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FRANKREICH / ALGERIEN Das Zauberwort

aus DER SPIEGEL 21/1959

Wie brüchig der Boden ist, auf dem sich Charles de Gaulle bei der Lösung des Algerienproblems bewegen muß, offenbarten in der vergangenen Woche die Feiern zum ersten Jahrestag des 13. Mai 1958, jenes Tages, an dem der Putsch in Algier Frankreichs volldemokratischer IV. Republik den Todesstoß versetzt hatte. Nur mit Mühe gelang es de Gaulles Soldaten, eine ausreichende Menschenmenge zur Teilnahme an den offiziellen Feiern in Algier zu bewegen und damit eine Blamage des Staatschefs zu verhindern.

Bereits einige Tage vor dem 13. Mai fuhren Lautsprecherwagen der französischen Armee durch die Straßen Algiers und schepperten: »Am 13. Mai wird die Armee wieder im Forum von Algier mit der Bevölkerung vereinigt sein. Kommt alle, um die Verbrüderung zwischen Franzosen und Muselmanen zu erneuern!« Der französische Oberst Crozafan versprach: »General de Gaulle verwirklicht die Integration von Frankreich und Algerien, die das algerische Volk am 13. Mai 1958 so heiß gefordert hat.«

Indes, große Teile der Bevölkerung ließen sich von solchen Tiraden nicht zur Teilnahme an den »13. Mai«-Feiern des gaullistischen Regimes verlocken. Vor allem die Extremisten unter den französischen Siedlern Algeriens - nur 10 000 Franzosen erschienen zur Kundgebung auf dem Forum von Algier - demonstrierten durch ihre Abwesenheit, daß sie der Algerien-Politik Charles de Gaulles kaum noch vertrauen. Dieses Mißtrauen gegen den Retter Frankreichs war bereits in Auseinandersetzungen zwischen den Algerien-Franzosen und Staatschef de Gaulle deutlich geworden, in denen es um die Frage ging, in welcher Form Frankreich des 13. Mai 1958 gedenken solle. Dem feiertagsfreudigen Präsidenten erschien es angemessen, den ersten Jahrestag des 13. Mai als einen Tag der Verbrüderung zwischen Franzosen und Muselmanen zu begehen.

Die Sprecher der französischen Extremisten in Algerien dagegen, vom Mißtrauen bedrängt, der General könne den Muselmanen größeres Recht einräumen, als es das Integrations-Konzept der Kolonisten erlaubt, erklärten, der 13. Mai könne nur ein Tag der Trauer sein - der Trauer auch darüber, daß de Gaulle noch immer nicht die kompromißlose Integration zwischen Frankreich und Algerien verwirklicht habe. Es fehlte nicht an Scharfmachern, die für den 13. Mai zu Protestdemonstrationen gegen die Schwäche der Pariser Regierung aufriefen.

So verfiel der phantasievolle de Gaulle in seiner Bedrängnis auf die komplizierte Idee, am 13. Mai müsse Algerien zwar feiern, aber nicht den 13. Mai als den Tag des Aufruhrs gegen Paris, sondern den 16. Mai als jenen Tag, an dem sich Franzosen und Muselmanen zu dem gemeinsamen Ruf nach dem Retter Charles de Gaulle vereinigt hätten. Frankreichs Generaldelegierter in Algerien, Delouvrier, beeilte sich denn auch, nach einer Unterredung mit dem Präsidenten zu erklären, die algerische Bevölkerung werde am 13. Mai den ersten Jahrestag »der Maitage von 1958« würdig feiern.

Argumentierte Delouvrier: Man dürfe nicht vergessen, daß der Putsch des 13. Mai erst durch die Verbrüderung zwischen Franzosen und Muselmanen und durch den Ruf nach de Gaulle seinen historischen Sinn erhalten habe.

Derartige fromme Sprüche fanden aber bei den chauvinistischen Verbänden Algeriens keine Resonanz. Der Wohlfahrtsausschuß von Algier konterte vielmehr mit derAufforderung an die Algerien-Franzosen, allen offiziellen Festakten des gaullistischen Regimes fernzubleiben. Auch der Verband der ehemaligen Kriegsteilnehmer und die Studentenbewegung. Algeriens erklärten, ein Tag der Brüderlichkeit sei unangebracht in einem Lande, wo ein rücksichtsloser Gegner jeden Tag französische Menschen entführe und ermorde.

Doch die Pariser Regierung ließ nicht nach, die Feiern der »Brüderlichkeit und der Erneuerung« den algerischen Extremisten schmackhaft zu machen. Die drohende Haltung der französischen Nationalisten verdeutlichte dem General de Gaulle die Gefahren der Lage: Ein erfolgreicher Boykott der offiziellen Feiern mußte das Staatsoberhaupt brüskieren und seinem Prestige einen vielleicht unheilbaren Schlag versetzen.

Der General sah sich nun gedrängt, den Extremisten einen Schritt entgegenzukommen. Charles de Gaulle entschloß sich, jenem »Integrations«-Dogma der französischen Kolonisten eine Reverenz zu erweisen, durch das Algerien für alle Zeiten im Besitz Frankreichs bleiben soll. Der Staatschef hatte bisher instinktiv davor zurückgeschreckt, einem Schlagwort zuzustimmen, das seinen eigenen Vorstellungen von einer Lösung des Algerien-Konflikts, die de Gaulle auf eine echte Partnerschaft von Franzosen und Muselmanen gründen will, widerspricht.

Der Retter Frankreichs hatte keinen rhetorischen Umweg gescheut, um einer Begegnung mit jenem Schlagwort auszuweichen. »Ich habe euch verstanden!« rief er einmal heftig gestikulierend den Integrations -Pathetikern zu, während er ihnen in einer anderen Rede geheimnisvoll versicherte: »Dem Lande Algerien ist ein besonderer Platz bestimmt.« Das entscheidende Wort aber sagte er nicht.

Jetzt mußte sich der Präsident indes zur »Integration« äußern, um die aufgeregten Gemüter unter den französischen Extremisten in Algerien zu beruhigen. De Gaulle bekannte sich zur Integration, freilich in einer Form, die den französischen Staatspräsidenten zu nichts verpflichtete und dennoch die Extremisten zu schwächen versprach.

Der General empfing Ende April den algerischen Abgeordneten Pierre Laffont, Chefredakteur des »Echo d'Oran«, im Pariser Elysée-Palast und erlaubte seinem Gast anschließend, den Inhalt des Gesprächs in Form eines Interviews zu veröffentlichen. Einen Tag später erschien es in Laffonts Zeitung.

Aus diesem Interview erfuhren nun die Franzosen zum erstenmal, daß General de Gaulle keineswegs der »Integration« abhold sei, denn - so berichtete Laffont der Präsident: habe gesagt, seine Maßnahmen liefen ja ohnehin auf eine Integration hinaus. De Gaulle: »Ich habe mich nur zunächst geweigert, das Wort in den Mund zu nehmen, weil man es mir aufzwingen wollte.« Kaum aber hatte der Präsident das erlösende Wort gesprochen, ließ er es umgehend wieder einschränken: Nach dem Erscheinen des Laffont -Berichts erklärte die französische Präsidialkanzlei, es habe sich nicht um ein Interview gehandelt, weshalb der Bericht auch nur sinngemäß mit den Ausführungen des Präsidenten übereinstimmen könne.

Mochte sich auch der Retter Frankreichs noch so verklausuliert zur »Integration« bekennen, das endlich ausgesprochene Zauberwort besänftigte zumindest de Gaulles maßvollere Gegner im Lager der französischen Algerien-Nationalisten. Innerhalb weniger Tage gab die Masse der Siedler ihren Widerstand gegen die gaullistische Staatsfeier des 13. Mai auf.

Dem dürren Interview, gelang sogar, was bisher niemand geschafft hatte: Eines der letzten Bollwerke der Mai-Putschisten von 1958, der Wohlfahrtsausschuß von Algier, brach auseinander. Als der Ausschuß erörterte, wie er sich nach dem Interview de Gaulles zu den offiziellen »13. Mai«-Feiern stellen solle, ergriff die Minderheit die Partei de Gaulles und trat - da

eine fanatische Mehrheit bei ihren Boykottplänen blieb - aus dem Komitee aus.

Gleichwohl folgten manche Franzosen der Boykottparole der Ultras von Algier und blieben zu Hause - ein deutliches Indiz dafür, daß de Gaulle für die Lösung des Algerien-Problems nur noch wenig Zeit bleibt. Gerade der schwunglose Verlauf der »13. Mai«-Feiern in Algier hat dem Hausherrn des Elysee-Palastes gezeigt, daß es in Algerien einen harten Kern unbelehrbarer Extremisten gibt, der sich von gaullistischen Wortspielereien nicht besänftigen läßt.

Wortkünstler de Gaulle: »Sinngemäß«

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