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AFRIKA / NJASSALAND Das Zimmer von Makarios

aus DER SPIEGEL 21/1959

Als Dr. Hastings Banda, Führer der schwarzen Nationalisten in Großbritanniens zentral-afrikanischem Protektorat Njassaland, im Dezember 1958 von der panafrikanischen Konferenz in Accra heimkehrte, rief er seinen versammelten Anhängern zu: »Ich werde kämpfen, bis mich die Briten ins Gefängnis werfen! Ich bin bereit, das alte Zimmer von Makarios auf den Seychellen zu beziehen. Es ist ja noch frei!«

Kaum ein Vierteljahr später ging sein Wunsch in Erfüllung. Britische Kolonialpolizisten holten ihn im Morgengrauen des 3. März aus dem Bett und verhafteten den Schlaftrunkenen in seinem blaugestreiften Pyjama.

Nationalistenführer Banda wurde allerdings nicht auf die Inselgruppe im Indischen Ozean verbannt, wo der zyprische Freiheitskämpfer Erzbischof Makarios ein Exiljahr verbracht hatte; die Briten warfen Banda vielmehr in das südrhodesische Gefängnis Khami. Gleichwohl prophezeiten englische Zeitungen dem schwarzen Doktor ein ähnliches Schicksal, wie es dem heutigen Zypern-Premier Makarios beschieden war: Hastings Banda werde schon in wenigen Jahren zum ersten Ministerpräsidenten seines Landes aufsteigen.

Die britischen Behörden demonstrierten denn auch auf ihre Art die Ähnlichkeit zwischen den Fällen Banda und Makarios: Wie die britische Regierung nach der Verbannung des zyprischen Erzbischofs zweifelhafte Dokumente publiziert hatte, durch die Zyperns Kirchenoberhaupt als heimlicher Führer der insularen Terroristen entlarvt werden sollte, so beschuldigte die britische Kolonialregierung den Dr. Hastings Banda, einen gewaltsamen Umsturz in dem Protektorat Njassaland vorbereitet zu haben.

Der Gouverneur von Njassaland behauptete in einem Weißbuch, die Kolonialregierung habe »aus verschiedenen Quellen« erfahren, Bandas Nationalisten hätten auf einer Geheimkonferenz am 25. Januar dieses Jahres beschlossen, unerlaubte Versammlungen abzuhalten und im Falle einer Verhaftung ihres Führers einen Aufstand auszulösen. Telephonleitungen, Brücken, Flugplätze und Tankstellen sollten zerstört, der Gouverneur, die Regierung und britenfreundliche Negerführer auf einen Schlag ermordet werden.

Folgerte der Gouverneur: »Dr. Banda nahm zwar an jener Geheimsitzung nicht teil, ich habe aber Grund zu der Annahme, daß sie auf seine Weisung hin abgehalten wurde.« Sein Einfluß und sein Prestige hätten hinter allen Vorbereitungen für den »Tag R« gestanden, den Tag des Aufstandes. So habe die Regierung - erläuterte der Gouverneur - den Ausnahmezustand erklären und Banda verhaften müssen, weil »die Gewalttätigkeiten, wie sie in den Plänen für den Tag R vorgesehen waren, bereits begonnen hatten«.

Indes, die seit den dubiosen Makarios -Dokumenten skeptisch gewordene Öffentlichkeit Englands schenkte den amtlichen Erklärungen keinen rechten Glauben. Die Skepsis war so stark, daß sich der britische Kolonialminister Lennox-Boyd genötigt sah, der Entsendung einer Kommission unabhängiger Juristen nach Njassaland zuzustimmen. Die Kommission soll in diesen Tagen vor allem die Umstände prüfen, die den Negerführer Banda zu der beherrschenden Figur unter den Negern Zentralafrikas aufsteigen ließen.

Hastings Kamuzu Banda, 1906 geboren und in einer schottischen Missionsschule erzogen, ist bis heute ein treues Mitglied der schottischen Nationalkirche geblieben, in der er den Rang eines Kirchenältesten innehat. Nach höherer Bildung dürstend, machte er sich zu Fuß nach Südafrika auf und schloß endlich seine Lehrjahre in den Vereinigten Staaten ab, wo er zwei Doktorhüte, einen für Philosophie und einen für Medizin, erwarb.

Der Doppeldoktor ließ sich als Arzt in Großbritannien nieder, praktizierte zuerst unter seinen christlichen Glaubensgenossen in Edinburgh und siedelte dann in das Londoner Armenviertel Kilburn über. Seine Patienten erinnern sich noch heute an den koboldartigen Arzt, der seine Kranken ohne den leisesten Protest auch mitten in der Nacht aufsuchte und hohe Honorare ausdrücklich ablehnte.

Den meisten seiner Patienten blieb freilich verborgen, mit welchem Eifer ihr Hausarzt die politische Entwicklung in Afrika verfolgte. Die Elite der schwarzen Nationalisten traf sich bei ihm in Kilburn. Nachdem seine Heimat Njassaland im Jahre 1953 mit den beiden Kolonien Süd- und Nord-Rhodesien zur »Zentralafrikanischen Föderation« (siehe Karte Seite 46) vereinigt worden war, litt es ihn nicht mehr lange in Großbritannien.

Im Sommer 1958 kehrte er nach Njassaland heim, von seinen Landsleuten als »Messias« und »Befreier« empfangen. Von dem doppelten Doktor erwarteten die 2,6 Millionen Neger Njassalands ein Wunder: die Loslösung ihres Landes von der Föderation.

Die Zentralafrikanische Föderation war auf Drängen der weißen Südrhodesier von der konservativen Regierung Churchill 1953 gegründet worden. London hatte der Gründung dieser Staatenföderation bereitwillig zugestimmt, zumal Südrhodesiens Premier Lord Malvern die an der Themse verabscheuten »Apartheid«-Theorien der Südafrikanischen Union ausdrücklich verwarf und eine »Partnerschaft der Rassen« proklamierte. Die Schaffung der Föderation bot der britischen Afrikapolitik zudem einen entscheidenden Vorteil: Sie bannte die Gefahr, daß die beiden Teile Rhodesiens sich eines Tages Südafrika und damit jener Rassentrennungspolitik ("Apartheid") anschließen würden, die das schwarze Afrika unweigerlich gegen Großbritannien aufbringen müßte.

Mit typisch englischer Vorsicht sah Churchill jedoch davon ab, dem neuen Staatswesen sofort völlige Unabhängigkeit zu gewähren. Das britische Kolonialministerium behielt die Oberaufsicht über die drei Gliedstaaten der Föderation; erst 1960 sollte auf einer Konferenz entschieden werden, ob die Föderation reif sei, als unabhängiges Dominion in das Commonwealth aufgenommen zu werden.

Die Vorsicht der britischen Regierung sollte sich bald als zweckmäßig erweisen, denn Njassalands schwarze Nationalisten, seit 1944 in dem »Afrikanischen Kongreß« vereinigt; stellten sich gegen die Dominion -Pläne Lord Malverns und des Föderation -Premiers Sir Roy Welensky. Die Neger argwöhnten, Sir Roy Welenskys »Partnerschaft der Rassen« sei nur ein neuer Name für die Vorherrschaft der 6000 weißen Siedler. Mochte dieser Verdacht auch unberechtigt sein, so war doch offensichtlich, daß die weißen Siedler keine Eile zeigten, die alten Rassenschranken abzubauen.

In Südrhodesien blieb es weiterhin für Neger strafbar, in einer »europäischen« Stadt zu wohnen, ausgenommen als Diener in einem weißen Haushalt. Die Neger durften keine Kinos besuchen; die Fahrt in den Autobussen war ihnen verwehrt. Auch ließ die Erfüllung des Versprechens, den Negern einige Ministerposten im Kabinett der Föderation einzuräumen, auf sich warten.

Als Hastings Banda im Juli des vergangenen Jahres nach dreißigjähriger Abwesenheit heimkehrte, spitzte sich die Lage in Njassaland zu. Der Doppeldoktor riß 'die Führung des Kongresses an sich und holte junge radikale Neger in den Vorstand der Partei. Ungescheut proklamierte er das Nahziel seiner Bewegung: die Abspaltung Njassalands von der Föderation durch einen Feldzug zivilen Ungehorsams. »Füllt die Gefängnisse in Millionen«, rief er seinen Anhängern zu. »Nieder mit der dummen, der höllischen Föderation!«

Bandas Reden wurden immer schärfer. Er bezeichnete sich selbst als den »extremsten der Extremisten« und hielt Versammlungen ab, ohne die vorgeschriebene polizeiliche Genehmigung einzuholen. Jeder Weiße ist der Feind jedes Afrikaners«, schrie der Negerführer Chipembere, einer der engsten Vertrauten des Njassaland -Doktors.

Derartige Reden putschten die Afrikaner zu offenem Widerstand gegen die Briten auf. Schon im Januar begannen die Eingeborenen, Autos und Geschäfte in Blantyre und Limbe mit Steinen zu bewerfen. Seither mehrten sich die Terroraktionen schwarzer Extremisten. In der zweiten Februarhälfte erstürmten mit Äxten bewaffnete Neger mehrere Gefängnisse, um Häftlinge zu befreien; ein Flugplatz wurde besetzt, Straßen wurden blockiert.

Die wachsenden Gewalttaten in Njassaland ließen selbst die liberalen Freunde Bandas in England und Afrika an dem Negerführer irre werden. Schrieb der Londoner »News Chronicle": »Wenn auch Dr. Bandas Intelligenz nicht zu leugnen ist, so läßt sich dasselbe kaum von seinem Sinn für Maßhalten sagen. Seine Unfähigkeit, mit Vernunft ein Gespräch zu führen oder zu argumentieren, und seine Großmannssucht sind schlimme Vorzeichen für die Zukunft seines Landes, dessen Schicksal zu lenken er bestimmt ist.«

Als die Kolonialpolizei der Unruhen nicht mehr Herr werden konnte, schlug der Gouverneur Njassalands hart zu. Nach der Proklamierung des Ausnahmezustands Anfang März verbot die Kolonialregierung den Kongreß. 650 Kongreß-Anhänger, unter ihnen Banda, wurden verhaftet, viele davon deportiert. Als Bandas Parteigänger versuchten, Gefangene zu befreien, kamen 49 Neger im Gewehrfeuer britischer Polizisten um.

Betroffen registrierte Englands Öffentlichkeit die blutigen Unruhen in Njassaland. In London hielt das Oberhaus seine längste Sitzung seit 1953 ab, um über das Schicksal des Protektorats zu beraten. Im Unterhaus hagelte es aggressive Fragen aus den Reihen der Labour-Opposition, während sich in der Albert Hall, Londons größtem Versammlungssaal, Sozialisten und Rechtsradikale prügelten. In der Föderation aber drohte Premier Welensky, erbost über die Kritik der englischen Sozialisten, er werde notfalls Politik auf eigene Faust - auch gegen das Commonwealth - machen. Die Regierung in London entsandte schließlich Mitte April eine Juristenkommission nach Njassaland. Die Kommission soll unter anderem untersuchen, ob tatsächlich ein bewaffneter Aufstand Bandas bevorstand. Der Gouverneur von Njassaland stützt sich in seiner Behauptung, er habe mit knapper Mühe einen Aufstand verhindert, auf die Berichte zahlreicher Agenten.

Indes, eben diese Spitzelberichte wird der Gouverneur der Kommission nicht vorlegen, um nicht - wie er erklären ließ - die Agenten preiszugeben. Alles andere Material werde

er ihr zur Verfügung stellen. Dazu gehört auch ein Brief, den Hastings Banda angeblich einem Kongreßführer im Oktober 1958 geschrieben hat, nachdem in zwei Orten britische Autos mit Steinen beworfen worden waren.

»Du hast sicher von den Unruhen gehört«, heißt es in dem Brief. »Ich habe Blantyre und Zomba in Brand gesetzt, und ich hoffe, bald ganz Njassaland in Brand zu setzen.« Die Kommission wird nun zu entscheiden haben, ob die Äußerung eine Aufreizung zu Gewalttätigkeit bedeutete oder nur bildlich gemeint war. Die Beantwortung dieser Frage dürfte von eminenter Bedeutung sein: Sie wird Auskunft darüber geben, ob Hastings Banda ein blinder Terrorist ist oder nur ein nationaler Rebell, der Aussicht hat, einmal der Regierungschef Njassalands zu werden.

Nationalisten-Führer Banda

»Füllt die Gefängnisse!«

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