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Hausmitteilung Datum: 21. März 1966 Lonis Orden

aus DER SPIEGEL 13/1966

Datum: 21. März 1966 Betr.: Lonis Orden

Fromme Schauder wollen einem den Rücken herauf, wenn Sprecher der Bundesregierung und des Deutschen Fernsehens bekanntgeben, wie durch Reisediplomatie die grossen Erfolge für das vorläufige Vaterland eingeheimst worden sind. Nämlich, die Wendekreise von Krebs und Steinbock sind kein Synonym für Schweinkram, sondern all die Farbigen zwischen den Wendekreisen, obwohl sie keine »Bild«-Zeitung und kein Kuratorium Unteilbares Deutschland haben, sind für die deutsche Frage, nun erst recht, Timbuktu inklusive. Daher ist es ganz und gar überflüssig, dass Presseblätter, die überhaupt nicht eingeladen sind, auf eigene Faust und Kosten Reporter hinterherschicken, die dann schreiben: »Ein über mehrere Tage geführter Papierkrieg zwischen der Deutschen Botschaft und dem madagassischen Protokoll hatte mit einem Kompromiss geendet, der Frau Lübkes Friseuse, Loni Schmidt, eine Medaille bescherte.« Heinrich Lübke und SPIEGEL-Reporter Peter Koch, der das aufgebracht hätte (SPIEGEL 10/1966), waren noch unterwegs zwischen Jaunde und Bamako, als der FDP -Abgeordnete Dorn im Bundestag die Frage einbrachte, ob es wegen eines Ordens für Loni Schmidt zu deutsch-madagassischen Protokollschwierigkeiten gekommen sei. Ohne die Fragestunde im Bundestag abzuwarten, erregte sich Regierungssprecher von Hase vor der Pressekonferenz, es würden »in einem Augenblick, wo das deutsche Staatsoberhaupt sich im Ausland für die deutsche Sache einsetzt, unfundierte Pressenachrichten zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage gemacht, ganz offensichtlich mit dem Ziel, die Reise des Bundespräsidenten in Einzelaspekten herabzusetzen«. Zum Beweis mangelnder Fundiertheit wusste er freilich nur anzuführen, weder dem Protokoll des Aussenamtes noch der Begleitdelegation Lübkes sei »von Kontroversen irgend etwas bekannt«. Nun hatte Koch nichts von Kontroversen geschrieben, die dem AA oder der Delegation bekannt seien, sondern nur von »Papierkrieg der Deutschen Botschaft« (in Tananarive). Ehe die Sache endgültig in den Bundestag kam, gab es ein weiteres Bonner Zwischenspiel: Die FDP-Fraktion verlautbarte, es sei nicht Sache des Regierungssprechers, Anfragen von Abgeordneten zu qualifizieren, und die Beantwortung von parlamentarischen Anfragen vor der Pressekonferenz stelle »eine Missachtung des Parlaments dar«. Auf die Frage im Bundestag selbst schliesslich, ob Friseuse Loni von der Botschaft zum National- orden vorgeschlagen worden sei, aber nur eine Verdienstmedaille erhalten habe, antwortete letzte Woche Staatssekretär Carstens: »Diese Informationen treffen nach den mir vorliegenden Nachrichten nicht zu.« Nun liegen so erlauchten Diplomaten selten Nachrichten vor, die ihnen besser nicht vorlägen. Daher konnte der Staatssekretär auch auf die Zusatzfrage, ob die Kritik des Regierungssprechers an der Abgeordneten-Frage und der Vorwurf einer Herabsetzung der Reise des Bundespräsidenten vertretbar seien, dreist die Antwort geben: »Mir ist nicht bekannt, dass der Sprecher der Bundesregierung derartiges getan hat.« Damit war die tapfere neue Welt zwischen Rhein und Wendekreis des Steinbocks wieder im Lot: Die Friseuse hat eine Auszeichnung, der Staatssekretär von nichts eine Ahnung und der SPIEGEL eine unwiderlegte Geschichte.

Loni Schmidt

Peter Koch

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