gebäude zu stürmen. Die russischen Panzer besetzen nur den Vorplatz und schießen auf das Betonhochhaus.

Zivilisten sind nirgendwo mehr zu sehen, sie haben Schutz in den Kellern gesucht. Nur ein alter Mann und vier zerlumpte Kinder stehen am Rande des Marktes und wärmen sich stoisch an einem Feuer, in Sichtweite der Panzer. Die Kinder fragen nach Zigaretten.

Tschetschenische Kämpfer kontrollieren jeden Meter zwischen den Hauptstraßen, auf denen die Panzer patrouillieren. Am Abend rollen sie nicht mehr, sie feuern nur noch. Die Verteidiger ziehen mit »Allahuh-akbar«-Rufen durch die Gassen, verteilen Molotowcocktails und Panzerfaustgranaten. Silvesternacht in Grosny.

Natascha, die russische Hotelverwalterin, hockt in Decken gehüllt vor dem Fernsehgerät. Der tschetschenische Kanal berichtet für die wenigen Haushalte, die noch Strom haben, live vom Kampf um den nahe gelegenen Präsidentenpalast. Der Sender hat sich in eine Überwachungskamera auf dem Dach des Gebäudes eingeklinkt und überträgt die Schießerei auf dem Vorhof ohne Kommentar und ungeschnitten.

Als sich die Einschläge dem Hotel nähern, läuft Natascha mit einer Flasche Cognac in den Keller. Das Licht geht aus. »Happy New Year«, sagt Natascha.

Bis um 2.30 Uhr am Neujahrsmorgen hält der Artilleriebeschuß an, danach legt sich Stille über die Stadt. Beim Präsidentenpalast wird auch nach Tagesanbruch noch heftig gekämpft. Vor dem Gebäude stehen ausgebrannte Panzer, davor liegen die verkohlten Leichen russischer Soldaten. Die Sieger bespeien die stählernen Ungetüme und treten mit ihren Stiefeln dagegen. »Die hier haben wir letzte Nacht vernichtet«, ruft einer. »Das war Jelzins Neujahrsgeschenk.«

Ein Greis in verschlissener Khakiuniform berichtet fröhlich, zwei Russen seien gefangengenommen worden, obwohl sie Schonung nicht verdient hätten: »Dort drüben haben Russen heute nacht zwei junge Frauen vergewaltigt«, behauptet er. »Sie sind durch die Häuser gezogen, haben Fotos der Mädchen gesehen und dann die Mütter gezwungen, ihre Töchter herauszugeben.«

Der Weißbärtige mit der Fellmütze schwenkt sein Gewehr: »Wir werden es ihnen zeigen. Wir tragen den Krieg bis nach Moskau.«

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Grosny: Vorstoß russischer Truppen

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