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Hausmitteilung Datum: 17. Januar 1972 München

aus DER SPIEGEL 4/1972

Vor Jahren, sagte der Münchner Oberbürgermeister Vogel, »hätten mich solche Betrachtungen noch mit der Beschleunigung einer Rakete auf die Höhe des Rathausturmes getrieben«; heute nehme er's ruhiger. »Solche Betrachtungen« -- das waren ein Beitrag im »Zeit-Magazin« und die Titelgeschichte des SPIEGEL »Olympiastadt München« (3/1972), in der die Differenz zwischen olympischem Planungspathos und Resultat, zwischen Kostenvoranschlag (520 Millionen) und tatsächlichen Preisen (zwei Milliarden Mark), die Differenz zwischen proklamierter Urbanisierung und angerichteter Zerstörung ausgerechnet worden war. Befund: Der »Weltstadt mit Herz« droht ein Herzinfarkt.

Niemand will denen, die an Olympischen Spielen ihre Freude haben, diesen Spass verderben -- auch der SPIEGEL könnte es nicht und will es auch gar nicht können. Und natürlich lauten die akuten Grossstadtprobleme für München nicht anders als für andere Grossstädte; sie werden nur überdeutlich wegen der extraordinären Anstrengung, zu der sich München als Ausrichter der Olympischen Spiele 1972 verpflichtet sieht. Aber wie immer, wenn sich eine

Kommune kritisiert fühlt, melden sich die Lokalverteidiger. Nur: Ihre Argumente klingen einbisschen gequetscht, zum Beispiel beim OB Vogel (der selbstverständlich seine Stadt verteidigen muss):

»Zu dem Vorwurf, München sei die giftigste Stadt, sagte Vogel ...: 'Das ist, Entschuldigung, auf gut münchnerisch ein Schmarrn. Wir sind nur die einzige Stadt, die seit 1964 kontinuierlich misst, das ist unser Fehler.' Zu der Behauptung, München sei die teuerste Stadt, erklärte der Oberbürgermeister: 'Da muss ich mich selbst bei der Nase nehmen, der Urheber sitzt nämlich in unserem eigenen Laden'« (Zitat nach »FAZ").

Hubert Abress, Leiter des Entwicklungsreferats, zur Behauptung, in München seien die Wohnungen am teuersten: »Das kann niemand sagen«, zum Thema Schmutz: »München ist nicht die schmutzigste Stadt. Um festzustellen, ob London oder Tokio sauberer als München sind, fehlen jegliche objektiven Vergleichsangaben« (zitiert nach »Abendzeitung«, München).

Ähnlich die Zeitungen, etwa der »Münchner Merkur":

bei soll und kann nicht bestritten werden, dass vieles -- leider-nur zu wahr ist ...«; »tz« München: »Die Kollegen haben in manchem recht. Aber vielleicht wurmt es sie, dass sie uns damit nichts Neues sagen.«

Sigi Sommer, als »Blasius« Spaziergänger der Münchner »AZ«, möchte zur Verteidigung Münchens »ganz dumm fragen: was würde denn beispielsweise eine Untergrundbahn durch die Lüneburger Heide für einen Sinn haben? Oder eine Superarena in Wanne-Eickel?« (Er sagt selbst, wie er fragt.)

Am besten machen es wieder die Kollegen vom grossen Nachbarn: »Was halten Sie von diesen Vorwürfen gegen unsere Stadt? Schreiben Sie doch Ihre Meinung an 'Bild-München'.«

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