Zur Ausgabe
Artikel 12 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

2000: Medien »Das war Spitze«

aus DER SPIEGEL 52/1999

Als das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch im Monopol sendete, schafften seine Klassiker immer wieder Traumquoten. Wenn in den Sechzigern bei Vico Torriani die Zuschauer per Telefon eine Armbrust zum »Goldenen Schuss« auf ein Äpfelchen dirigierten, fieberten bis zu 20 Millionen mit, Einschaltquote: 77 Prozent. Den Bildungskick holten sich die Deutschen bei Quizonkel Hansjoachim Kulenkampff ("EWG"), den freitäglichen Horror bei Ganovenschreck »Ede« Zimmermann ("Aktenzeichen XY ungelöst"). Lächerlich niedrig war der Gewinn bei »Was bin ich«-Rateleiter Robert Lembke (maximal 50 Mark), monoton die Begeisterung von »Dalli, Dalli«-Showleiter Hans Rosenthal ("Das war Spitze"). Die Marktanteile dieser Formate lagen oft bei 70 Prozent. Dann aber kam das Privatfernsehen - die Zielgruppen zersplitterten, die Tabus fielen. Selbst Hits wie »Tutti Frutti« (RTL) hielten sich nur kurze Zeit.

---------------------------------

Prinzessin für Milliarden

Olympische Spiele, Kreuzzüge, Kriege - die Mega-Events vergangener Jahrhunderte fanden faktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Zahl der Augenzeugen war überschaubar, und bis die Kunde vom Geschehenen sich verbreitete, vergingen Monate - mitunter gar Jahre. Erst mit dem Siegeszug von Radio und Fernsehen konnten Millionen Menschen plötzlich an Großereignissen teilhaben, ohne vor Ort zu sein. So wurde das vergangene Jahrhundert durch die Medien zu einem Jahrhundert der Massen - der gemeinsamen Bilder und der geteilten Erfahrungen. Rund 600 Millionen Menschen weltweit bestaunten etwa die Mondlandung 1969 - das bis dahin größte Fernsehpublikum aller Zeiten. Zwölf Jahre später wurden 750 Millionen zu TV-Trauzeugen, als Lady Diana Spencer Prinz Charles 1981 ihr Ja-Wort gab. Rund doppelt so hoch war 1985 dann die Einschaltquote beim von Bob Geldof organisierten »Live Aid«-Konzert im Londoner Wembley-Stadion, wo ein Chor in Starbesetzung den Titel »We are the World« vortrug. Und das Fernsehpublikum wuchs weiter: 1996 saßen 3,5 Milliarden Menschen, rund 60 Prozent der Weltbevölkerung, gerührt vor ihren Fernsehgeräten - Muhammad Ali, von seiner Krankheit schwer gezeichnet, entzündete im Stadion von Atlanta das Olympische Feuer und eröffnete die 26. Olympischen Spiele der Neuzeit. 1997 wurde dann gemeinsam getrauert: Wie schon ihre Hochzeit war auch die Beerdigung von Diana ein globales Medienereignis - 2,5 Milliarden Menschen nahmen übers Fernsehen Abschied von der Prinzessin.

---------------------------------

So viel Sex wie nie

Die sexfreie Zeit dauerte nur eine Woche. Nach einer Meldung, dass die »Bild«-Zeitung (Springer) das anonyme Pin-up-Girl auf Seite eins als »nicht mehr zeitgemäß« abschafft, hagelte es Proteste bei Deutschlands größtem Boulevardblatt. Als neben den Lesern auch Springer-Manager das Ende der launigen Rubrik monierten, reagierte »Bild«-Chef Udo Röbel sofort: Nach einer Umfrage kehrten die Mi-Ma-Mausesack-Miezen schnellstens wieder ins Blatt zurück. »Sex sells«, die alte Medien-Weisheit, ist offenbar ein Jahrtausendrezept. So viel Sex war noch nie: am Kiosk von den »St. Pauli-Nachrichten« bis zu »Penthouse«, im Fernsehen auf allen Kanälen - vom Arte-Themenabend »Erotik« bis zu »Strip!« beim Schmuddelsender RTL 2. Magazine wie »Playboy« und »Max« liefern sich einen Wettlauf um die nächste Prominente, die nackt ihr Cover ziert. Viele neue Medien sind erst mit Schlüpfrigem richtig groß geworden - von den ersten Bildplatten über Super 8, Video, CD-Rom und Bildschirmtext bis zur Video-CD. Und auch dem Mega-Medium Internet half erst Seichtes so richtig auf die Sprünge: Auf den ersten Websites, die kommerziell erfolgreich waren, gab es vor allem viel Busen und Bein. Und auch heute noch könnte das »E« in »E-Commerce« für Erotik stehen: Statistisch gesehen ist jeder dritte Surfer im Netz auf der Suche nach Sex, entsprechende Sites machten laut Forrester Research 1998 einen Umsatz von einer Milliarde Dollar. Längst ist das Netz zum Sex-Seller der Superlative geworden: von sinnlich bis hardcore, vom Hochglanz-Produkt bis zu Amateur-Aufnahmen, von einschlägigen Diskussionsforen bis zum Sex-Spielzeug-Versand - es gibt nichts mehr, das es nicht gibt. Und den Deutschen gefällt's: Mehr als die Hälfte aller auswärtigen Besucher von US-Sex-Seiten wählen sich aus Deutschland ein, und es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen - rund ein Viertel der Sex-Surfer sind Frauen.

---------------------------------

»Es ist ein Rätsel«

Ever Young, historisches Alter 289, genetisches Alter 20, Experte für historische TV-Rekonstruktion, über einen alten Fund, der die Phantasien der Bildschirmarchäologie beschäftigt

SPIEGEL: Herr Young, Ihnen ist ein jahrhundertealter Fund aus der TV-Frühzeit gelungen. Die Serie heißt »Derrick«. Was hat es damit auf sich?

Young: Ganz etwas Merkwürdiges - zwei Helden, die über Jahre ihr Äußeres kaum verändern, als hätte man zu damaliger Zeit schon die Möglichkeit gehabt, auf genetischem Weg das Altern zu stoppen.

SPIEGEL: Und der Inhalt?

Young: Die Ästhetik wirkt archaisch. Derrick schaut mit starrem Blick. So entlarvt er die Mörder, der Assistent dient ergeben. Mehr geschieht nicht.

SPIEGEL: Und das hat die Altvorderen fasziniert?

Young: Erstaunlicherweise. Es muss einen Kult um die Sendung gegeben haben. In den schriftlichen Zeugnissen aus dieser alten Zeit wird immer der Derrick-Satz zitiert: »Harry, hol schon mal den Wagen.« Wir haben den Satz in den Filmen jedoch nie entdeckt. Es ist ein Rätsel.

SPIEGEL: Wagen? Meint Derrick Kutschen?

Young: Nein, Autos. Sie hatten die Kutschen abgelöst, bevor sie vor 50 Jahren verschwanden.

SPIEGEL: Was werden Sie mit dem Material anfangen?

Young: Wir werden es mit den heutigen Techniken bearbeiten - die Dreidimensionalität hineinkopieren, die Geschichten dem heutigen Tempo anpassen und 200 Folgen auf 45 Minuten zusammenziehen. Mit der elektronischen Verdoppelungs-Spiegelungstechnik wollen wir versuchen, dieses archaische Material für heutige Ironie zu öffnen. Und wir haben aus dem Kulturcomputer noch ältere Vorlagen aus der Vorfernsehzeit herausgeholt und mit »Derrick« verglichen.

SPIEGEL: Mit welchem Ergebnis?

Young: Don Quijote und Sancho Pansa weisen mit den Protagonisten Derrick und Harry verblüffende Ähnlichkeiten auf.

---------------------------------

Unsterblichkeit wozu?

Seit die Genforschung den natürlichen Tod besiegt hat, beschäftigen sich immer mehr Menschen mit den Perspektiven eines ewigen Lebens. Vor allem der Überdruss an immer den gleichen Problemen des Jungseins, an den Dauerdiskussionen über die rechte Partnerwahl und die mühsamen Versuche, sich als Generation neu zu definieren, schaffen Schwierigkeiten. Der Kultursender Artrix widmet dem Komplex »Unsterblichkeit wozu?« einen Themenabend. Zunächst gibt es unter Leitung der Moderatorin Bärbel Pastorix einen Talk mit Todessehnsüchtigen unter dem Titel: »Da wär's auf einmal still«. Zum Schluss zeigt der Sender einen Film aus der Frühzeit: »2001«, in dem ein Computer den Menschentraum von der Unsterblichkeit zunichte macht.

---------------------------------

---------------------------------

Zur Ausgabe
Artikel 12 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.