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Hausmitteilung Datum: 30. Juli 1979 Heinrich Böll

aus DER SPIEGEL 31/1979

Gelegentlich, so meinte Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll 1973, lese er den SPIEGEL-Jargon, eine »gewisse mit Süffigkeit aufbereitete Häme«, ganz gern, »wenn man nicht gerade selbst der Betroffene ist«. Aber eben das ist dem Poeten mit der dünnen Haut und der widerborstigen Redlichkeit noch und noch passiert -- vom ersten grossen SPIEGEL-Titel an (50/1961) bis zur Rudolf-Augstein-Kolumne über Bölls neuen Roman »Fürsorgliche Belagerung« in diesem Heft (Seite 137). Doch der oft gepriesene und preisgekrönte Moralist hat den SPIEGEL ebenso als Tribüne der Empörung nutzen können: Zum ersten und einzigen Male veröffentlichte der SPIEGEL mit Heinrich Bölls umstrittener Zeitung-Erzählung »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« ein belletristisches Werk (31-34/1974) -- und schon zwei Jahre früher war von Böll eine Kolumne »über die Baader-Meinhof-Gruppe und »Bild'« (3/1972) erschienen. Sie trug ihm den Verruf als »Sympathisant« ein und ebenso einen strengen Protest des nordrhein-westfälischen Ministers Posser, der auch im SPIEGEL (5/1972) gedruckt wurde. Ihm stimmte Böll ein Heft später »im grossen und ganzen« bei. In seinem »Lieber Spiegelleser!« zum Abdruck der Erzählung hatte Rudolf Augstein Böll als »nahezu ständigen Mitarbeiter« begrüsst, der »demnächst Kündigungsschutz« geniesse: Von 1963 bis 1978 hat Böll für den SPIEGEL 16 Buchkolumnen geschrieben, er hat den

Nachruf auf Ingeborg Bachmann verfasst, er besprach Schlöndorffs Baltikum-Film »Der Fangschuss«, und er handelte über die Affäre der Bundesluftwaffe mit dem grossdeutschen Obersten Rudel.

An kritischen Rangeleien hat es dabei nicht gefehlt. Rudolf Augstein, der schon 1963 in der »Zeit« Bölls Roman »Ansichten eines Clowns« gedeutet hatte, hielt contra »Katharina Blum« dafür, »Bild« sei viel gelungener, hals ein Gebildeter unter seinen Verächtern es je porträtieren oder karikieren könnte«. Böll wiederum meinte in seiner SPIEGEL-Kritik von Augsteins »Jesus Menschensohn« (15/1973), der Autor sei »möglicherweise in einer modischen Furcht vor »Emotionen« selber unter die Theologen gegangen.

Doch Heinrich Böll, der weltberühmte Autor, ersah sich ebenso im SPIEGEL (52/1977) eine grundsätzliche Gemeinsamkeit mit seinem Kritiker und Kollegen: »Was mich beschäftigt als Autor«, sagte er zu seinem 60. Geburtstag SPIEGEL-Redakteur Rolf Becker, einem alten und sehr guten Bekannten, »gar nicht als politischer Publizist, sind etwa solche Karrieren: von mir, von Herrn Augstein, von Herrn Strauss, von Herrn Schmücker (dem VW-Chef) ... also lauter Menschen, die nicht aus einem geistigen oder materiellen Besitzstand heraus eine gewisse Bedeutung erlangt haben.«

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