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Hausmitteilung Datum: 21. 9. 1964 Schweifträger

aus DER SPIEGEL 39/1964

Datum: 21. 9. 1964 Betr.: Schweifträger

Ein neuer Kollege kam, und neue Töne erschallen: Der Hausverwalter des SPIEGEL-Verlags hörte während eines Redaktions-Rundgangs durch die Wände, wie der Neue telephonisch eine Vermittlung am anderen Drahtende ersuchte, ihn »sofort mit Ihrem G 1« (Generalstabsoffizier 1) zu verbinden. In der Redaktionskonferenz apostrophierte das neue Redaktionsmitglied bestimmte Mitmenschen als »harmlose Schweifträger«. Dieser neue SPIEGEL-Redakteur ist der Bundeswehroberst i.G. a.D. Carl-Gideon von Claer, der vom Bundespräsidenten mit 52 Jahren in den Ruhestand versetzt wurde, weil er nicht wieder dienstfähig wird, nachdem ihm bei den »Schwabinger Krawallen« ein Auto über den Unterschenkel gefahren ist.

Dass der SPIEGEL seit längerem einen Militärkorrespondenten sucht, ist seit 1962 beim Generalbundesanwalt aktenkundig, der diesen Sachverhalt so verdächtig fand, dass er die Suchbriefe beschlagnahmen liess. In Amerika freilich sind derartige Bestrebungen der Presse so selbstverständlich, dass bei der Redaktion des Nachrichtenmagazins »Newsweek« nacheinander gleich zwei Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte, die Generale Spaatz und White, Dienst taten. »U.S. News & World Report« verpflichtete sich den Kommandeur einer Akademie für Strategie, General Johnson. Der Londoner »Times« dient als Militärberichterstatter der ehemalige Oberstleutnant i.G. Alec Gwynne-Jones, und schliesslich schreibt ja auch in der »FAZ« der Major i.G. der Wehrmacht und Oberstleutnant d.R. der Bundeswehr Adelbert Weinstein.

Leutnant Carl-Gideon von Claer sass 1935 von den Streitrössern der 16er Reiter in Erfurt ab und sattelte auf eine 750er BMW um, als Offizier in einem Kradschützenbataillon (von Claer: »Schnellste erdgebundene Waffe ihrer Zeit"). In der Wehrmacht brachte er es zum Oberstleutnant i.G. und Ersten Generalstabsoffizier der Panzergrenadierdivision »Grossdeutschland«, in der Bundeswehr hat er als »Atom-Claer« vorläufige Unsterblichkeit errungen. Als erster Offizier der Bundeswehr auf einem amerikanischen Generalstabskursus auch in Atomkriegführung unterwiesen, leitete er an der Bundeswehr-Führungsakademie Dutzende von Lehrgängen über die Anwendung atomarer Waffen für Generale und Stabsoffiziere.

Von seiner Tätigkeit beim SPIEGEL verspricht sich Redakteur Carl-Gideon von Claer, der Redaktion und damit dem Publikum Probleme der Verteidigungspolitik näherbringen und Kritik daran noch besser fundieren zu können als es - wie Claer zugibt - schon bisher der Fall war. Umgekehrt hofft er, die - wie er ebenfalls zugibt - ausserordentliche Kritikempfindlichkeit der Offiziere in ein verständigeres Verhalten der Bundeswehr gegenüber den Ausdrucksformen einer offenen Gesellschaft verwandeln helfen zu können.

Dass ihm selbst nicht nur der Schweifträger-Jargon sondern auch das Journalisten-Wortspiel gegeben ist, bewies Redakteur von Claer, als er für den im Hessenland des Ministerpräsidenten Zinn wohlgelittenen Generalmajor Müller die in Bundeswehrkreisen händereibend belachte Bezeichnung »Zinn-Soldat« (SPIEGEL 34/1964) erfand.

von Claer

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