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Hausmitteilung Datum: 27. Januar 1969 Israel

aus DER SPIEGEL 5/1969

»Zwischen Israel und dem SPIEGEL haben wir friedliche Beziehungen«, sagt der israelische Aussenminister Abba Eban im SPIEGEL-Gespräch (Seite 80). Dabei wird es hoffentlich bleiben, obwohl israelische Politiker -- wer auf der Welt hätte mehr Grund dazu als sie? -- zuweilen mit äusserster Empfindlichkeit auf Manifestationen reagieren, die ihren Absichten widersprechen. Die Titelgeschichte dieses Heftes ("Noch 19 Jahre«, Seite 76) und das SPIEGEL-Gespräch mit Eban sind aber eine Art Auftakt zu einer Serie, die in den folgenden sechs Heften den Konflikt in Nah-Ost behandelt und deren Autoren jedenfalls nicht für die israelische Regierung sprechen werden: Es sind der jordanische König Hussein, dessen Truppen im Sechs-Tage-Krieg nahezu als einzige arabische Formation den Israelis Widerstand leisteten, und der israelische Abgeordnete Uri Avnery, dessen Partei nur einen einzigen Abgeordneten in die Knesset brachte: ihn.

Hussein ist unter den arabischen Führern einer der

wenigen, die es riskieren, eine realistische Einschätzung ihrer Lage öffentlich zu erörtern -- »ich war und blieb?«, nennt er es, »im wahrsten Sinne des Wortes eine einsame Stimme in der Wüste«. Avnery wiederum ist kein Zionist, jedenfalls kein Zionist mehr. Er wirbt für eine Föderation, für ein staatliches Gebilde am Jordan, das Araber und Israelis gleichermassen als ihr Land akzeptieren könnten. Tatsächlich hat er der Knesset vorgeschlagen, einen Araber zum Präsidenten zu wählen. Es war nicht seine einzige Zumutung ans Parlament: Er brachte dort so ungewöhnlich viele Anträge ein, dass seinetwegen die Geschäftsordnung geändert wurde.

Uri Avnery ist in Deutschland geboren (und hiess damals, in Hannover, noch Helmut Ostermann); sein Vater wanderte 1934 ahnungsvoll nach Palästina aus, als der Sohn zehn Jahre alt war. In Palästina versuchte sich Uri Avnery zuerst als Mechaniker, dann als Angestellter in einem Anwaltsbüro. Nachts machte er bei der »Irgun« mit, einer militanten zionistischen Untergrundgruppe, deren Führer sich später vollkommen zerstritten. Avnery: »Obwohl der Zionismus unser aller Leben gerettet hat, habe ich das niemals vergessen, als ich später ein Nicht-Zionist geworden bin, vielleicht sogar ein Anti-Zionist.« Der materielle Erfolg einer politischen Broschüre erlaubte es Avnery, ein »moribundes« Magazin zu erwerben, »Haolam Hazeh« -- etwa: »Diese Welt« -, von dem er sagt, wenn es überhaupt zitiert werde, dann nur als »ein gewisses Magazin«. Der Name, den sich der junge Ostermann in Israel zugelegt hat, stammt aus der Bibel -- Uri bedeutet Flamme, Avner hiess der Feldherr des Königs David. Aber auch bei seinen politischen Vorstellungen beruft sich Avnery durchaus auf biblische Tradition. »Ich behaupte nicht«, schreibt er zu seinem Text, »objektiv über Israel zu urteilen. Ich glaube auch nicht, dass irgend jemand sonst das könnte. Es liegt irgend etwas in der Luft dieses Landes, das zu Extremen verführt.« Und: »Die Propheten waren schliesslich auch Extremisten.«

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