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Hausmitteilung Datum: 7. August 1967 Betr. Wiesenthal

aus DER SPIEGEL 33/1967

Die Leute, die er sucht, stellt, verhaftet oder verhaften lässt, nennt er seine ·Kunden« -- der erste Kunde, den er festnahm, ein SS-Mann namens Schmidt, musste ihn stützen, als es die Treppe hinunterging: Simon Wiesenthal, von den Amerikanern eben aus dem Konzentrationslager Mauthausen befreit, konnte sich nach monatelanger Haft noch kaum aus eigener Kraft auf den Beinen halten. Er war, als die amerikanischen Panzer durchs Lagertor rollten, nicht einmal in der Lage gewesen, den Siegern auf allen vieren entgegenzukriechen, aber er wusste schon in der ersten, von akuter Todesfurcht freien Nacht, was er tun wollte, und er wusste es immer noch, als ein Anonymus siebzehn Jahre später seine Tochter zu ermorden drohte: »Ich kann nicht aufhören. Ich kann nicht aufhören.« Es geht ihm, dem als eine Art Privatmann sicherlich erfolgreichsten Aufspürer von NS-Verbrechern, »nicht um Rache, sondern um Gerechtigkeit«, wie er sagt. Der (wie der Literatur-Nobelpreisträger Agnon) im galizischen Buczacz geborene Wiesenthal, der in Prag Architektur studierte, ist kaum je dazu gekommen, seinen Beruf auszuüben; die relativ bequemste Tätigkeit, zu der er während des Krieges gezwungen wurde, war, Hoheitszeichen -- Reichsadler mit Hakenkreuz -- auf erbeutete Lokomotiven zu malen, deren Räder dann doch nicht mehr für den Sieg rollten. Sein prominentester »Kunde« ist Adolf Eichmann gewesen, auf SS-Dienstbogen Referateleiter IV-B-4 im RSHA, im Amtsdeutsch des Dritten Reiches Koordinator der Endlösung der Judenfrage im Reichssicherheitshauptamt, auf deutsch derjenige, der den Abtransport der Juden in Europa zu organisieren hatte und zu organisieren wusste. Über weniger prominente Kundschaft spricht Wiesenthal, Initiator des Wiener »Dokumentationszentrums des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes«, nur, wenn er es für zweckmässig hält, sonderbare bürokratische Schwierigkeiten -- etwa in der Bundesrepublik oder in Österreich, in Italien, Brasilien, Paraguay und Argentinien -- durch Mobilisierung der Öffentlichkeit zu vermindern. »Kriegsverbrecher und Staatsanwälte, Minister und Gelehrte«, so schreibt sein Biograph Joseph Wechsberg, »haben erfahren müssen, dass Wiesenthal kein bequemer Gesprächspartner ist«, sicherlich aus sehr verschiedenen Gründen. Die Zeithistoriker rechten mit ihm, weil es Wiesenthal, der Justizministerien und Botschafter, Staatsanwälte und Dorfpolizisten im rechten, oft letzten Moment zu alarmieren weiss, um den Zugriff mehr geht als um genaue Dienstbezeichnung oder Geschichtsdaten. Die anderen haben anderen Grund zur Sorge: Auf Wiesenthals Kartei sind noch über 22 000 Namen offen. Von dieser Ausgabe an veröffentlicht der SPIEGEL einige Abschnitte aus einem Arbeitsbericht Wiesenthals (Seite 52), der nächstens auch als Buch in Deutschland erscheint. Der resignierende Titel: »Doch die Mörder leben.«

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