Zur Ausgabe
Artikel 2 / 56

Hausmitteilung Datum: 2. 3. 1964 SPIEGEL-Gespräche

aus DER SPIEGEL 10/1964

Datum: 2. 3. 1964

Betr.: SPIEGEL-Gespräche

In einer Art Sitzungsraum, der zwischen seinem ziemlich kleinen Arbeitszimmer und dem Sekretariat liegt, empfing der Ministerpräsident des Landes Nordrhein -Westfalen, Dr. Franz Meyers, die SPIEGEL-Redakteure Ferdinand Simoneit und Gerd Brüggemann. Während sich unterm Fenster der Staatskanzlei am Düsseldorfer Mannesmann-Ufer die Schleppzüge durchs trübe Rheinwasser quälten, wurde eine Unterhaltung geführt, in der so eigentümliche Begriffe wie »Durchgrünung«, »Entballung« und »Auskohlung« ihre Rolle spielen. Die vom Tonband und vom Stenographen aufgezeichnete Diskussion ist auf der Seite 34 ("Alarmsignale an der Ruhr") zu lesen - als SPIEGEL-Gespräch.

Im Wirtshaus einer Tiroler Ortschaft wurden die SPIEGEL-Redakteure Dr. Jochen Becher und Peter Neuhauser von Südtiroler Dinamiteros erwartet, sodann mit einem Wagen (wenn es nach dem Wunsch der Gastgeber gegangen wäre: mit verbundenen Augen) zu einem auf einsamer Hügelhöhe stehenden Haus gebracht. Der Mann, der sich eine halbe Stunde später dort einschlich, heisst Luis Amplatz und ist den italienischen Carabinieri schon mehrmals nur mit Not entsprungen. Auf seinen Kopf kommen eine Reihe von Sprengstoff-Anschlägen, auf seinen Kopf stehen als Prämie acht Millionen Lire. Was er zur Erläuterung seiner Aktivität mitteilt, ist auf der Seite 79 ("Die Italiener haben uns das Land gestohlen") zu lesen - als SPIEGEL -Interview. In diesem Heft sind also zwei Formen journalistischer Fragetechnik enthalten: Gespräch und Interview.

Über Dynamit als Mittel der Politik ist nicht zu diskutieren. Wohl aber kann es informierend sein zu erfahren, wie einer argumentiert und was einer erlebt, der mit Donarit-Detonationen und Eierhandgranaten die Aufmerksamkeit der Welt auf seine Probleme lenken will. Die Meinungen, Erfahrungen, Erlebnisse, Ansichten bei denen herauszubekommen, deren Ansichten, Erlebnisse, Erfahrungen, Meinungen interessant sein könnten, gestattet die Technik des Interviews. Der Journalist übernimmt dabei den Part des Vermittlers oder leistet, wenn er es gut macht, so etwas wie Geburtshilfe.

Die Institution des SPIEGEL-Gesprächs, nun auch schon in ihrem achten Lebensjahr, hat anderen Ehrgeiz. Über das, was die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zur Sanierung des Ruhrgebiets unternommen hat, unternehmen könnte oder unternehmen sollte, sind - zumindest - zwei Ansichten möglich. Das SPIEGEL-Gespräch wünscht sich seine Ergebnisse als Resultat einer Diskussion, oft genug ist es zum Streitgespräch geraten. Natürlich ist auch da allein wichtig, mit

wem diskutiert wird. Die stereotype Schlussformel ist ernst gemeint: »Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.« Im Büchmann steht sie noch nicht. Aber die deutschen Kabaretts können kaum noch ohne sie auskommen.

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 56
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.