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Hausmitteilung Datum: 28. Februar 1966 Senhor Bramwad

aus DER SPIEGEL 10/1966

Datum: 28. Februar 1966 Betr.: Senhor Bramwad

Im Gemeindesaal der Kirche Imaculada Conceicao von Rio de Janeiro tagte das »Komitee zur Verteidigung der Opfer von Mannesmann«. Salesianer-Pater Irineu eröffnete die Sitzung und ersuchte den anwesenden Leo Brawand, von seinem Sitz aufzustehen und den Arm zu heben: Diesen Mann, so sagte Pater Irineu, habe der SPIEGEL aus Deutschland geschickt, und wer der deutschen Zunge mächtig sei, möge ihm seinen Fall unterbreiten. Fortan war des SPIEGELs leitender Wirtschaftsredakteur Leo Brawand auf regelloser Flucht vor Brasilianern, Schweizern und Deutschen, die ihm ihre Wechselforderungen an die Mannesmann AG in Düsseldorf oder die Companhia Siderúrgica Mannesmann in Rio erläutern wollten ("The Times": »Grösster internationaler Finanzskandal seit dem Kriege«; Deutsche Botschaft in Rio: »... dem deutschen Namen in Brasilien und ganz Südamerika ungeheuer geschadet"). Das »Jornal do Brasil« meldete, Senhor Bramwad vom SPIEGEL habe an der Versammlung im Gemeindesaal teilgenommen, und Brawand sah sich zu dem Ersuchen an die Vermittlung des Hotels »Ouro Verde« genötigt, keine weiteren Gespräche mehr durchzustellen. Kirche und Armee, die inflationsbedrohtes Almosen und Spekulationskapital in faulen »Promissorias« auf den weltberühmten Bezogenen Mannesmann angelegt hatten, fordern die Konfiskation der Mannesmann -Hütte in Belo Horizonte. Leo Brawand interviewte Wirtschaftsminister Roberto Campos: »Belo Horizonte wird auf keinen Fall enteignet?« Campos: »Nein.« Brawand sass auch acht Stunden mit jenem unseligem Jorge de Serpa zusammen, der Mannesmann-Wechsel zu 5 v. H. Monatszins im Gesamtwert von 50 bis 60 Millionen Mark ausstellte. In einer Prozedur, der gegenüber die Behandlung in der »Glocke« des Hamburger Untersuchungsgefängnisses wie ein Häschen-in-der-Grube-Spiel anmutet, ist Serpa nach dem Verbleib der Wechsel-Erlöse befragt worden. Brawand fragte Wirtschaftsminister Campos: »Sie wissen, dass Mannesmann erklärt hat, die Wechsel seien von dem früheren Direktor Serpa ausgegeben, und der Erlös der Papiere sei nicht in die Kassen der Firma geflossen?« Campos: »Der Bericht unserer Untersuchungskommission kommt zu dem Schluss, dass das Geld aus den Wechseln für die Expansion der Firma in Brasilien verwendet wurde.« Untersuchungsführer ist General Ayrton Salgueiro de Freitas, den Brawand in dessen Dienststelle, der Blindenanstalt von Rio, aufsuchte. Der General zeigte bereitwillig seine »Secreto« gestempelten Akten und sprach gefällig von seinem Besuch bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936, seiner Olympia-Teilnahme als Fünfkämpfer in London 1948 und seiner Zugehörigkeit zum Olympischen Komitee Brasiliens. Brawand bat um ein Bild des Generals für seinen Bericht über Mannesmanns Brasilien-Skandal. Der Fünfkämpfer ("Ich bin kein Operetten-General"), den ständig die offen getragenen Läufe einer Pistolenschar umgeben, löste das Photo aus einem Ausweis, der ihm die Zugehörigkeit zum brasilianischen Geheimdienst bescheinigt (Bericht Seite 36, Geheimdienst-Passbild Seite 44).

SPIEGEL-Redakteur Brawand, Pater Irineu

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