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»Das war wohl der gleiche Zettelkasten«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Helmut Kohl im baden-württembergischen Wahlkampf *
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 11/1984

Also genau, was er gesagt hat, der Kanzler, das weiß Michael Eble, ein 24 Jahre alter Jurastudent aus Friedrichshafen, auch nicht mehr. Aber gefallen hat es ihm, er strahlt. Nichts muß er zurücknehmen von seiner hehren Einschätzung Helmut Kohls, die er vor dem Auftritt des Bonners im baden-württembergischen Wahlkampf am Donnerstag vergangener Woche gewagt hat - im Gegenteil.

»Man kann sich an seiner Person ausrichten«, hat er behauptet, und das ist nicht nur opportune Parteimeinung des Zweit-Kandidaten der Union im Bodensee-Kreis, das ist Überzeugung: »Helmut Kohl ist ein Hoffnungsträger für Menschlichkeit.« Ernst Arnegger, 40, ein Gymnasialrat für Mathematik, Kunst und katholische Theologie, hält Kohl jenseits aller parteitaktischen Überlegungen für »eine ehrliche Haut«.

Der Erst-Kandidat des Wahlkreises glaubt, daß viele seine Standfestigkeit, seine Geradlinigkeit, seine Bescheidenheit für provinziell halten, aber damit kann er sich identifizieren: »Dafür wird man verlacht, aber das muß man durchstehen.«

Auch Arnegger ist glücklich, nachdem der Kanzler 90 Minuten lang rund 5000 Schwaben in einer Messehalle mit der »Lage unseres Volkes in einer schwierigen Zeit« vertraut gemacht hat, ohne eine einzige politische Neuigkeit zu verraten.

Dafür weiß der Kandidat jetzt sozusagen amtlich, daß er ja sagen muß zu einem langen Atem vor der Geschichte, daß die deutsche Teilung mitten durch unser Land geht und daß wir »ein Stück Vernunft am Wegesrand als eine Zielmarkierung« brauchen, um mit den Japanern wirtschaftlich konkurrieren zu können. Vor allem aber weiß Arnegger, daß die CDU dank des Kanzler-Auftritts am Bodensee wieder auf die 60-Prozent-Marke zumarschiert. »Optimal«, freut er sich, »das war optimal.«

Am Pressetisch in der Messehalle von Friedrichshafen haben natürlich wieder alle gestöhnt und gegackert, auch die Kollegen von der Heimatpresse, wenn Kohl verkündet, er sei nicht gewählt, »damit ich mächtigen Gruppen um den Mund herumrede«, und daß im Begriff »Heimat« etwas »mitschwingt vom Wesen nicht nur des Verstandes, sondern auch das, was aus dem Herzen kommt«. Die Schwaben in den Sitzreihen aber haben ernst genickt. Richtig gläubig sehen viele dabei aus, ergriffen und gespannt zugleich.

»Da klingt was an«, sagt ein CDU-Unternehmer später im Pußta-Keller bei der frohen Manöverkritik, »da werden Werte angesprochen, die verschüttet schienen.« Ein junger Lehrer bemüht sich sichtlich um intellektuelle Distanz, aber auch er bekennt: »Eigentlich kann ich ihm nirgends richtig widersprechen.«

Alle sind fest davon überzeugt, Helmut Kohl habe gezielt den richtigen Ton für ihre regionale Bewußtseinslage getroffen - sehr konservativ, wohlhabend, ein bißchen gönnerhaft großzügig gegenüber Jungen, berufstätigen Frauen und sozial Schwachen (was alle für liberal halten) sowie uneingeschränkt technologie- und wachstumsgläubig, also »vernünftig«.

Doch in Niedersachsen, Berlin oder anderswo käme der Kanzler bei einer Mehrheit mit seinen Bekenntnissen zu Leistung, Fleiß, Mütterlichkeit, Ordnung und Optimismus, die er ungeordnet und nach eigener Einschätzung »leidenschaftlich« vorträgt, gewiß genauso an. In Frankfurt hat er dieselbe Rede - mit Ausnahme einiger weniger Passagen - schon einmal gehalten. Da konnte man Stecknadeln fallen hören in der Weihestimmung. Das war im September 1982, eine Woche bevor er ins Kanzleramt einzog.

»Ja«, bestätigt ein Begleiter aus der Bonner Parteizentrale, »das war wohl der gleiche Zettelkasten.« Helmut Kohl braucht aber keine Stichwortsammlung für Sätze wie: »Wer Rechte hat, hat auch Pflichten«, »Junge Leute müssen Beispiele sehen«, »Leistung muß sich wieder lohnen«, »Neid darf kein Mittel der Politik sein« und »Was zu Hause nicht gedeiht, gedeiht auch nicht im Vaterland. Die Familie ist die wichtigste Zelle eines jeden Volkes«. Er hat solche Sätze im Blut.

Nicht, was ist, sagt der Kanzler, sondern, was sein soll. Da denkt er und redet wie seine Zuhörer. Er ist einer von ihnen, sie sind wie er: »Das haben Sie nicht vergessen und ich auch nicht«, schließt er beiläufig seine Ausführungen zur wirklichen »Stunde Null« unseres Volkes - Weihnachten 1947.

Nur wenige stören. Junge Demonstrierer halten brav ihr Schild »Lehrstellen-Lüge« hoch und rufen tapfer »Schwätzer« und »aufhören«. Kohl ermutigt sie immer wieder - »Wer Revolution machen will, der muß auch tough sein, der muß zeigen, was er kann« -, um sie als Produkte sozialliberalen Irrweges vorzuführen. Einmal lachen sie besonders laut - an völlig falscher Stelle.

Da sagt der Kanzler nämlich: »Ich bin ein ganz typischer Deutscher«, und das ist wohl wahr und gar nicht zum Lachen. Nicht nur, weil er das im Zusammenhang mit den Opfern zweier Kriege erwähnt, _(Mit dem CDU-Landtagskandidaten Ernst ) _(Arnegger. )

die auch seine Familie zu beklagen hat, sondern auch, weil die Art typisch ist, wie er sich und seine Zuhörer entlastet: »Es wäre doch absurd, wenn wir dafür (für den Frieden) nicht sensibel wären« - wir Deutschen, wir Älteren hier, die »wir durch ein Meer von Blut und Tränen« gewatet sind, »Haus und Hof und Hab und Gut« verloren haben und nach dem Kriege »hier in Friedrichshafen und sonstwo« aus den Kellern herausgekrochen sind, um aufs neue die Ärmel aufzukrempeln.

Nein, Frieden will Helmut Kohl auch. Und »die Gefahr der Apokalypse«, die hungernden Kinder in der Dritten Welt, sie lassen den Kanzler nicht gleichgültig. Erbittert sagt Helmut Kohl: »Damit das klar ist, wir sind doch nicht waffensüchtig.« Aber da ist eben die Geschichte, die »hat uns nie verlassen. Und immer, wenn es kritisch wird, holt sie uns selbstverständlich auch ein«.

Eine ihrer Lehren heißt, daß man Diktaturen nur zwingen kann, Tatsachen zu sehen. Deshalb also die Nachrüstung: »Wir haben einer bitteren Pflicht genügt.« Und an jene gewandt, »die da Angst im Gesicht tragen«, ruft der Kanzler aus: »Wir Deutschen, die bei klaren Sinnen sind, sind alle eine Friedensbewegung.«

Kaum einmal ist der Beifall herzhafter und inniger als an dieser Stelle, wozu man wissen muß, daß nicht wenige im Saal ihr Häusle und ihren Wohlstand dem Bau von Panzermotoren und anderem Kriegsmaterial verdanken. Weshalb auch des Kanzlers Verhalten in Israel hier viel Sympathie findet.

Helmut Kohl wirkt sehr sicher in dieser Umgebung. Er wirbt nicht mehr wie früher um Einverständnis, er setzt es voraus. Ganz wie Präsident Ronald Reagan in Washington, mit dem er gerade von Mann zu Mann geredet hat, ist er im Bunde mit den Leuten - »Sie, die Sie den obersten Souverän, den Wähler, darstellen«.

Von Mensch zu Mensch, von Souverän zu Souverän, teilt er ihre Klagen über den Staat, der über seine Verhältnisse lebt, sich in alles einmischt, kein Vertrauen zu den Menschen hat, ihnen in die Tasche greift. Er tut, was er kann. Aber was kann er schon? »Ich mag das Wort von der Wende nicht, weil es die Wirklichkeit nicht wiedergibt«, räumt Kohl ein. Nichts geht von heute auf morgen, und gar nichts vermag er allein.

Zum Glück ist der Kanzler aber nicht verlassen, diese Gewißheit hat er an den Bodensee getragen, und die nimmt er verstärkt wieder mit. Da ist die Gemeinschaft »aller, die guten Willens sind«. Da sind »die Einsichtigen«, jene, »die bei klaren Sinnen sind« - kurz, »die riesige Mehrheit«. Sie schließt sich um Helmut Kohl zusammen, froh, so sagen es die CDU-Mitglieder im Pußta-Keller, daß endlich einer mal was Positives sieht und sagt, dankbar, daß er sie mit Ängsten verschont.

Er hält ihnen »die ausgestreckte Hand des Partners« hin - die, »nicht die geballte Faust des Genossen«, ist das Markenzeichen einer geistig-moralisch erneuerten Republik. Kohl: »Wir müssen wieder zu unserer Mitte finden. Das ist auch die geschichtliche Mitte. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und das ist gerade bei den jungen Menschen mit Händen zu greifen.«

Der Kanzler hat nichts gegen junge Leute, im Gegenteil. »Das ist eine gute Generation«, sagt er. Er lobt ihr Engagement. Die dürfen auch ruhig anders aussehen als die Alten, nur sein müssen sie wie die. Eine formierte Gesellschaft wie Ludwig Erhard will der Kanzler nicht. Nicht einmal das Wort mag er aussprechen, er steht einer formierten Familie vor.

Helmut Kohl ist ein gütiger Vater aller, die wie er Sorgen haben, denen es aber »insgesamt nicht schlecht geht«. Zu lange ist es ja »beinahe unkeusch« gewesen, das einzugestehen. Trotzig sagt er es deshalb auch in Friedrichshafen wieder: »Mir geht es gut.« Der Pessimismus ist nichts als eine »späte, trübe Brühe« aus Oswald Spenglers »Untergang des Abendlandes«.

Der Kanzler ist aber ein überaus strenger Vater gegenüber allen, die seine Vernunft partout nicht begreifen wollen, wie die Friedensdemonstranten etwa. Denen sagt er: »Wir sind nicht die Republik von Weimar. Wir sind die Republik von Bonn. Und bei uns wird in den Verfassungsorganen und nicht auf der Straße Politik getrieben.« Und sein ganzes zentnerschweres Selbstgefühl legt er in den Satz: »Eine Regierung, die ich führe und die meinen Namen trägt, wird keinen Meter vor irgendeiner Bedrohung zurückweichen.«

Das mag die große Unionsfamilie. Hände grapschen nach dem strahlenden Kanzler, der beglückt zurückgreift. Dankbarkeit breitet sich aus, jeder dankt jedem.

Nicht einmal die Gäste des Jugendzentrums gegenüber scheinen sich da ausschließen zu wollen. »Wir danken«, prangt auch als Parole auf ihrem Dach - doch der Rest verstimmt -, »für Raketen und Arbeitslose.«

»Sollnse doch gehen«, empört sich eine alte Dame, und ihr Mann nickt: »Sollnse doch rüber.« Dutzende Male wiederholen sich immer diese Sätze. Was den Undankbaren, Uneinsichtigen, die nicht guten Willens sind, dort bevorstünde, hat Helmut Kohl der Versammlung, die »auf der Sonnenseite der deutschen Geschichte lebt«, auch ausgemalt: »Sie würden für den Rest des Jahres aus dem Verkehr gezogen.«

Mit dem CDU-Landtagskandidaten Ernst Arnegger.

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