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Hausmitteilung Datum: 21. Juli 1975 Brandt

aus DER SPIEGEL 30/1975

Hat Brandt mit Breschnew über den Fall Guillaume gesprochen? Hat er den Eindruck gewonnen, Breschnew sei wegen dieser, die Kanzlerschaft Brandts beendenden Affäre unmutig gewesen? Ist der Protokollführer des Auswärtigen Amts, der das Gespräch dolmetschte, für einige Zeit gebeten worden, Gastgeber und Gast allein zu lassen? Die »Frankfurter Allgemeine«, die am vergangenen Montag auf ihrer ersten Seite eine Vorausmeldung über diese im

SPIEGEL veröffentlichten Fakten aufnahm, mokierte sich: »Wie soll das zugegangen sein? Etwa so, dass Brandt sagte: Lieber Herr Breschnew« dass Sie mir so etwas antun würden, hätte ich nicht von Ihnen gedacht. Und dass Breschnew antwortete: Lieber Herr Brandt glauben Sie mir, ich habe mit dieser unappetitlichen Sache nichts zu tun ...« Die »Welt« fragte: »Sollte Brandt so

leichtgläubig sein, Breschnew diese Legende abzunehmen?« Er hätte doch den Bericht des Bundesnachrichtendienstes über

die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) und dem KGB auch im Fall Guillaume kennen müssen. Ganz so wörtlich steht es allerdings in der »Führungs-Orientierung« des BND vom Juni 1974 nicht, sondern nur, »aufgrund einiger Meldungshinweise kann unterstellt werden«, die Sowjet-Union sei auch nach 1958 über Guillaumes Aktivität unterrichtet gewesen.

Das »Flensburger Tageblatt« wird ganz energisch: »Willy Brandt hat dringenden Anlass, den SPIEGEL der Lüge zu bezichtigen.« Der Grund: Brandt habe in einem SPIEGEL-Interview (28/1975) angegeben, bei seinem Gespräch mit Breschnew sei ein Dolmetscher dabeigewesen, nun aber stehe im SPIEGEL, der Dolmetscher sei vor die Tür geschickt worden -- eine Behauptung, von der »die Vertrauenswürdigkeit des SPD-Vorsitzenden aufs schwerste in Frage gestellt« worden sei. Ein Scheingefecht, offenkundig. Brandt hatte im SPIEGEL-Interview gesagt, ebenso wie 1971 und 1973 sei auch diesmal ein Dolmetscher dabeigewesen, mit keinem Wort: ohne jede Unterbrechung. Die »Deutsche Zeitung« reimt: »Im Falle seines Falles glaubt Willy wirklich alles.« Da gäbe es drei Erklärungen: »Entweder die Sache stimmt, oder sie stimmt nicht und wurde vom SPIEGEL erfunden, oder sie stimmt zwar so nicht, wurde aber von Brandt dem SPIEGEL so erzählt.« Eduard Neumaier, für die »Zeit« in Bonn und mit den ortsüblichen Pflichtübungen gut vertraut, schreibt denn auch: Auf die Frage, ob alles so war, wie es im SPIEGEL stand, »mochte Brandt nur mit einem Barzel-Wort erwidern »So nicht'«. Auch die Sonthofener Rede, man erinnert sich, soll ja »so nicht« gehalten worden sein. Aber: Es war so.

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