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SPIEGEL-VERLAG! HAUSMITTEILUNG Datum: 19. Februar 1968 Walter Ulbricht

aus DER SPIEGEL 8/1968

Er habe niemals die sowjetische Staatsbürgerschaft erworben, steht in einer Erklärung Walter Ulbrichts für den SPIEGEL, und er habe auch keinen sowjetischen Offiziersrang gehabt: »Es lag übrigens kein Grund vor, mir einen militärischen Dienstgrad zu verleihen, da

ich ... Wahlfunktionen besass, die höher waren als militärische Dienstgrade, die man mir hätte geben können.« Tatsächlich hatte kürzlich im SPIEGEL (4/1968) gestanden, Ulbricht -- offiziell: Erster Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik -- sei sowjetischer Oberst gewesen. Die Quellen für diese Annahme waren unter anderem Photos von Ulbricht vor Stalingrad, auf denen er,

aus welchen Gründen immer, eine militärische Uniform zu tragen scheint, und die Angabe des ehemaligen Ministers für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, der sich zu erinnern glaubt, dass Ulbricht 1945 »bei seinem ersten Auftreten noch die Uniform eines sowjetischen Obersten getragen hatte«. Den vollen Wortlaut von Ulbrichts Gegenerklärung veröffentlicht der SPIEGEL auf Seite 22- und mit einem gewissen Vergnügen, falls das ein angemessener Ausdruck für die Reaktion von Journalisten ist, denen unverhofft ein autobiographisch-zeithistorisches Dokument ins Haus kommt.

Unverhofft, wahrhaftig, kam es, weil das Verhältnis zwischen Ulbricht und dem SPIEGEL nicht ohne Delikatesse ist, seit 1957 in einem SPIEGEL-Gespräch beide Seiten sich mit zermürbender Geduld verständlich zu machen versuchten. Die Redefigur, mit der Ulbricht damals viele seiner Sätze schloss -- »Das ist doch der Fakt, ja?«-, ist noch heute in der SPIEGEL-Redaktion geflügeltes Wort, dessen Schwingen allerdings,

wenn das möglich wäre, sehr stark sächsisch rauschen. Dass 1964 die Äusserung von Chruschtschows Schwiegersohn Adschubej bei seinem Deutschlandbesuch wiedergegeben wurde, Ulbricht leide an Krebs, führte zur Aussperrung aller SPIEGEL-Redakteure aus der DDR und aus Ost-Berlin. Man habe »den zuständigen Stellen« mitgeteilt, schrieb der DDR-Pressechef Kurt Blecha am 24. August 1964 an den SPIEGEL, »dass den

Redakteuren Ihres Nachrichtenmagazins die Einreise in die DDR einschliesslich ihrer Hauptstadt so lange nicht gestattet werden kann, bis die Chefredaktion des SPIEGEL ... die verleumderischen Anwürfe gegen führende Persönlichkeiten der DDR zurückgenommen hat«. Nun, wer andere zitiert, kann nicht gut etwas zurücknehmen, und so besteht dieses Einreiseverbot noch immer, das korrekte Berichterstattung gewiss nicht erleichtert. Immerhin, der Postverkehr scheint sich zu normalisieren. Auf dem Briefumschlag klebte Ulbricht gleich noch sechsmal, als Briefmarke zu zwanzig Deutschen Pfennigen der Staatsbank der DDR.

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