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Hausmitteilung Datum: 12. September 1966 Verbote

aus DER SPIEGEL 38/1966

Datum: 12. September 1966

Betr.: Verbote

Nicht nur Berichte über »blanke slavinnehandel« - Mädchenhandel - sind in der Republik Südafrika unerwünscht, sondern auch solche Texte, die von »homoseksualiteit« handeln, von »sodomie, masochisme, sadisme, seksuele bestialiteit«. Den Paragraphen des »Publications and Entertainments Act of 1963« sind einige Exemplare des SPIEGEL 27/1966 zum Opfer gefallen, dessen Lektüre die Beamten der Publications Control Board in Kapstadt offenbar sich und ihren Landsleuten erspart haben. Auf dem Titelbild war jener dicke Marquis abgebildet, der dem ganzen Gesetzeskatalog dunkler Freuden den Namen gegeben hat: Sadist de Sade. Einige Leser in Windhoek (Südwestafrika) und Kapstadt, in Johannesburg und sogar im australischen Tasmanien bekamen ihr Exemplar nicht oder um Titelblatt und Titelgeschichte geschmälert, in einem Fall mit einem vom Buchhändler getippten Ersatztitel: »Der Artikel ueber den Schriftsteller - Marquis de Sade - musste herausgenommen werden, da fuer Sued- und Suedwestafrika verboten!« Verbote sind ungeliebte, aber treue Begleiter der SPIEGEL-Geschichte: Als erste erwirkten die Holländer - aus nie veröffentlichtem Grund - 1948 bei der damals noch zuständigen britischen Militärregierung, dass der SPIEGEL für zwei Wochen vom Erscheinen »suspendiert« wurde (es blieb dann bei einer Woche). Später war in Holland das Heft unerwünscht, das den Einfluss der Gesundbeterin Greet Hofmans auf Königin Juliana beschrieb. Die Franzosen haben während ihrer schmerzlichen Zeit des Algerienkrieges die Titelgeschichte über den General Massu und die »Rote Hand«-Serie an der Grenze in Strassburg gestoppt, in Ägypten und im Irak, im Libanon, in Spanien, in der Türkei und in Saudiarabien sind von Zeit zu Zeit Hefte festgehalten worden. In Persien sollte die Geschichte über die Lex Soraya nicht gelesen werden, in Kuwait wurde auf einem Photo der Judenstern amtlich angeschwärzt, den ein Berliner NS-Opfer auf dem Mantel trug, und den freien Briten war nicht nur der Lebenswandel ihres Kriegsministers John Profumo, sondern auch der SPIEGEL-Bericht darüber »zu freimütig«. Nach wie vor dürfen in Grossbritannien und in den Commonwealth-Ländern die meisten Schriften des Marquis de Sade (1740 bis 1814) noch immer nicht vertrieben werden. Vielleicht haben die Beamten der Publications Control Board in Kapstadt geglaubt, der SPIEGEL drucke sie nun in Fortsetzungen ab: Sie liessen nicht nur die letzten Exemplare des Heftes 27 beschlagnahmen - die meisten waren bereits verkauft oder ausgeliefert -, sondern prüften nun auch alle weiteren Ausgaben. Inzwischen müssen sie als tüchtige SPIEGEL-Leser aber doch gemerkt haben, dass eine Titelgeschichte über den Marquis nicht gleichbedeutend ist mit der Propagierung seiner rechtstheoretischen Forderungen, Gotteslästerung zu erlauben und die Todesstrafe abzuschaffen. In der Vergangenen Woche meldete der Kapstädter Importeur nach Hamburg, er sei »pleased to advise you that the Censor Board has now passed this issue«, dass also - nach acht Wochen - die Sade-Ausgabe und die folgenden Hefte die Zensur passiert hätten und vertrieben werden könnten: »The position, therefore, is now back to normal.« Die Lage war nie so normal.

Zensierter SPIEGEL 27/1966

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