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Hausmitteilung Datum: 26. Juli l965 Tod im Atelier

aus DER SPIEGEL 31/1965

Datum: 26. Juli l965 Betr.: Tod im Atelier

Im Januar schrieb Boris Artzybasheff an den SPIEGEL: »Der Arzt meint, ich könne wieder arbeiten. Jetzt und in Zukunft möchte ich gern für den SPIEGEL tätig sein.« Er bat um Frist für seinen SPIEGEL-Titel »Do it yourself« (Nr. 17/1965), erläuterte acht Wochen später brieflich seinen Kolorierungs-Entwurf ("Fröhlich und in frühlingshaften Farben") und schickte das Original pünktlich zu Ostern. Es sollte sein letztes SPIEGEL-Titelbild sein: Am 16. Juli erlag er in Connecticut mit 66 Jahren seinem organischen Herzleiden. Insgesamt 219 Titelbilder hat er für

»Time« fertiggestellt, für den SPIEGEL acht (siehe Bildleisten). Bei »Time« hatte Artzybasheff - Exilrusse, Graphiker, Maler, Kartograph, Illustrator, Designer, Buchautor - im Zweiten Weltkrieg mit einem Porträt seines verhasst-verbündeten Landsmanns Marschall Timoschenko begonnen. Es folgte nicht nur alliierte, sondern auch deutsche Kriegsprominenz einschliesslich jenes Dönitz -Porträts vom Mai 1943, das - mit der »Grossadmiralsfrage« in der Bundeswehr zur See - 1961 als SPIEGEL-Titel auferstand. Fünf Jahre vorher hatte sich der SPIEGEL zum erstenmal an Artzybasheff gewandt, im zehnten Jahrgang, als sich die wuchtigen Photo-Physiognomien der aktuellen Nachkriegsprominenz allmählich überlebten, unbekannte Gesichter neue Verhältnisse repräsentierten und der Leser die SPIEGEL -Ausgaben mit ihren Titel-Photos, so die Kritik, »nicht mehr auseinanderhalten konnte« (Benno Reifenberg von der »Gegenwart"). Eine solch unbekannte, nicht unterscheidbare und gleichwohl Dynamik repräsentierende Persönlichkeit war der Florentiner Bürgermeister und christliche Sozialist Giorgio La Pira. Ihn porträtierte Artzybasheff 1956 als ersten für den SPIEGEL, als nächsten Jung-Strauss mit den Phasen der Verwandlung eines Sepplhutes in einen Bundeswehrhelm als »expressivem Background«, wie Artzybasheff

selbst diese Technik nannte. »Artzys« letzter »Time« -Titel (Ho Tschi-minh) lag gerade an den Zeitungsständen der ganzen Welt aus, als Freunde den einsamen Witwer tot in seinem Atelier liegend auffanden. Für die Kondolenz zu seinem Tode gibt es keinen anderen Empfänger als sein Publikum.

Artzybasheff

16/56: La Pira

1/57: Strauss

51/59: Freud

6/61: Dönitz

52/62: Darwin

14/64: Automation

51/64: Mafia

17/65: Do it yourself

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