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Hausmitteilung Datum: 17. Juli 1972 Kandidatur

aus DER SPIEGEL 30/1972

In der vergangenen Woche hatte der SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein seinen Kollegen von Fernsehen, Funk und Zeitung einige Fragen zu beantworten, unter anderen: Frage: Warum erklären Sie sich zu einer Kandidatur für die FDP bereit?

Antwort: Weil ich für eine Fortsetzung der jetzigen Regierungskoalition in Bonn bin und weil die FDP in diesem Bündnis eine zunehmend wichtigere Partie spielt.

Frage: Wäre denn da nicht auch die SPD in Frage gekommen Antwort: Da meine Partei, mit deren Freiburger Programm ich am meisten übereinstimme, mir die gewünschte Chance bieten will, erübrigten sich solche Überlegungen.

Frage: Sind Sie sich darüber klar, dass eine eventuelle Empfehlung eines Landesverbandsvorstandes keine Garantie für einen sicheren Listenplatz bedeutet?

Antwort: Durchaus. Das Risiko für Politiker und solche, die es werden wollen, ist heute durchweg grösser als vor sechzehn Jahren, als ich der FDP beigetreten bin. Frage: Würde die Unabhängigkeit des SPIEGEL gefährdet, wenn Sie tatsächlich in den Bundestag kämen?

Antwort: Keinesfalls, schon garnicht angesichts der Zusammensetzung unserer jetzigen Chefredaktion. Während des Wahlkampfes und, angenommen ich würde gewählt, während meiner Abgeordnetenzeit könnte ich nicht Herausgeber des SPIEGEL sein.

Frage: Sie bringen also nicht den SPIEGEL in den Wahlkampf ein?

Antwort: Natürlich nicht. Der SPIEGEL war unabhängig, ist unabhängig und wird parteipolitisch unabhängig bleiben.

Frage: Welches Spezialgebiet würden Sie im Bundestag gerne wahrnehmen?

Antwort: Wenn das von meinen Fraktionskollegen gewünsch würde, würde ich gerne mithelfen, die Mitbestimmung

durchzubringen; auf diesem Gebiet habe ich einige praktische Erfahrung, und im SPIEGEL setzen wir ja gerade ei Mitbeteiligungs- und Mitbestimmungsmodell in Kraft, da interessante Ergebnisse verspricht.

Frage: Sie hätten keine Bedenken, Hinterbänkler zu werden, nachdem Sie bisher eine Art Vorsitzender waren? Antwort: In der FDP-Fraktion gibt es derzeit keine Hinterbänkler. Jeder einzelne Abgeordnete hat mehr Aufgaben, als er bewältigen kann.

Frage: Ihnen haben zehn FDP-Kreisverbände Nordrhein-Westfalens einen Wahlkreis angeboten, unter anderem will Sie der Dortmunder Wahlkreis 114 »mit offenen Armen aufnehmen, wo Karl Schiller bislang für die SPD kandidiert hat?

Antwort: Darüber war ich erstaunt und erfreut, ja. Frage: Andererseits hat Sie der Bonner Kreisvorsitzende Heinz Kühn ein unbeschriebenes Blatt genannt? Antwort: Das hat er treffend gesagt, und viele andere unbeschriebene Blätter möchte ich gerne für die FDP gewinnen.

Merke, Rudolf Augstein: Man soll den Tag loben, denn der Abend kommt bestimmt.

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