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»...daß die Initiative von ihnen ausging«

Gerhard Mauz zu den Freisprüchen im West-Berliner Vergewaltigungsprozeß *
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 13/1986

Eine Frau stürzt früh am Morgen in das Polizeirevier. Ihr Auto ist ihr über Nacht gestohlen worden. Es stand in einer abgeschlossenen Garage und war verschlossen. Der Wachhabende bedauert, was der Frau - so, wie sie es ihm darstelle - widerfahren ist. Sie möge aber doch, bitte, Platz nehmen, es werde länger dauern. Denn da gäbe es ja nun einige Punkte, die er erst einmal mit ihr klären müsse.

Der Polizeibeamte versichert, daß er volles Verständnis für die Frau und ihre Erregung hat. Doch sie möge ihm, bitte, erzählen, wie sie zu ihrem Auto gekommen sei, schließlich habe noch nicht jeder heute einen Wagen. Vielleicht könne sie, wenn sie dazu etwas sage, gleich ein wenig weiter ausholen

So würde er beispielsweise nicht nur gern erfahren, wie sie zu ihrem Auto gekommen sei, sondern auch, wie sie zum Auto -allgemein« - stehe. Sie habe gewiß bemerkt, daß man das Kraftfahrzeug neuerdings aus vielen gewichtigen Gründen kritisch betrachte. Warum sie nicht lieber Nahverkehrsmittel benutze oder das Fahrrad, ob sie schon einmal über die Umrüstung nachgedacht habe, an einen Katalysator. Und was sie für Kinder empfinde »Haben Sie Kinder?«, die vom Straßenverkehr in so besonderem Maße gefährdet werden.

Der Wachhabende, dem nicht verborgen bleibt, daß aus der Fassungslosigkeit der ihm gegenübersitzenden Frau Empörung zu werden droht, versäumt es nicht, sich zu erklären. Er müsse, was seine Fragen angeht, um Verständnis bitten, er stelle sie nicht aus Neugier, er nicht.

Doch es werde - »Wenn Ihre Darstellung zutreffend sein sollte« und wenn man der Person habhaft geworden sei, die sich möglicherweise eines Kraftfahrzeugdiebstahls schuldig gemacht habe - zu einer Gerichtsverhandlung kommen. Und in der werde sie, die Anzeigeerstatterin, sich vielen, vielen Fragen ausgesetzt sehen.

In der könne von der Verteidigung zum Beispiel vorgebracht werden, daß ihr, so wie sie zu ihrem Auto gekommen sei und wie sie allgemein zum Verkehr und der mit ihm verbundenen Umweltbelastung stehe, ihr Kraftfahrzeug genommen werden mußte. Auch könne die Verteidigung, ein anderes Beispiel, vortragen, angesichts ihrer unbewußten Einstellung zum Kraftfahrzeug habe der Angeklagte davon ausgehen dürfen, sie wünsche insgeheim von ihrem Auto befreit zu werden, ihr sei mitnichten das Auto gestohlen worden.

Selbstverständlich ist diese Geschichte erfunden. Wer einen Kraftfahrzeugdiebstahl anzeigen will, muß nicht fürchten, in dieser Weise befragt zu werden. Doch eine Frau, die mit der Behauptung kommt, sie sei vergewaltigt worden, hat mit solchen Fragen zu rechnen.

Die Frau mag Pech haben. Sie kann an einen Polizeibeamten geraten, der »Das Mißtrauen gegen vergewaltigte Frauen«, einen in diesem Jahr erschienenen Sonderband in der Forschungsreihe des Bundeskriminalamts, gelesen und begriffen hat. Dieser Polizeibeamte ist gefährlich, denn er wird sich bemühen, der vergewaltigten Frau im Gestrüpp der opferfeindlichen Strafverfolgung zu helfen - und so wird er ihr die Hauptverhandlung verschweigen, mit der sie rechnen muß. Er wird ihr nicht sagen, daß sie eines Tages vor Gericht stehen wird als Zeugin und daß man sie fragen wird: »Wie stehen Sie zu Männern allgemein? '

Es ist für die Frau, die eine Vergewaltigung anzeigen will, besser, an einen Polizeibeamten zu geraten, der den West-Berliner Vergewaltigungsprozeß sorgfältig verfolgt hat. In dem ist gegen zwei Ärzte verhandelt worden, denen vorgeworfen wurde, einer Kollegin Gewalt angetan zu haben.

Dieser Prozeß, der in der vergangenen Woche mit Freisprüchen für die beiden Ärzte zu Ende ging, ist ein Lehrstück. Nur die Frage, ob sie gut zu Vögeln sei, ist der Ärztin erspart geblieben. Im übrigen kam alles zur Sprache. Ob die Frau dazu neige, in intimen Situationen um Hilfe zu schreien, wo sie mit einem Partner geschlafen habe und ob sie »zugänglich sei.

Es ist für eine Frau, die eine Vergewaltigung anzeigen will, besser, an einen Polizeibeamten zu geraten, der das verfolgt hat, an einen Polizeibeamten, der ihr erklären kann und erklärt, was ihr bevorsteht, wenn ihr Fall der des Lehrstücks ist: der Fall der Vergewaltigung durch eine Person, mit der die Frau bekannt ist. Die Vergewaltigung durch eine bekannte oder gar verwandte Person öffnet Schleusen, durch die hereinbricht,

daß Gesetz. Verfahrensordnungen. Rechtsprechung und Beweisregeln bis heute eine Sache der Männer sind.

Denn nun geht es ja um das offene, erst im nachhinein geleugnete oder das von vornherein vorhandene heimliche Einverständnis der Frau, eines Opfers, das in Wahrheit keines ist, um ein Verhalten der Frau, das nicht als Verweigerung verstanden werden mußte.

Es ist der Weiber Weh und Ach nach wie vor aus einem Punkte zu kurieren. Es gehört sich, daß die Frau sich ziert und wehrt. Und es versteht sich, daß sie nichts anderes wünscht als die Überwindung dieses Zierens und Wehrens. Sie ist schließlich keine Hure. Ihr ist bekannt, wie die Männer das Wesen der Frau definieren, und sie respektiert diese Definition.

Eine Frau, das zeigt das West-Berliner Lehrstück, die einen ihr bekannten Mann der Vergewaltigung bezichtigt, ist tollkühn. Sie riskiert in jeder Hinsicht ihre Existenz. Und wirft sie gar zwei Männern Vergewaltigung vor, zwei Männern, mit denen sie täglich im Beruf Umgang hatte, dann kommt das nahe an einen Selbstmordversuch heran. Denn die generalanimierende Lehre dieses West-Berliner Prozesses für Männer ist einfach: Tut's zu zweit!

Im September 1984 verurteilte die 22, große Strafkammer des Landgerichts Berlin die Frauenärzte Dr. Stadler, heute 41, und Dr. Hardt, heute 39, wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit sexueller Nötigung und gefährlicher Körperverletzung zu Freiheitsstrafen von je zwei Jahren und drei Monaten. Das

Gericht befand die Angeklagten für schuldig, eine Narkoseärztin, die ihre Kollegin war, in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 1983 in einem Dienstzimmer überwältigt zu haben.

Das Gericht setzte sich in der Urteilsbegründung mit der schwierigen Beweislage gründlich auseinander. Es befaßte sich auch eingehend mit dem Verhalten des als Nebenklägerin auftretenden Tatopfers, der Narkoseärztin. Es ging nicht darüber hinweg, daß sich die Narkoseärztin als Zeugin in der Hauptverhandlung hatte korrigieren müssen. Es fand für die »widersprüchlichen und von einem Außenstehenden zunächst schwer nachvollziehbaren Handlungsweisen« der Nebenklägerin zwanglos Erklärungen in ihrer Persönlichkeit.

»Die Nebenklägerin ist in einem gesteigerten Maß stolz und neigt zur Selbstüberschätzung. Sie fühlt sich Männern überlegen und blickt, von einigen Ausnahmen abgesehen, mit Verachtung auf sie herab. Sie glaubte, daß sie mit den 'Kerlen' fertig werden würde und das Schlimmste, eine Vergewaltigung, abwenden könne.«

Hätte die Nebenklägerin, so begründete das Gericht, zum Tatgeschehen unwahre Angaben machen wollen, »so hätte sie als zweifellos intelligente Frau einen Geschehensablauf erfinden können, der ihr eigenes Verhalten nicht als unverständlich und widersprüchlich, dagegen das Verhalten der Angeklagten als noch zielstrebiger erscheinen ließ«.

Das Gericht stellte strafmildernd Überlegungen an, von denen zumindest eine so schlimm ist, daß sie deutlich macht, wie sehr dieses Gericht bemüht war, den Angeklagten gegenüber um beinahe jeden Preis gerecht zu sein:

»Zugunsten der Angeklagten war der Umstand zu werten, daß sie aus ihrer Sicht auf Grund des ihnen gerüchteweise bekannten Verhaltens der Nebenklägerin gegenüber Kollegen bis hin zu intimen Verhältnissen zu in der Klinik tätigen Ärzten davon ausgingen, daß sie keinen großen Widerstand zu überwinden hätten. Daher war davon auszugehen, daß die Hemmschwelle vor der Begehung solcher Delikte auf Grund der Situation innerhalb des Klinikbetriebs bei den Angeklagten herabgesetzt war.«

Das Urteil des ersten Gerichts in dieser Strafsache hatte vor dem 5., in West-Berlin residierenden Senat des Bundesgerichtshofs in der Revision keinen Bestand. Denn nach der Verkündung des Urteils hatte sich vor seiner Begründung die Vereidigung gemeldet, den Wiedereintritt in die Beweisaufnahme verlangt und einen für den Fall der Verurteilung in Reserve gehaltenen Beweisantrag gestellt. Das Gericht beging den Fehler, sich darauf einzulassen. Es unterstellte den Inhalt des Beweisantrags als wahr, ohne ihn später in der schriftlichen Urteilsbegründung bruchlos unterbringen

zu können. Das Urteil war aufzuheben in der Revision.

Es ist der Verteidiger im ersten West-Berliner Vergewaltigungsprozeß zu gedenken. Ohne die Rechtsanwälte Braunsdorf, Dr. Danckert, Dulde und Jungfer wäre es nicht zu der zweiten Hauptverhandlung gekommen, die mit Freispruch endete. Doch das Verdienst dieser Verteidiger geht weit über den Beweisantrag hinaus, den sie in die Urteilsverkündung hinein stellten. Sie machten mit ihren Fragen, Anträgen und Zeugen einen Hexenkessel aus der ersten Hauptverhandlung.

Wie gründlich sie dabei gewesen sind, ergibt sich daraus, was seit damals im Gespräch ist, ob aus Zeugenaussagen oder wenigstens aus abgewiesenen Beweisanträgen. Es ist bekannt, mit wem die Narkoseärztin Beziehungen unterhielt. Ihr Auftreten im täglichen Betrieb der Klinik wurde bis in den Slip und den Büstenhalter hinein erörtert. Die Frage, ob sie nicht eine weibliche Konkurrentin im Kampf um einen Mann zum Selbstmord getrieben habe, ist angespielt worden. Und Anträge hinsichtlich einer gescheiterten Ehe der Nebenklägerin und sogar ihrer Beziehung zu ihrem Vater trugen zu Eintrübung und Verwirrung bei.

Von den nun freigesprochenen Ärzten weiß man, was ihren persönlichen Bereich angeht, vergleichsweise nichts. Ihre Vita sexualis blieb von dem Teilstück, zu dem sie sich bekannten, ihrem Umgang mit der Narkoseärztin abgesehen, im dunkeln. Der eine hat eine Frau, die zu ihm hält. Doch was hat er ihr, ohne es ihr bekennen zu müssen, nach einer Strafanzeige, vor dem Dezember 1983 schon zugemutet? Wieso gerade die beiden Freigesprochenen in der Hoffnung auf einen flotten Dreier miteinander loszogen, ist nicht erörtert worden. Geht man mit jedem auf solche Touren?

Die Verteidigung in der zweiten Hauptverhandlung, die Rechtsanwälte Wolfgang Ziegler und Wolfgang Panka, hatten es leicht, vor dem Hintergrund des von ihren vier Vorgängern geschaffenen Bühnenbildes zunächst als überaus rücksichtsvoll zu erscheinen. Doch nutzten sie von Anfang an virtuos, was auf der Bühne vom ersten Prozeß her noch lag oder stand.

Der Verteidiger Ziegler setzte seine kultivierte Art ein, der Verteidiger Panka seinen Ruf als »linker« Rechtsanwalt. »Wir haben schon gesagt, daß uns nicht daran liegt, diese Dinge hier auszubreiten, lautete die Formel, mit der jeweils die Ausbreitung eingeleitet wurde. In den Plädoyers ging es dann endgültig und unmißverständlich zur Sache. Verteidiger Ziegler sprach über die Neigung der Nebenklägerin, »freiwilliges Sexualverhalten zu vertuschen. Er zeichnete das Bild einer Frau, die aus Angst vor Gerüchten und in dem Irrtum »daß sie über diese Anzeige noch disponieren« -

sie also zurücknehmen - könne, Strafanzeige erstattet hat. Von »vorsätzlicher Falschaussage« war einmal die Rede.

Der Vorsitzende Richter Paul-Heinrich Hoyer, 55, begründete die Freisprüche knapp drei Minuten lang. Er warb nicht um Verständnis bei irgendwem, er erklärte das Urteil nicht. Er fügte nur den Deutungen des Wesens der Nebenklägerin eine neue hinzu: sie sei »nicht naiv. Und den Freigesprochenen teilte er mit, es bleibe »ein nicht unerheblicher Verdacht bestehen«.

Der Eindruck, der Richter Hoyer sei zu früh der Überzeugung gewesen, hier sei eine Verurteilung nicht möglich, ist durch die Rekordkürze der mündlichen Begründung verstärkt worden. Es unterblieb in dieser Hauptverhandlung vieles, was vielleicht Klarheit hätte schaffen können. Eine Ortsbesichtigung fand nicht statt, obwohl gerade in derartigen Prozessen »vor Ort« in der einen oder anderen Richtung schon Entscheidungen gefallen sind. Keine Zeichnung kann den unmittelbaren Eindruck ersetzen.

Doch auch anderen Verfahrensbeteiligten sind Fragen zu stellen. Warum hat Staatsanwalt Dieter Lorenz, 36, in seinem Strafantrag von einem minder schweren Fall gesprochen und eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. Bewährung und 30000 Mark Geldstrafe beantragt? Warum beantragte er nicht die Strafe, auf die das erste Gericht erkannt hatte'? In der ersten Hauptverhandlung waren viereinhalb Jahre beantragt worden. Wenn Staatsanwalt Lorenz mit seinem Antrag dem offenbar einer Verurteilung nicht zugeneigten Richter Hoyer entgegenkommen wollte, so wäre er besser mit einem höheren Antrag untergegangen. Er hat für den Eindruck gesorgt, sogar er stehe nicht mehr zu seiner Anklage; zu dem - falschen - Eindruck, der zweite Prozeß habe das im ersten gewonnene Bild völlig verändert.

Die Nebenklägerin wurde von den Rechtsanwältinnen Claudia Burgsmüller und Alexandra Goy vertreten. Sie sprachen zu spät davon, daß der erste Prozeß so verheerend, so traumatisierend auf ihre Mandantin gewirkt hat, daß ihre Aussagefähigkeit Schaden nahm. Sie trugen zu spät vor, daß beispielsweise das Beseitigen der Spuren einer Vergewaltigung, von Ekel und Verzweiflung bewirkt, in den meisten dieser Fälle zu beobachten ist. Warum saß die Nebenklägerin, nachdem sie als Zeugin ausgesagt hatte, im Saal, nur während die Verteidigung plädierte, war sie abwesend? Es war, als säßen da drei Angeklagte. Auch nur zu verständliche, fassungslose Empörung ist keine Waffe gegen grobe oder virtuose Aggressivität.

Von den Angeklagten werde nicht bestritten »daß die Initiative von ihnen ausging«, sagte Verteidiger Ziegler in seinem Plädoyer »Blaming the victim' - Die 'Schuldumkehr' in Vergewaltigungsprozessen« lautet der Titel eines Aufsatzes von Christine Henny und Johanna I. Beyer in der »Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform«. Im Gesetzestext gelte es Ernst zu machen mit der Freiheit zur sexuellen Selbstbestimmung, heißt es dort »Vergewaltigung darf nicht länger als das definiert werden, was Männer für einen Gewaltakt an Frauen halten. Entscheidend ist, was Frauen als Übergriff, als Enteignung ihrer sexuellen Integrität erleben« Und: »Gewalt ist nicht reduzierbar auf physische Übergriffe, sie realisiert sich bereits in der Willensbeugung.«

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