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Hausmitteilung Datum: 22. November 1971. Homann, Gastarbeiter

aus DER SPIEGEL 48/1971

»Ich stelle mich nicht, um der Polizei einen Fahndungserfolg zu ermöglichen, sondern weil ich damit am eigenen Beispiel die ganze Fahndungshysterie deutlich machen kann«, sagte Peter Homann am vorletzten Sonntag im Hamburger SPIEGEL-Haus. Allerdings, bevor er in die Redaktion kam, war er zur Sicherheit einige Male ums Karree gefahren. Im übrigen scheint es eben die Fahndungshysterie gewesen zu sein, die ihn am besten getarnt hat. Homann, der sich nach seinen eigenen Angaben schon vor längerer Zeit von der Gruppe um Ulrike Meinhof und Andreas Baader getrennt und zumeist in einem Hamburger Versteck gelebt hatte, trug weder Perücken noch falsche Bärte: »Ich bin aufgestanden, wann es mir

passte. Ich bin essen gegangen, wo ich wollte -- wenn das Geld dazu reichte. Ich bin in Kneipen gewesen, bin im Kino gewesen, bin in Museen gewesen.« Tatsächlich sind auch die beiden SPIEGEL-Redakteure Manfred W. Hentschel und Hans-Wolfgang Sternsdorff, als am Sonntag nach vier Stunden das Gespräch aufgeschrieben war, mit Homann in ein Lokal in der Hamburger Innenstadt gefahren. Das einzig Bedrohliche: Nicht Homann, sondern Hentschel fährt einen BMW, den von der Baader-Meinhof-Gruppe bevorzugten Autotyp. Homann: »Auch das noch.«

In der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch ist das SPIEGEL-Gespräch zusammen mit Homann noch einmal durchgesprochen und für die Druckfassung redigiert worden -- die Prozedur dauerte über acht Stunden. Dann blieb Homann nur noch wenig Zeit, bevor er mittags in Begleitung über die Autobahn zu Rechtsanwalt Dr. Josef Augstein fuhr, um sich der Sicherungsgruppe Bonn zu stellen. Was er zuvor über seine ehemaligen Kameraden, was er über sich selber sagt, klingt bitter: »Hier wurde ... nicht die Menschheit aus dem Jammertal gerettet, sondern nur Baader aus dem Gefängnis« (Seiten 47 bis 62).

Es gibt in der Türkei, in Griechenland nahezu öde Dörfer, in Spanien Landstriche, in denen nur noch Alte zu finden sind und Kinder; der jugoslawischen, auch der griechischen Industrie werden die Facharbeiter knapp. Schlimmer aber, in diesen Ländern entfallen Zwang und Initiative zu eben den strukturellen Veränderungen, die zur

sozialen Sanierung nötig wären. Zu wenig, fast gar nichts geschieht -- so ergibt es sich aus der in diesem Heft beginnenden Enquete der Auslandsredaktion »Entwicklungshilfe für Reiche?«, Seite 138 -- für die Zeit und Zukunft, in der die in Deutschland arbeitenden Gäste in ihre Heimatländer zurückkommen wollen oder müssen. Der deutsche Staat, die deutsche Wirtschaft fühlen sich (wenige gute Ausnahmen gibt es immer) nicht zuständig, und mancher Staat ist offenbar einstweilen froh, für einige Zeit dem sozialen Druck der Forderungen nicht ausgesetzt zu sein, die qualifizierte Industriearbeiter stellen.

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