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Hausmitteilung Datum: 31. Juli 1972 Aktionen, Aktivisten

aus DER SPIEGEL 32/1972

An jedem Montag läuft seit einigen Wochen ein verirrter Präzeptor in einem süddeutschen Städtchen zum Postkasten und gibt dort einige Dutzend hektographierter Briefe auf den Weg. Er nimmt mal dieses Städtchen, mal jenes, denn er ist ja ein Konspirativer. Die hektographierten Einheitsbriefe sind adressiert an die Anzeigenkunden des SPIEGEL aus der jeweils jüngsten Ausgabe, deren Anschriften er nun endlich beisammen hat. Den Kunden wird mitgeteilt, sie unterstützten »durch Ihre SPIEGEL-Insertion unmittelbar die Beseitigung unserer freiheitlichen demokratischen Ordnung«.

Wer hätte das gedacht? Einige der Adressaten werfen diese Selbstanzeige politischer Verwirrtheit dahin, wohin sie wohl gehört, in den Papierkorb. Andere Geschäftsfreunde schicken den Zettel an den SPIEGEL weiter, zuweilen mit animierten Anmerkungen ("Guter Gott«, »Na, nun wissen wir's!").

Die Inserenten also wissen Bescheid, die SPIEGEL-Leser sollten mit so trostlosem Unfug eigentlich nicht ennuyiert werden. Aber nun ist er doch öffentlich geworden. Der Branchendienst »facts« ("Der Deutsche Kommunikations-Dienst") meldete: »Aus dem Hinterhalt pöbelt eine obskure »Aktion Selbsterhaltung« SPIEGEL-Anzeigenkunden an. Wer immer in den letzten Wochen und Monaten im Hamburger Nachrichtenmagazin inserierte, verzeichnete ungebetenen Posteingang. Ein Verein von Dunkelmännern... spuckte Gift und Galle. Es passt ins Bild, dass die fiese Tour anonym ... geritten wird. Lesen Sie mal:« Auch der Westdeutsche Rundfunk erkundigte sich in einem Interview, das am vergangenen Freitag gesendet wurde, nach der Aktion. Auskunft vom SPIEGEL-Verlag: Ein »politischer Monomane«.

Bei den Olympischen Spielen wird, so prophezeien es jedenfalls die Leute, die vom Sport viel verstehen, die DDR ohne alle Anführungszeichen zumindest den dritten Platz belegen, wenn am Ende Gold, Silber und Bronze zusammengerechnet werden. Walter Gloede, in der SPIEGEL-Redaktion für Sport zuständig, hat sich aber nicht nur der Medaillen-Ernte wegen seit einigen Jahren mit dem Thema Sport und Sportler in der DDR beschäftigt -- athletische Spitzenleistungen gelten in Ost-Berlin offenbar als

Hebel für politische Anerkennung. Gloede traf DDR-Sportler und ihre Funktionäre an vielen Plätzen der Welt -- nur nicht in der DDR; da wurde er zum Recherchieren nicht eingelassen. Die auf drei Folgen berechnete Serie »Bei uns ist immer Olympia« beginnt in diesem Heft auf Seite 68.

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