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Hausmitteilung Datum: 17. Mai 1971 SPIEGEL-Sprache

aus DER SPIEGEL 21/1971

Mit der Sprache des SPIEGEL -- wenn es sie denn gibt -, mit der Art des SPIEGEL, seine Texte zu präsentieren, haben sich in jüngster Zeit wieder einige Autoren öffentlich beschäftigt. Etwa Hans Kapfinger, der begnadete Verleger der »Passauer Neuen Presse«, dort so: »Er manipuliert die Nachrichten, verändert dadurch das Bewusstsein seiner Leser in einer sehr oberflächlichen Art und Weise, ja, er hat das System der halben Wahrheiten und der halben Lügen zu einem eigenen Stil entwickelt.« Oder Jürgen Tern, ehemals Mitherausgeber der »Frankfurter Allgemeinen« -- der Vorredner darf ihm keinesfalls angelastet werden -, in der »Deutschen Zeitung -- Christ und Welt": »Die deutsche Presse im allgemeinen ist ... schwerblütig und ein wenig fad. Das hat nebenbei den Erfolg des SPIEGEL ausgemacht. Aber dessen maliziöse Federführung färbt auf die Zeitungen nicht ab, gibt ihnen kein Beispiel ...« So weit das Kollegiale. Mit wissenschaftlich-neutralem Anspruch operieren drei andere Arbeiten. Bei einer Tagung der Katholischen Akademie in Bayern über »Die Rolle der Sprache in geistigen und sozialen Prozessen« versuchten vier Arbeitskreise das Thema zu konkretisieren: an SPIEGEL-Texten, theologischen Texten, an Herbert Marcuse und am Beispiel einer Barzel-Rede. Das Resultat des Arbeitskreises SPIEGEL, mit über hundert Teilnehmern am stärksten besetzt, wird gegenwärtig noch von Rolf Grimminger, Lehrbeauftragter an der Universität München, zusammengefasst und soll erst im Herbst als Buch offeriert werden; seine Schlussfolgerungen sind noch nicht formuliert.

Zu lesen dagegen sind inzwischen die Prüfungsarbeit eines jungen Germanisten, Karl-Heinz Welder, über »Einige Beobachtungen zur Sprache des SPIEGEL« (nicht im Buchhandel) und die Studie von Broder Carstensen, Direkter der Abteilung Linguistik im Seminar für englische Philologie der Universität Mainz, »SPIEGEL-Wörter, SPIEGEL-Worte« (Max Hueber Verlag, München; etwa zehn Mark).

Beide Autoren nehmen, mutatis mutandis, die Sprache des SPIEGEL gegenüber dem guten Dutzend ihrer früheren Kritiker in Schutz; sie können in ihren (auch statistisch geführten) linguistischen Untersuchungen die Belege für deren Gründe nicht finden. Welder widerspricht sogar einer früheren Arbeit von Carstensen: »Für die untersuchten Texte kann also nicht die Feststellung gelten, die Broder Carstensen 1965 traf: .... dass der SPIEGEL als das Haupteinfallstor von Amerikanismen in die deutsche Sprache angesehen werden muss.« Carstensen, der alle Kritiker zitiert, glaubt dagegen, die Kritik an der Sprache des SPIEGEL sei im Grunde motiviert gewesen durch die Kritik an seinem politischen Inhalt: »Es scheint, dem SPIEGEL sei gelungen, seine eigenen Anforderungen in grossem Masse zu erfüllen: abgedroschene Phrasen und billige Gebrauchsformeln sind selten, Gemeinplätze werden vermieden, und das Ergebnis der SPIEGEL-Sprache ist selten Krampf. Dazu trägt die Auflockerung des Stils durch Humor und Satire ... entscheidend bei.« Gerne gelesen. Aber, natürlich: es verpflichtet auch.

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