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RUDOLF AUGSTEIN Das Wunder von Hamburg

Das Wunder von Hamburg *
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 20/1988

Es ist wohl keine Frage, daß Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi sich um das politische Gemeinwesen verdient gemacht hat. Seine Gründe für den Rücktritt, soweit sie nicht gezielt abgegeben wurden, klingen auch überaus glaubhaft.

Zwanzig Jahre in irgendwelchen politischen Spitzenpositionen, das ist eben heute, noch mehr als früher, zuviel. Das hat bisher kaum jemand durchhalten können - sogar der alte Adenauer nicht -, das wird man künftig nur noch kürzere Zeit durchhalten können. Politik ist auch ein schmutziges, mehr aber noch ein schlauchendes Geschäft.

Klaus von Dohnanyi übelzunehmen, daß er nicht länger gewollt hat, wäre Torheit. Aber sehr wohl darf man fragen, ob er die richtige Übung gewählt hat. Denn immer noch gilt, laut Schiller (Karl), daß ein guter Abgang die Übung ziere. Und bei Karl Schiller hat der Dr. jur. von Dohnanyi schließlich als beamteter Staatssekretär angefangen.

Ich versuche, die Ereignisse zu rekonstruieren. Gut, er war Anfang November vorigen Jahres, nicht zuletzt wegen des Komplexes »Hafenstraße«, amtsmüde. Wenn er am 10. November einen Abschiedsbrief entworfen hat, warum hat er uns von dessen Existenz nachträglich noch in Kenntnis gesetzt? Denn vor ihm lag ja die schlimmste Bewährungsprobe seines Lebens, das Hamburger »Wunder«, von dessen Aufscheinen er noch nichts wissen, das er nur ansteuern konnte.

Hier bleibt eine Ungereimtheit. Zurückzutreten war immer noch Gelegenheit, wenn er sich den Leuten der Hafenstraße oder seinen eigenen Law-and-order-Senatoren nicht beugen wollte.

Man muß denken: Er hatte vor, die Hafenstraße in die Waagschale zu werfen, um zu einem unbeschadeten Rückzug zu kommen. Es durfte aber beileibe die Hafenstraße nicht sein.

Statt dessen warf er »sein Amt« in die Waagschale, und jeder glaubte ihm. Aber was ist ein Amt wert, das man ohnehin nicht mehr will?

War dem wichtigsten politischen Mann Hamburgs damals nicht bewußt, daß sein frischerworbener Heiligenschein ohnehin verblassen könnte, erstens, weil so was ganz Rechtes und Einklagbares gar nicht verabredet worden war; und zweitens, daß nur er, wenn überhaupt einer, das Scheitern dieser absonderlichen und fragwürdigen Konstruktion würde verhindern können? Einmal Chefsache, immer Chefsache?

Wer die Vergangenheit dieses Ersten Bürgermeisters kennt, ahnt wohl, daß er psychisch nicht in der Lage war, der Polizei, und mehr als Grund genug lag dazu ja vor, den Einsatzbefehl zu geben. Sein Vater war einer der konsequentesten Widerständler gegen Hitler gewesen und als solcher auch hingerichtet worden. Es gehörte nach des Bürgermeisters Selbstverständnis mehr Mut dazu, den Einsatzbefehl nicht zu geben, als ihn zu geben.

So hat er seine Chefsache behandelt. Aber warum dann drei Tage nach dem Wunder vom 17. November 1987 seinen Rücktritt für den 15. März 1988 ankündigen, mit dem doch recht sonderbaren Ergebnis, daß der Brief, wie man leider sagen muß ein Alibi-Brief ("FAZ": »Vorsorge-Brief"), von der Präsidentin der Bürgerschaft nicht zu den Akten genommen werden konnte? Sein in Aussicht genommenes Rücktrittsdatum sollte der 15. März sein. Dachte er ernsthaft, bis zu diesem Zeitpunkt würde sich das Problem Hafenstraße erledigt haben? Schlimm, wenn es so wäre.

Schlimmer noch, wenn er tatsächlich angenommen hätte, es genüge, Björn Engholm zu dessen ja auch nicht ganz selbst verdientem Wahlsieg zu gratulieren und zwei Tage danach in der privaten Versenkung zu verschwinden. Das Gerede vom 800. Hafengeburtstag 1989 wollen wir mit dem Mantel der Liebe zudecken.

Jedem, der diesen hochfahrenden und honorigen und liebenswerten Mann kennt, war klar, daß er die Hafenstraße, so oder so, politisch nicht überleben könnte. Er war dafür nicht gestrickt. Und irgendeinen Grund zu scheitern braucht man ja immer.

Aber es ist nicht damit getan, wie Ludwig Erhard im vorhinein »geschichtliche Lügen« zu widerlegen, hier diese: daß der eigentliche Grund ein uneigentlicher gewesen sei. Dohnanyi, diesem politischen Vorbild, vielleicht nicht gerade der Jugend, aber doch aller politisch nicht gänzlich stumpf Gewordenen, hätte man solch einen Abgang nicht gewünscht.

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