Zur Ausgabe
Artikel 4 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Hausmitteilung Datum: 3. Mai 1965 Besichtigung

aus DER SPIEGEL 19/1965

Datum: 3. Mai 1965

Betr.: Besichtigung

Kein Styx begrenzt, kein Zerberus bewacht und kein Hermes Trismegistos verschliesst das SPIEGEL-Archiv. Sein durchsichtiger gläserner Zugang öffnete sich am letzten Dienstag 70 Fachleuten. Presse-Archivare tagten in Hamburg als Fachgruppe des Vereins deutscher Archivare. Fachgruppen-Vorstand sind der Archivleiter des Bundespresseamtes, Dr. Seeberg-Elverfeldt, der Archivleiter des Weltwirtschafts-Instituts, Dr. Muziol, und der Chef der SPIEGEL-Dokumentation, Heinz Klatte. So lud Klatte die Kollegen ein, sein Archiv zu besichtigen, und erläuterte: Etwa 5,5 Millionen Presseausschnitte sind archiviert, täglich kommen bis zu 1800 hinzu. »Tote« Sachkomplexe (Saar-Frage, Korea-Krieg), »tote« Personalien (zu denen seit drei Jahren nichts hinzugekommen ist, auch wenn die Person selbst noch lebt) werden, der Raumersparnis wegen, auf Mikrofilm genommen. Schon jetzt belegt das Archiv rund 960 Quadratmeter und entspricht damit der maximalen Nutzfläche von acht öffentlich geförderten Eigenheimen. Der jährliche Materialzuwachs füllt ein siebenstöckiges Regal von 20 Meter Länge. Eineinhalb laufende Kilometer Regal in Aktenordnerhöhe misst der gegenwärtig nicht verfilmte Archivbestand. Den SPIEGEL-Journalisten dient er als Quelle, Übersicht und Anregung, den Sachbearbeitern der Dokumentation als Unterlage für die »Verifikation«. Sie haben jeder objektiv überprüfbaren Sachangabe im SPIEGEL nachzugehen.

Klattes Kollegen konnten dem Sachbearbeiter der Kultur-Dokumentation über die Schulter schauen, wie er auf Seite 131 dieses SPIEGEL verifizierte, ob Hornhautübertragungen von Toten auf Lebende bisher nur wenige Stunden nach dem Tode des Spenders durchgeführt werden konnten. Im Archiv K (Kultur), Sektion W (Wissenschaft), ist wie in allen Sektionen medizinisches Material unter Ziffer 100 erfasst. Unter »KW 100/Transplant« enthielt die Abteilung »Auge« einen Ausschnitt aus dem britischen »New Scientist«, auf Grund dessen der Archivar den Artikel berichtigen konnte, da bereits 1964 Hornhautverpflanzungen nicht nur binnen Stunden, sondern noch nach Tagen durchgeführt wurden.

Die Systematik eines Leitweges wie »KW 100/Transplant/ Auge« ist auf die besonderen Bedürfnisse des SPIEGEL zugeschnitten. Nach internationaler Dezimalklassifikation würde das Material unter 617.71 gehören. Für solche Feinheiten vor allem interessierten sich Klattes Kollegen. Sie fanden bestätigt, was kürzlich auch die »New York Times« in ihrer SPIEGEL-Analyse geschriebenhatte: Das SPIEGEL-Archiv ist keine Dossier -Sammlung eines Deuxième Bureau, sondern eine glänzend organisierte Ausschnitt-Sammlung.

Fachgespräch im SPIEGEL-Archiv (3. v. l.: Dokumentations-Chef Klatte)

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.