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Hausmitteilung Datum: 27. September 1971 DER SPIEGEL

aus DER SPIEGEL 40/1971

Ein »autoritäres Kapitalistenscbwein« kann heute jeder leicht werden, man kann sich sogar als solches »entpuppen«. Auch ist vom »liberalen Scheisser« zum »autoritären Scheisser« kein langer Weg. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein, dem die Maske von wohlmeinenden Gesellschaftstheoretikern für immer vom Gesicht gerissen wurde ("entlarvt« wurde er, »enttarnt"), konnte in der vergangenen Woche in der süddeutschen Ausgabe der »Welt« lesen, er habe sich nach Ansiebt eines ungenannten SPIEGEL-Redakteurs als ein »autoritäres Kapitalistenschwein entpuppt«.

In der »Bild«-Zeitung (Überschrift: »Der SPIEGEL-Aufstand dauerte nur drei Tage") hatte ein anderer ungenannter Redakteur, oder derselbe, zu Protokoll gegeben, er sehe nur noch »autoritäre Scheisser«. Dass beide Kennzeichnungen von »Bild«- oder »Welt«-Journalisten erfunden worden sind, ist gar nicht einmal wahrscheinlich. Den Chefredakteur Günter Gaus, im »Westdeutschen Rundfunk« als Augsteins »Gehilfe« apostrophiert, sieht die »Süddeutsche Zeitung« bereits zurücktreten. Die »Welt« witterte einen »Streik der SPIEGEL-Redakteure« -- dreispaltig-, dito sieht der »Münchner Merkur« »des »Spiegels, schwerste Krise« (mit Verlaub, eine gar nicht so leichte Krise, die ein Bayer verursacht hat, scheint da vergessen).

Ist hier Krise? Aber sicher, und wie sollte sie nicht mit Wucht und als ersten den SPIEGEL treffen, der immer stolz war, auch sehr »linken« und sehr »radikalen« Leuten ein Wirkungsfeld zu sichern? Wen sonst, wenn nicht gerade eine Redaktion, die zu hochmütig war, die Riecherei nach subversiven Unterwanderei-n mitzumachen? Wen sonst, wenn nicht die Zeitung mit dem fortschrittlichsten Mitbestimmungs- und Beteiligungsmodell? Es kennzeichnet ja die gegenwärtigen Auseinandersetzungen,

dass fortschrittliche, offene Institutionen von »links« her aufs Spiel gesetzt werden, wogegen die konservativen Hochburgen unberannt bleiben.

Die Front verläuft nicht zwischen der Redaktionsleitung und der Redaktion, sondern zwischen zwei Fraktionen, deren eine in der Redaktion ihre Dogmen verwirklichen will. Typischer Streitpunkt: Die Redaktionsleitung will einen Redaktionsrat, der nicht jederzeit zur Rechenschaft gezogen und abgewählt werden kann; getreu der

Absprache: »Der Partner (der Redaktionsleitung) bei Personal-Debatten ist der Redaktionsrat und nicht die Vollversammlung.« Die Vollversammlungsfraktion aber will den Redaktionsrat durch imperatives, jederzeit entziehbares Mandat abhängig wissen. Derart würden Personal-Details einer erstaunten Umwelt offen vor Augen liegen, und die Redaktion wäre einem ständigen Parteien-Kampf ausgesetzt, der jeden Korpsgeist ersticken müsste. Dies sind nur einseitige Stichworte. Aber die Redaktionsleitung musste Flagge zeigen. Augstein am letzten Freitag: »Das Wort Agitation wird künftig mit einem kleinen a geschrieben.« Und: »Wir bleiben ein liberales, ein im Zweifelsfall linkes Blatt.«

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