Zur Ausgabe
Artikel 4 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Hausmitteilung Datum: 19. Oktober 1964 Aktualität

aus DER SPIEGEL 43/1964

Datum: 19. Oktober 1964

Betr.: Aktualität

Zwei Titelbilder und -geschichten waren für diesen SPIEGEL vorbereitet, über die potentiellen Wahlsieger Douglas-Home und Wilson. Nicht vor Freitagmittag konnte die Redaktion ausreichenden Überblick über den Wahlausgang haben, am Sonnabendmittag musste der Versand des neuen SPIEGEL beginnen. Höchste journalistische und technische Flexibilität schien erforderlich, aber noch grössere Anforderungen wurden an Redaktion und Technik gestellt, als die Moskauer Ereignisse bekannt wurden. Obwohl weder Geschichte noch Titelbild für den Chruschtschow-Abgang vorbereitet waren,

konnte im SPIEGEL keinen Augenblick Zweifel darüber aufkommen, dass die Nachrichten der Freitagnacht ihre Resonanz auf dem Titel des neuen SPIEGEL finden mussten. Technische Handlungsfreiheit für so hochgespannte

Aktualität erkauft der SPIEGEL durch optimale Druckqualität, unter Verzicht auf maximale. Aus Anlass der Preiserhöhung sprachen einige Leser die Druckqualität an: »... dann auch besseren Druck und weniger Druckerschwärze ...« (Rolf Laue, Koblenz); »... Ihre Drucker sparen mit Druckerschwärze ...« (Erich Schulze, München 22). An der Druckerschwärze aber liegt es nicht. Mit den Maschinen, die für den SPIEGEL-Druck zur Verfügung stehen, kann man keine sogenannten »maschinengestrichenen« Edelpapiere bedrucken. Das SPIEGEL -Papier ist - gegenüber normalem Zeitungspapier - eine sogenannte »aufgebesserte« Qualität von der Art, wie sie auch für Frauenzeitschriften und Illustrierte grossenteils verwendet wird. Dieses Papier bedruckt der SPIEGEL nach dem gleichen Verfahren wie eine

Tageszeitung ("Rotations-Buchdruck"), nicht nach dem zeitraubenderen, wenn freilich auch im Ergebnis gefälliger wirkenden Verfahren der Frauenzeitschriften und Illustrierten ("Rotations-Kupfertiefdruck"). Durch das Druckverfahren reserviert sich der SPIEGEL die allerletzte Stunde, die für den Redaktionsschluss herauszuholen ist. Was dabei entsteht, ist ein Heft, das gefälliger wirkt als ein Heft aus rohem Zeitungspapier, nicht schlechter gedruckt als eine passable

Zeitung - mit ordentlich wiedergegebenen Bildern und Anzeigen, die in zeitraubenderen Druckverfahren perfekter wiedergegeben würden. Nach der SPIEGEL-Lektüre hat man zuweilen einen schwarzen Daumen, nach der Lektüre von »Brigitte« nie. Aber was nützte, an diesem

Montag, ein SPIEGEL mit Photos von bestechender Tiefe unter der Lupe und mit letzter Feinheit empfindlicher Tonverläufe in Anzeigensujets, wenn der Titel über

die Moskauer Ereignisse erst am nächsten Montag erscheinen könnte? Redaktion, Leser und Inserent liegen jeder den eigenen Interessen am nächsten, wenn der SPIEGEL das Optimum zwischen Aktualität und Präsentation einhält - »hart an der heissen Wahrheit stehend«, wie der Ausspruch eines früheren Kollegen, wenn auch nicht ohne Selbstironie, gern zitiert wird.

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.