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Hausmitteilung Datum: 1. 2. 1965 Zur Person Gaus

aus DER SPIEGEL 6/1965

Datum: 1. 2. 1965 Betr.: Zur Person Gaus

»Mit halbem Hinterkopf und Achtelprofil im Bildvordergrund«, so sieht der deutsche Fernseher einmal im Monat den Interviewer Günter Gaus, und so sah ihn, oft genug, SPIEGEL-Rezensent Reinhard Baumgart, der einen Band gesammelter Fernseh-Interviews »Zur Person« von Günter Gaus in der Bücherkolumne dieses SPIEGEL bespricht (Seite 78). Zur Person von Gaus selbst sieht der SPIEGEL weitaus klarer als Rezensenten und Fernseher, denn in den Archiven und Registraturen des SPIEGEL gibt es immerhin fünf von Gaus geführte SPIEGEL-Gespräche, sechs von Gaus geschriebene Titelgeschichten und eine abgeschlossene Personalakte. Von 1958 bis 1961 war Gaus SPIEGEL-Redakteur. Als er, nach gut drei Jahren in den politischen Ressorts und in der Bonner Vertretung des SPIEGEL, zur »Süddeutschen Zeitung« ging, war Gaus für das Publikum namenlos wie alle SPIEGEL-Redakteure. Heute hat er sein eigenes publizistisches »Image": Bohrende Fragen manchmal über die Grenze des Herkömmlichen«, »Nicht sehr diskret« (Paul Sethe in der »Zeit"); »Nachgerade berühmte Direktheit der Fragen« (Walter M. Guggenheimer in der »Süddeutschen Zeitung"); »Advokat des Teufels«, »Hält jeder Person ein Sortiment von Peinlichkeiten aus ihrer Vita vor« (Reinhard Baumgart im SPIEGEL). Gaus selbst: »Darin erschöpft sich meine Sendung nicht.«

Selbstbekenntnis im Sinne seines Themas »Zur Person« ist für Gaus sein Eigen-Image in der SPIEGEL-Zeit: »Diskutiert manchmal zuviel, zögert im Urteil, schreibt schwer.« Mit dem vielen Diskutieren« hat es keine andere Bewandtnis als jene, mit der Gaus im Fernsehen die Gattung Interview nach dem Urteil Paul Sethes »einen wichtigen Schritt nach vorn« gebracht hat und die Sethe auf folgenden einfachen Kern analysiert: »Gaus tut nichts anderes, als dass er alle die Gesprächsstoffe, über die wir uns im Kreise von Bekannten unterhalten, nun auch dem sozusagen unmittelbar Betroffenen vorführt.« Ausführlich führte Gaus, es ist wahr, auch im SPIEGEL die Gesprächsstoffe vor, über die man sich eben im Kreise von Bekannten so unterhält. Dabei legte er nicht nur für seinen politischen Journalistenberuf, sondern auch für seine Person jene komplizierte Spielart von Misstrauen an den Tag wie in der jüdischen Anekdote der Moische, wenn er den Abraham auf dem Bahnhof getroffen hat und meditiert: »Sagt der Abraham zu mir, er fahrt auf Warsche, damit ich denke, er fahrt auf Krakow. Dabei fahrt er wirklich auf Warsche - warum lügt das Schwein?« Man hätte Gaus, der aus solcher Mentalität heraus die menschliche Wurzel politischer und gesellschaftlicher Geschehnisse so trefflich blosszulegen versteht, gern beim SPIEGEL behalten, doch er ging. Frage zur Person: »Günter Gaus, was bewog Sie damals, den SPIEGEL zu verlassen?« Antwort: »Es waren wohl mehrere Gründe. Damals mehr als heute hatte ich ein Bedürfnis nach Anerkennung, das in einer Team-Redaktion schwer zu befriedigen war. Weg wollte ich auch von der Kehrseite straffer Gruppenarbeit, die sich nach Dienstschluss am Biertisch zeigte. Aber vor allem lag mir auch die SPIEGEL-Schreibe nicht. Ich brauche das Wenn und Aber, das Einerseits-Andererseits, und konnte mich schlecht befreunden mit einer Konzentration der Aspekte auf einen Aspekt.«

Gaus

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