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Hausmitteilung Datum: 7. Januar 1985 Titel

aus DER SPIEGEL 2/1985

Den Staatsmännern der Welt scheint nichts Wichtigeres am Herzen zu liegen als die Veranstaltung unnützer Siegesfeiern. An der Invasionszeremonie in der Normandie durfte der westdeutsche Bundeskanzler nicht teilnehmen, weil er 1944 erst vierzehn Jahre alt war und im übrigen auf der falschen Seite aufwuchs.

Dafür durfte er in Verdun, wo 1916 geschlachtet und geblutet worden war, die Verbrüderung bis ins Lächerliche treiben.

Den Gipfel aller Abstrusitäten soll nun das Jahr 1985 bringen, da das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 bedingungslos kapituliert hat.

Vor vierzig Jahren wurde die Welt von der Hitler-Herrschaft befreit. Aber Millionen Menschen gerieten in neue Knechtschaft, Millionen wurden ermordet, Millionen ohne Anlaß aus ihrer Heimat vertrieben. Es kamen auch Millionen angesichts der unmenschlichen Umstände dieser Vertreibungen ums Leben.

Was die Stunde Null genannt wird, war gleichzeitig auch der Zusammenbruch des gesamten Bismarckschen Reichssystems. Der SPIEGEL schildert die letzten vier Monate der Reichshauptstadt Berlin (Seite 15); Rudolf Augstein sucht die Kontinuität dieses zu früh und zu groß angelegten Machtblocks darzulegen (Seite 23).

Bismarcks so viel gerühmtes Balancesystem hielt runde zwanzig Jahre. Dann wollten die deutschen Militärs Moltke und Waldersee präventiv über Rußland herfallen und Zar Alexander III. das Hohenzollernreich in Stücke schlagen. Von wegen Rückversicherung. Ergiebigster Zeitzeuge auf russischer Seite ist mit seinen Tagebuchnotizen der spätere Außenminister Wladimir Graf Lamsdorf, dem westfälischen Adelsgeschlecht derer von der Wenge entstammend, das 1817 den Titel der Grafen von Lambsdorff erhielt. Der Ur-Ur-Ur-Großvater unseres Grafen mit der Silberkrücke war der Onkel des unverheirateten und kinderlosen, bis zum Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 aber keineswegs erfolglosen Außenministers.

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