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Hausmitteilung Datum: 14. November 1966 Betr. Bonn

aus DER SPIEGEL 47/1966

Datum: 14. November 1966 Betr. Bonn

Je kürzer die Intervalle der Krise, desto kürzer wurden auch die Abstände zwischen den Bonner Titel-Geschichten des SPIEGEL. Schon SPIEGEL 13 vom 21. März nannte auf der Frontseite die »Rivalen Erhard-Barzel« und mag noch als Effekthascherei verkannt worden sein. Nach dem SPD-Sieg in Nordrhein-Westfalen fragte SPIEGEL 30 vom 18. Juli: »Erhards Ende?«. Mit SPIEGEL 43 begann der aktuelle Film, die Titelzeilen lauteten »Kanzler auf Abruf« (Nr. 43), »Höhere Steuern - Erhards Ende?« (Nr. 45), »Manager der Kanzlerkrise« (Nr. 46) und »Kampf der Kandidaten« (dieser SPIEGEL Nr. 47). Zwischendurch hatten SPIEGEL 24 über Kanzleramts-Chef Westrick, SPIEGEL 35 über Krisen-Erscheinungen der Wirtschaft, SPIEGEL 36 über die Generalskrise und SPIEGEL 38 über Hassels »Sturz auf Raten« den Abfahrtstorlauf Ludwig Erhards markiert - insgesamt waren das zehn von 35 SPIEGEL Titeln. Das Nervenfieber der Regierungspartei brachte den sieben Redakteuren der

Bonner SPIEGEL-Vertretung den journalistischen Triumph, der Entwicklung im Wortsinne nichts schuldig geblieben zu sein, freilich auch das wenig triumphale Los, nahezu pathologische Zuckungen klinisch zu beschreiben. Erich Böhme hatte, Rechenstift am Haushalt, die Wolke längst entdeckt, sein Wirtschaftskollege Helmut Gassmann war rechtzeitig zur Stelle für das letzte Interview, dem sich Dahlgrün als Minister stellen konnte. In der Luftwaffen-Convair, die am vergangenen Mittwoch von der CSU-Landesgruppe für den Rückflug von München nach Bonn gechartert worden war, sass Peter Koch und erfuhr, dass die CSU sich für Kiesinger entschieden hatte, was Minister Stoltenberg erst von Kochs Kollegen Hans Gerhard Stephani hörte. Mende kündigte Ernst Goyke am Donnerstag auf offener Strasse wieder einmal die Informations-Freundschaft, er verübelt die Wiedergabe der »Bild«-Schlagzeile »FDP fiel wieder um«. Helmuth von Brauchitsch, von weniger empfindlichen FDP Leuten vorgewarnt ("Ein CDU-Kandidat ist heute noch längst nicht Kanzler"), reservierte schon am letzten Dienstag die halbe Titelseite dieses SPIEGEL für Willy Brandt. Bonner SPIEGEL-Bürochef Hans-Roderich Schneider hatte Gelegenheit, dem von der CDU-Malaise verwirrten US-Gesandten Hillenbrand klarzumachen, dass die Amerikaner selbst mit ihrem Beharren auf Devisen-Milliarden dem wankenden Volkskanzler den Gnadenstoss gegeben hatten. Zwischen allen agierte der stellvertretende Chefredakteur Conrad Ahlers und behändigte dem CDU-Designatus Kiesinger in bedrängter Stunde ein Dokument - so die »Süddeutsche Zeitung« - »aus den unerschöpflichen Archiven des SPIEGEL, das Kiesingers Widerstandsgeist beweisen soll«. Bei den Recherchen zur SS-Serie war dieses Dokument auf Filmrolle 125 der Akten des persönlichen Himmler-Stabes in Washington entdeckt worden. Der von Kiesinger eilig an die Presse weitergegebene Inhalt war für ihn selbst mit Sicherheit eine grössere Überraschung als das Abstimmungsergebnis am letzten Donnerstag (siehe Seite 37).

Böhme

Gassmann

Koch

Stephani

Goyke

v. Brauchitsch

Schneider

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