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Hausmitteilung Datum: 23. September 1968 Bestseller

aus DER SPIEGEL 39/1968

»Sie und Frau Professor Dr. Noelle-Neumann haben es doch geschafft, diese SPIEGEL-Bestseller-Liste als eine unangefochtene Einrichtung zu sichern«, schrieb vor einigen Wochen Karl Hans Hintermeier, Geschäftsführer bei Rowohlt, an den SPIEGEL, und: »Es ist hochinteressant, den Wandel der Auffassungen im Buchhandel im Verlaufe der letzten Jahre zu verfolgen.« Tatsächlich hat die insgesamt eher konservativ eingestimmte Zunft der Buchverleger und Buchhändler, der Frankfurter Börsenverein, in diesem Jahr beim Allensbacher Institut für Demoskopie, das seit sieben Jahren wöchentlich für den SPIEGEL die Bestseller ermittelt, eine gründliche Analyse des Buchmarkts bestellt und sich die Resultate dieser Marktforschung in einem Festvortrag zur Eröffnung der Buchmesse von Elisabeth Noelle-Neumann erläutern lassen. »Charakteristische Arbeitserfahrung« bei der Auswertung von Marktanalysen, sagte die Demoskopin ihren Zuhörern, »ist die Überraschung«. Beispiele: Blumen werden hauptsächlich von Frauen für Frauen gekauft, Schmuckstücke ebenso. Eine solche Überraschung war bei der Bestsellerliste des SPIEGEL, dass Bücher mit erotisch klingenden Titeln auf der Leiter zu den oberen Plätzen nur recht langsam vorankommen. »Verleger, mit denen wir uns unterhielten«, erläutert Elisabeth Noelle-Neumann, »meinten, Buchhändler, die wir befragten, zensierten gleichsam die Kaufwünsche ihrer Kunden.«

Um diesem Schwundphänomen auf die Spur zu kommen und um überhaupt die Zielsicherheit der SPIEGEL-Liste zu fundieren, haben die Allensbacher in diesem Jahre eine

Kontrollerhebung abgeschlossen. Während die Bestseller-Liste sonst auf den Auskünften von Buchhandlungen in Orten mit über 10 000 Einwohnern gründet, wurden zusätzlich 66 Bahnhofsbuchhandlungen, 77 Warenhäuser, 93 kleine Buchhandlungen in Städten und 59 Buchhandlungen in Gemeinden unter 10 000 Einwohnern befragt. Die dabei genannten Titel waren, insgesamt gesehen, ungefähr die gleichen wie die der üblichen Bestseller-Liste. Aber bei den Bahnhofsbuchhandlungen (nicht ganz so hoch bei den Warenhäusern) rangierten Bücher wie »Candy«, »Geschichte der O«, »Das Tal der Puppen«, »Sexual-Report« wesentlich höher oder hielten noch immer einen guten Platz, nachdem sie auf der Liste im SPIEGEL bereits abgestiegen waren; auch Bernes nicht eben sehr erotische »Spiele der Erwachsenen« profitierten dabei, womöglich von einem Irrtum. Offenbar wurde, was leichter zu denken als nachzuweisen war: Bestimmte Bücher erwirbt der Konsument lieber anonym am Bahnhof als bei seiner Stammbuchhandlung. Aber es handelt sich dabei keineswegs nur um die sexversprechenden Titel. Auch Maos rotes Büchlein lag bei Warenhäusern weit besser als bei den Sortimentern im Rennen.

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