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Das wird mit keinem Wind verwehen

aus DER SPIEGEL 5/1979

Ein Mann, in ein KZ gesperrt und täglich von der Willkür der Wachmannschaft und davon bedroht, daß sein Name auf einer Liste der zu Tötenden erscheint, muß an einem See arbeiten. Plötzlich sieht er im Wasser etwas auf- und niedertauchen. Er springt in den See und rettet eine Frau, deren Boot umgeschlagen ist und die nicht schwimmen kann.

Als er die Frau an Land gebracht hat - da hat er eine KZ-Aufseherin gerettet. Seine Kameraden beschimpfen, verfluchen ihn. »Ich konnte ja nicht wissen, wen ich da rettete«, sagt er verstört. Er hat doch nur getan, was ein Mensch zu tun hat.

Eine Szene aus »Holocaust«, erfunden, um inmitten von unmenschlichen Vorgängen an die Menschlichkeit zu erinnern? Nein. Das berichtete der Mann, der in den See gesprungen war, als Zeuge 1964 im ersten Auschwitz-Prozeß in Frankfurt.

In Auschwitz spricht ein Erwachsener, dem der Tod in der Gaskammer bevorsteht, über einen Drahtzaun, der Lagerteile voneinander trennt, mit einem neunjährigen Jungen, dem der Tod in der Gaskammer bevorsteht. Der Junge heißt Karli, er ist Tscheche.

»Karli, du weißt aber sehr viel«, sagt der Erwachsene schließlich. »Ich weiß, daß ich viel weiß«, antwortet der Junge: »Und ich weiß auch, daß ich nichts mehr dazulernen werde. Und das ist das traurigste.«

Eine Szene aus »Holocaust«, erfunden, um die besondere Grausamkeit deutlich zu machen, die Kindern widerfuhr? Nein. Ein Zeuge berichtete das 1964 im ersten Auschwitz-Prozeß. Er hat dabeigestanden, als der Erwachsene und der neunjährige Junge miteinander sprachen.

In einer Bunkerzelle in Auschwitz liegen Menschen am Boden, sie stöhnen, würgen, versuchen um Hilfe zu rufen, doch sie bringen kein Wort mehr heraus. Als man später die Leichen der Verhungerten abholt, hat einer der Toten Schuhe ohne Sohlen an den Füßen. »Vielleicht hat er sie gefressen«, meint ein SS-Mann, und er irrt sich nicht.

Eine Szene aus »Holocaust«, erfunden, um zu vermitteln, wie elend die Opfer gestorben sind? Nein. Ein Zeuge, ein Überlebender, berichtete das 1964 im ersten Auschwitz-Prozeß. Und er fügte hinzu: »Als ich noch klein war, da sagten wir im Spaß: 'Dann esse ich meinen Schuh.' Wir wußten damals nicht, daß man Schuhe wirklich essen kann.«

Dies alles und unendlich viel mehr ist aus den NS-Prozessen berichtet worden. Das war zu lesen doch das ist überlesen worden. Warum?

Beispiele wie die, an die hier erinnert wird, wurden so beiläufig wie möglich, wurden sozusagen tonlos mitgeteilt. Denn einmal ging es da um Augenblicke im Gerichtssaal, in denen man sein Gesicht verborgen hatte, weil einem die Tränen in die Augen schossen (und man suchte sein Gesicht auch noch beim Schreiben zu verbergen).

Und ein andermal sollte in diesen Prozessen ja doch leidenschaftslos aufgeklärt werden. Und darum galt es, das »nur Anekdotische« zurückzudrängen. Es sollten Erkenntnisse gewonnen werden, die uns in die Lage setzen, eine Wiederholung des Entsetzlichen zu verhindern. Nüchtern, analytisch, fast wissenschaftlich hatte man zu reagieren und vor allem zu berichten.

Die herzzerreißenden Beispiele wurden verlegen eingeschoben. Sie gerieten an den Rand der Darstellung von Rechts- und Verfahrensfragen, von soziologischen, psychologischen und philosophischen Problemen. Es wurde allenfalls verständlich, doch keinesfalls spürbar gemacht, was geschehen ist.

Vielleicht war tatsächlich nicht mehr zu übermitteln, damals jedenfalls nicht und damals wie heute nicht durch Berichterstattung. Die Wirklichkeit überfordert das Darstellungsvermögen des Journalisten (und auch die Aufnahmefähigkeit des Lesers) immer ärger. Wer sich der Wirklichkeit aussetzt und dann Erfundenes aufschreibt - vielleicht teilt er mehr mit als jene, die der notwendigen, peinvollen Unvollständigkeit ihrer Berichte wegen Berichterstattung nur noch vorgeben können.

Doch, wie auch immer - es hat nicht genügt, was die Jahre von 1933 bis 1945 angeht, daß die Summe des Leids herausgearbeitet wurde. Die einzelnen Schicksale, aus denen sich diese Summe zusammensetzt, sind verdrängt worden. Spätestens seit dem Ende des ersten Auschwitz-Prozesses 1965 hat man nur noch mit dem Kopf aufgeklärt.

Entwicklungen sind sichtbar, Kräfte, die sich auswirkten, deutlich geworden. Die Zeitgeschichtler und die Historiker waren tüchtig. Doch sie haben auch, soviel ihnen gelungen ist und gewiß gegen ihren Willen, »Verleugnungsarbeit« geleistet. »Holocaust« hat getroffen, weil es daran erinnert, daß jede Ziffer, die in die Summe unter dem Schlußstrich einging, ein Mensch gewesen ist.

Es geht nicht ums Verzeihen und nicht ums Schuldigsprechen. Es geht aber auch nicht nur darum, wie es dazu kam, damit es nicht wieder vorkommt. Keine gesicherte Erkenntnis, kein unstreitiges wissenschaftliches Ergebnis wird eine Wiederholung verhindern - wenn nicht unvergessen bleibt für immer, was die einzelnen gelitten haben.

Die Verzweiflung derer, die von geliebten Menschen getrennt wurden, die Qual der Gefolterten, die Todesangst, der physische Schmerz der letzten Sekunden - das ist millionenfach gelitten worden, das ist über uns und um uns. Das wird bis zum Ende unserer Geschichte mit keinem Wind verwehen.

Was alles jammert nicht, weil ausgerechnet »Holocaust« traf - der Kunstverstand, die Akribie der Forschung, das Engagement des Gewissens. Doch das portugiesische Sprichwort, das Paul Claudel seinem Schauspiel »Der seidene Schuh« voranstellte, lautet: »Gott schreibt gerade auch auf krummen Zeilen.«

Und ist die Zeile »Holocaust«, rüdes kapitalistisches Interesse mag sie betrieben haben, tatsächlich so krumm? Ist wirklich alles trivial und kitschig? Ich kann zu fast jeder Passage von »Holocaust« sagen, was in sie eingegangen ist vom Leiden einzelner, ob von den Produzenten beabsichtigt oder nicht.

Da gibt sich die »Arierin« Inga dem SS-Mann Müller hin, um ihrem Mann, dem Maler Weiss, Briefe ins KZ schreiben zu können. Kintopp? Ach, »Holocaust« ist barmherzig. Ich habe in NS-Prozessen von Frauen gehört, die sich um der mit ihnen Leidenden willen im KZ an die SS-Schergen herangemacht, sich ihnen angeboten haben und mit ihnen ins Bett gegangen sind - damit diese SS-Schergen anschließend in der Hand ihrer Häftlinge waren, denn damit ist man in den Lagern streng gewesen, das wurde hart bestraft.

Da zittert der Maler Pfälzer in »Holocaust« in Erwartung der Folter. »Ich bin kein tapferer Mann«, weinte er. Kintopp? In den NS-Prozessen hat man auf das furchtbarste von letzten Stunden und Minuten erfahren, in denen keiner den Opfern in der Schwäche beistand, der sie ausgeliefert waren.

»Ich war immer ein Feigling«, sagt der Maler Weiss in Erwartung der Folter, »ich lief immer davon. Ich habe geweint an meinem ersten Schultag.« Das ist nicht kitschige Erfindung - das waren die Augenblicke, in denen die Opfer in sich hineinstürzten, in denen sich ihnen Einsichten aufzwangen, die sie, isoliert und zermartert wie sie waren, nicht mehr nutzen, die sie nur noch erleiden konnten.

Allein oder zu hundert in die Todeskammern der Schlachthöfe für Menschen gepreßt sterben - die letzten Worte, die keiner hört, niemand wird erfahren, was mit einem geschah, kein Gedanke, kein Gefühl wird dem gelten können, was man gelitten hat, weil niemand weiß, wo man geblieben ist ... »Holocaust« ist barmherzig. Es mutet nicht mehr zu, als gerade noch zu ertragen, zu fühlen ist. Die Zigeuner, die Zigaretten rauchen, die einen SS-Mann angreifen, um erschossen zu werden: Kintopp? Ich kann die nicht zählen, von denen ich in den NS-Prozessen hörte, daß sie in den Todeszaun rannten oder auf andere Weise ihren Tod herbeizwangen, weil sie das Warten auf den Tod nicht mehr ertrugen.

Der Versuch, Zeugnisse zu hinterlassen, Texte und Bilder, sie zu verwahren, sie hinauszuschmuggeln, sie als Flaschenpost in den Strom zu werfen, in dem man untergehen würde, damit wenigstens eine Spur bleibt: Da zeigt »Holocaust« nur den Schatten. Und es zeigt auch nur den Schatten, nur das, was gerade noch zu fassen, zu spüren ist, wenn es die Todgeweihten von Italien und seinen Kunstschätzen sprechen, von den Reisen träumen läßt, die man später unternehmen wird.

Da sitzen Mutter und Tochter Weiss am Bechstein-Flügel in der Wohnung, die sie verlassen müssen, und spielen und singen noch einmal die »Loreley": Kintopp? Ein Jude hat das Buch geschrieben, das die Deutschen entlastet wie kaum ein anderes, weil doch der Massenmörder Hitler über sie gekommen sein soll. Sie waren so verzweifelt deutsch, unsere Juden. Was alles bündelt die »Holocaust«-Szene am Bechstein-Flügel...

Was wird von »Holocaust«, von diesem Aufschrecken bleiben? Wir sind schon wieder am Analysieren. Ein Historiker hat in verzeihlichem, aber verräterischem Eifer des Aufklärens in einer der Fernseh-Diskussionen von dem »hervorragenden Grundlagenmaterial« gesprochen, das uns doch für unsere Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit zur Verfügung steht.

Material haben wir wahrlich. Doch »Holocaust« hat an das erinnert, was wir in der Summe der Katastrophe bis zum völligen Verschwinden aufgehen ließen: an das Leiden der Millionen einzelnen, an das, was über uns und um uns ist; an den Schmerz, an die Angst, an die Qual, die kein Wind verweht.

Ist eigentlich alles, was geschah, so schwer verständlich, so unerklärlich? Plagt uns nicht vor allem, daß wir dies Unheil der perfekten Ausrottung angerichtet haben? Und wenn wir noch so nüchtern analysieren - geht es nicht auch dabei noch um Schuldverweisung von uns weg? Unschuldige wird es nicht geben, solange wir Schuld zumessen. Die Schuld der Unschuldigen ist mit »Holocaust« wohl ein letztes Mal spürbar geworden. Noch einmal können wir sie auf uns nehmen.

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