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FRANKREICH Das Wunder von Dijon

aus DER SPIEGEL 1/1952

Seit protestantische Reformatoren im 16. Jahrhundert begannen, den Heiligen Nikolaus (den vormaligen Bischof von Myra und legendären »Retter der drei armen Bräute") wieder durch den heidnisch-germanischem Brauch entstammenden rauhen, rotnasigen Julklapp zu ersetzen, hegt die katholische Kirche einen tiefen Groll gegen den Weihnachtsmann. Sie bildete sich eine schlimme Meinung von der protestantischen Ketzerei, den Weihnachtsmann als schutz- und hilfsbereiten Knecht des heiligen Christkindes auftreten zu lassen, das in der Krippe immerhin noch ein wenig zu klein zum Gabenschenken ist.

Doch des Weihnachtsmannes Popularität wuchs auch im katholischen Oesterreich (als »Krampus") und Frankreich (als »Père Noël"), erreichte ihren gefährlichen Höhepunkt, als ihn das »überkommerzialisierte« 20. Jahrhundert zur zugkräftigsten Reklame für das Weihnachtsgeschäft machte. Also wuchs der Groll der katholischen Kirche.

Er verbündete sich mit den hochfliegenden Gedanken von UNO-Weltbürgern und dem Aufklärungsfimmel moderner Komplex-Psychologen und führte in der Weihnachtswoche zu einem Komplott, den Weihnachtsmann zu zerstören.

Erklärte der kanadische UNO-Delegierte Dr. Brock Chilsholm: »Diese Mythe (vom Weihnachtsmann) entwickelt bei den Kindern die Gutgläubigkeit, ein Gefühl der Verantwortungslosigkeit und einen Komplex, der zu aggressiven Reaktionen führt. Ich werde den Fall vor die UNO bringen und die partikularistischen und nationalistischen Fiktionen angreifen, die den Kindern den universellen Geist rauben, den der Mensch zur Lösung der heutigen Probleme braucht.«

Der Erzbischof von Toulouse und der assistierende Bischof des gallischen Primats wetterten in der Adventszeit gegen das Eindringen heidnischer Bräuche ins christliche Weihnachtsfest und forderten die Gläubigen auf, Père Noël hinzurichten »aus dem einfachen Grund. weil er nicht existiert und niemals existiert hat«. Der Erzbischof von Besançon schloß auch gleich den heidnischen Osterhasen in seine Verbannung ein.

Dann, am Tag vor Heiligabend, zog eine von ihrem jungen Priester Abbé Nourrisat aufgestachelte Rotte von etwa 250 Kindern zwischen 12 und 16 Jahren in der ostfranzösischen Stadt Dijon (84 000 Einwohner) vor die Kathedrale St. Benigne. Sie schleppten einen ausgestopften Weihnachtsmann mit, henkten ihn gröhlend am Eisenzaun der Kirche, bewarfen ihn spottend mit Bananen- und Apfelsinenschalen. »Verdient Père Noël den Tod?« schrie ein Knirps mit Zylinder. »Ja, ja«, brüllten seine Genossen. So bauten sie einen Scheiterhaufen und verbrannten den Weihnachtsmann unter Jubelgeschrei wie einen schmutzigen Ketzer. Hinterher hing ein Zettel an der Kirchentür: »Dies ist ... ein lauter Protest gegen eine lügnerische Mythe, die unfähig ist. religiöses Gefühl in den Kindern zu erwecken ... Der Weihnachtsmann entspringt Geistern, die Gott nicht kennen ...« Doch

für alte Mythen, ob lügnerisch oder nicht, gibt es keinen Tod.

Heimlich brachten andere Kinder, Weihnachtsmann-Anhänger, in der Heiligen Nacht Blendlaternen mit auf den Rathausplatz von Dijon. »Der Weihnachtsmann ersteht auf!« riefen sie, und fünfzehnmal soviel Kinder und Erwachsene wie bei der Verbrennung strömten zusammen. Tatsächlich, im Licht der Lampen tauchte der Weihnachtsmann auf dem First des Rathauses auf.

Zwischen den beiden Schornsteinen stand er frisch und gesund, lachte herab, strich über seinen Bart und erklärte: »Niemand kann mich töten, denn wenn ich stürbe, blieben eure Strümpfe morgen früh leer. Nur so lange ihr an mich glaubt, gibt es Geschenke in Mengen.«

Das junge und alte Volk von Dijon erlag dem materialistischen Versucher, brach in begeisterte Hochrufe aus und zog singend nach Hause.

In der würdigen Pariser Zeitung »Le Monde« hoffte André Bondu in einem besinnlichen Kommentar zum Wunder von Dijon, daß sich nunmehr die Aussichtslosigkeit auch einer Chilsholmschen UNO-Aktion (ein entsprechender Antrag wurde tatsächlich in der UNESCO-Erziehungsorganisation eingebracht) gegen den Weihnachtsmann herausgestellt habe. Der antiklerikale »Combat« murmelte düster: »Die Lage der Inquisition sind noch nicht lange genug vorüber, als daß man eine solche Demonstration dulden könnte.«

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