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Hausmitteilung Datum: 21. Oktober 1968 Athen

aus DER SPIEGEL 43/1968

Solche Informationen, das Wort in vernichtende Gänsefüsschen gerahmt, »derartige »Informationen'« also, schrieb der Presseattaché der griechischen Botschaft aus Bonn an den SPIEGEL, wie sie in der Titelgeschichte über Griechenland (40/1968) verbreitet wurden, »halten wir nicht für widerlegungswürdig. Ausserdem sind wir der Meinung, dass Ihre Leser leicht den utopischen und verleumderischen Charakter der diesbezüglichen Behauptungen erkennen werden«.

Einige dieser Leser haben sich aber offenbar mit dem Durchschauen des utopischen Charakters nicht begnügen mögen. Zwar sind die Meldungen in einigen ausländischen Zeitungen nicht zu bestätigen, der SPIEGEL sei in Griechenland beschlagnahmt worden; »there is no prohibition whatsoever«, meldet der Athener Grossist. Aber am vergangenen Mittwoch, morgens um 8.30 Uhr, erschienen im Athener Büro des SPIEGEL-Korrespondenten Kostas Tsatsaronis zwei Herren und baten ihn mit grosser Höflichkeit, die noch stets der beste Teil unwiderstehlicher Geheimpolizisten ist, sie zu begleiten (da sie nicht einig wurden, welche Omnibusverbindung die günstigste sei, spendierte Tsatsaronis ihnen und sich eine Taxe zur Strasse Bouboulinas, zum Haus der Geheimen Staatspolizei). Dort wurde der SPIEGEL-Korrespondent zwei Stunden vernommen, dann bekam er die Nummer 4222 -- im Haftbuch. Er musste Uhr und Krawatte, Gürtel, Ausweis und Füllhalter abgeben. Die Zigaretten durfte er behalten; oben, im komfortablen Haftraum mit drei unbenutzten Betten, gab es sogar Kaffee und Weintrauben. Tsatsaronis, Jahrgang 1933, gebürtiger Grieche, aber mit deutschem Hochschul-Examen (er schloss in München als Diplom-Volkswirt ab), musste nicht lange warten; gegen vierzehn Uhr wurde er von einem Beamten entlassen, mit einer Entschuldigung »wegen des kleinen Abenteuers«. Am Donnerstag allerdings wurde er -- höflich, höflich -- noch einmal zu einer Vernehmung gebeten, diesmal ging es nicht mehr um die Titelgeschichte, sondern um den SPIEGEL, dessen Auflage, schliesslich um eine Frage, reif fürs Delphische Orakel: Welchen Einfluss hat dieses Blatt wohl? Tsatsaronis erhielt die Zusicherung, er könne seine Arbeit ungehindert fortsetzen. Als die Agenturen am Mittwoch die Nachricht von der Tsatsaronis-Verhaftung verbreiteten, war der deutsche Botschafter Oskar Schlitter zu Besuch bei Georgios Christopoulos, dem Staatssekretär des griechischen Aussenamtes. Am Donnerstagabend, bei einem Empfang im Auslands-Presseklub, trat Christopoulos mit ausgebreiteten Armen auf Tsatsaronis zu, schüttelte ihm die Hand und sagte: »Wir wollen doch solche Sachen vermeiden.« Abgemacht.

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