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Hausmitteilung Datum: 1. November 1971 Betr. Zitate

aus DER SPIEGEL 45/1971

Er habe eben eine etwas laxe Auffassung vom geistigen Eigentum, verteidigte sich Bertolt Brecht in einem Plagiatsstreit, der vor über vierzig Jahren die deutschen Intellektuellen in zwei kampflüsterne Lager spaltete. So mag ein (zudem kommunistischer) Autor in Sachen Eigentum schon argumentieren, dem obendrein der Weltruhm und die Literaturgeschichte in dieser Sache vollkommene Absolution erteilt haben (Brecht hatte, ohne was zu sagen, aus Ammers Villon-übersetzungen abgeschrieben -- für die Songs der »Dreigroschenoper").

Einem Verlag und seinen Mitarbeitern stünde dergleichen Laxheit weniger gut zu Gesicht; er hätte wohl auch von keiner Literaturgeschichte eine späte Rechtfertigung zu erhoffen. Daher besser gleich ein volles Geständnis. Über seinen Münchner Anwalt meldete sich der Graphiker Linus Engel; er habe »vor etwa zehn Jahren« dem SPIEGEL einen Titelseiten-Entwurf über den italienischen Karosseriezeichner Pininfarina geliefert. Dieser Entwurf war nicht verwendet worden, doch sieht ihn Engel nun im SPIEGEL-Titel über Lotz plagiiert. An dieser Argumentation ist durchaus Nachdenkenswert es, obwohl Eberhard Wachsmuth, als

Leiter des Ressorts »Graphische Gestaltung« für die Titelseiten des SPIEGEL verantwortlich, nicht eben an Kleptomanie leidet -- er hat, wenn überhaupt, unbewusst zitiert, im übrigen die Sache mit Engel inzwischen in allem Frieden beigelegt.

Dabei mag ihn getröstet haben, dass er seinerseits eben zitiert worden ist. Werner Spies, der am Oeuvre-Katalog für Max Ernst arbeitet, schickte aus New York das Photo einer neuen Max-Ernst-Collage, der eine gewisse Abstammung von einem Wachsmuthschen SPIEGEL-Titel noch anzusehen ist.

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