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Hausmitteilung Datum: 17. Januar 1966 Nullnullnull

aus DER SPIEGEL 4/1966

Datum: 17. Januar 1966 Betr.: Nullnullnull

Die Werbung floriert (siehe Titelbild), auch die Anzeigenwerbung im SPIEGEL, und es gibt eine abgünstige Logik, der erscheint es errechnenswert, dass das Verhältnis von Redaktions-Seiten zu Anzeigen-Seiten 1965 im SPIEGEL 1:1,07 betrug, gegenüber 1:0,98 im Jahre 1964. Ginge es ernsthaftem Zeitschriftenjournalismus um derartige Fragen statistischer Kosmetik, so hätte der SPIEGEL dem 1965 von durchschnittlich 59 auf 65 Seiten pro Heft erweiterten redaktionellen Teil weitere fünf Seiten hinzufügen und ein Verhältnis von 1:0,99 herstellen können. Doch geht es, jedenfalls dem SPIEGEL, nicht um einen möglichst dicken, sondern um einen aktuellen und lesbaren redaktionellen Teil mit journalistischmotiviertem Inhalt, dem dann die florierende Werbung soviel Anzeigen beigeben mag, wie es Leserschaft des SPIEGEL, Werbestrategie und Werbe-Erfolg rechtfertigen. Anzeigenwerbung dient nicht nur dem Inserenten, der im Expansionszwang einer stabilen Konjunktur bessere Kontakte zum Konsumenten braucht, nicht nur dem Konsumenten, der über das Angebot unterrichtet sein muss, sondern auch dem Leser in seiner

Eigenschaft als Leser: Dessen Zeitungsgroschen allein hätten die deutschenPresseverlage nicht in weniger als zwei Jahrzehnten seit der Währungsreform in den Stand gesetzt, Zeitungen und Magazine hervorzubringen, die mit Paradeblättern der Traditionsländer auf einer Stufe stehen. Je deutlicher es wird, dass sich auch in der TV-Ära erfolgreiche Werbung der gedruckten Nachricht anhängt, desto grösser ist die politische Unabhängigkeit und desto vielgestaltiger das Programm der Presseverlage. Und für das liebe alte Nachtgespenst verlegerischer Abhängigkeit von einzelnen Inserenten schlägt es 1 Uhr, sobald nicht mehr einige wenige Potentaten »Annoncen geben« (Adenauer: »Die Leute stehen nicht sehr hoch in meiner Achtung, die ihm soviel Annoncen gegeben haben"), sondern alles wirbt, was wirtschaftet: 1965 inserierten im SPIEGEL 677 Firmen für 978 verschiedene Marken, Produkte und Leistungen. Dabei geht es nicht um Sympathie, sondern um strenge Berechnungen, mit welchem Werbeaufwand z. B. durch eine Zeitschrift je 1000 männliche Leser mit akademischer Bildung und Führerschein erreicht werden. Den SPIEGEL, mit seinen vorwiegend männlichen Lesern aktiver Jahrgänge bei überdurchschnittlichem Einkommens- und Bildungsniveau, bevorzugt die forschende Werbung mit Anzeigen für gehobene Konsumwaren und Dienstleistungen. Nächst Genuss- und Nahrungsmitteln werden insbesondere Kraftfahrzeuge, Luftverkehrsdienste, Investitionsgüter und Herrenkosmetik im SPIEGEL angeboten. Kleinpreis -Artikeln und gängigem Damenbedarf entsprechen der SPIEGEL und seine Leser in der Werbe-Arithmetik nicht. 1000 Hausfrauen in Familien durchschnittlichen Einkommens werden durch »Stern« oder »Hör zu« preiswerter erreicht. Vom grössten Posten der Werbung, den schätzungsweise 220 Millionen für Waschmittel (siehe Titelgeschichte), erhielt der SPIEGEL im Jahre 1965 DM 0,00 in Worten: Nullkommanullnull Deutsche Mark.

Werbung, die den SPIEGEL nicht erreichte

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