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VERSICHERUNGEN Daumen im Zielgebiet

Mit Amputationen wollen sich Selbstverstümmler hohe Versicherungssummen erschleichen. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Nur noch an einer Hautbrücke hing der Daumen an der linken Hand. Der Finger war so zerfetzt, daß ihn die Ärzte nicht mehr annähen konnten. Das Ganze, teilte Textilvertreter Paul Kehrer _(Namen von der Redaktion geändert ) , 42, seiner Versicherung mit, habe sich bei der Jagd zugetragen.

Im Wald sei er gestürzt, so schilderte Kehrer den Unfall, und habe instinktiv mit den Händen nach vorn gegriffen. Dabei sei er auf das Gewehr gefallen, ein Schuß habe sich gelöst und den Daumen getroffen. Seiner Assekuranz legte der Textilvertreter Atteste sowie Krankenhaus-Belege vor und forderte 80000 Mark. Nach den Unfalltarifen erstatten die Versicherungen für Totalverlust oder schwere Dauerschädigung des Daumens (siehe Graphik Seite 104) ein Fünftel der Vertragssumme - Kehrer hatte sich mit 400000 Mark gegen Unfallrisiken aller Art abgesichert.

Der Landwirt Harry Kowertz _(Namen von der Redaktion geändert. )

aus Bockhorn am Jadebusen erhoffte sich von seiner Versicherung gar einen sechsstelligen Betrag, 55 Prozent der Vertragssumme für den Verlust einer ganzen Hand. Kowertz berichtete, er sei mit dem linken Arm in die Häckselmaschine geraten, dabei habe das Mahlwerk ihm die Hand abgetrennt.

Auch der Chef eines Dentallabors in München verletzte sich bei der Arbeit. Beim Abhacken von Gummischläuchen mit einem Zimmermannsbeil, gab er an, habe er sich den linken Daumen abgeschlagen. Zwar habe er genau gezielt jedoch vergessen, die neben dem Schlauch liegende Hand wegzuziehen. Der gutsituierte Zahntechniker erhoffte sich mehr als 100000 Mark von der Versicherung.

Ebenfalls den linken Daumen hatte sich ein Industriekaufmann aus Freiburg abgesäbelt - seinen Angaben nach beim Zersägen von Kiefernholzstämmen für den Kamin. Hohe Summen aus mehreren Verträgen sollten ihn für das Mißgeschick entschädigen.

Weder Kehrer noch die anderen Verletzten bekamen auch nur einen Pfennig. Die Versicherungen zweifelten an den Unfallberichten und unterstellten Vorsatz zur Selbstverstümmelung: versuchter Betrug.

Das Oberlandesgericht (OLG) Oldenburg kam zu dem Schluß, daß Kehrer im Augenblick des Schusses den linken Daumen senkrecht abgespreizt habe. Das aber mache, nach allen Expertisen über Stürze und Gliederreflexe, kein Mensch beim Hinfallen. Kowertz wiederum, der Spielschulden hatte und seinen Hof zu verlieren drohte, gestand, noch ehe es zum Prozeß kam: Er habe sich die Hand mit einer selbstgebastelten Guillotine abgetrennt und das Körperteil dann in der Häckselmaschine verschwinden lassen.

Dem Dentallabor-Besitzer nahm das Oberlandesgericht München nicht ab, daß er als Chef selber defekte Schläuche repariere. Obendrein habe er statt Messer oder Schere ein schweres Zimmermannsbeil verwendet und übersehen, »daß im Zielgebiet der Daumen liegt«. Das sei vollends unglaubhaft, weil der Zahntechniker »an Präzisionsarbeiten mit der Hand gewöhnt« sein müsse.

Auch dem Freiburger Daumen-Absäger wurde vor Gericht, zuletzt beim Bundesgerichtshof, nachgewiesen, daß

er sich mit Vorsatz verletzt hatte. In den letzten Jahren sammelte der Verband der Haftpflicht-, Unfall-, Auto- und Rechtsschutzversicherer (HUK-Verband), Sitz Hamburg, dreizehn solcher Urteile, mit denen Ansprüche wegen angeblicher Unfälle mit Dauerinvalidität abgewehrt wurden.

Den Versicherungskunden wurde jeweils Selbstverstümmelung nachgewiesen, meist waren Axt oder Beil die Tatinstrumente. Zehnmal war der Daumen ab, dreimal Daumen und Zeigefinger. Die meisten Fälle von Selbstverletzung bleiben allerdings unerkannt: Selbstverstümmelung ist die Variante des Versicherungsbetrugs mit der höchsten Dunkelziffer.

Unter jährlich 80000 Unfallmeldungen entdecken die Betrugsfahnder der Münchner Allianz-Versicherung nur etwa ein halbes Dutzend Fälle, die »erkennbar vorsätzlich« herbeigeführt wurden. Bei »sehr zahlreichen« Unfallberichten allerdings schöpfen die Experten Verdacht. Auch Professor Dieter Gerlach vom Institut für Rechtsmedizin an der Universität Münster unterstellt eine »große Dunkelziffer«.

Statistiken der 136 privaten Unfallversicherer, klagt er, lägen nicht vor. Doch erkennbar sei, daß Fälle von Selbstbeschädigung »in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern an Zahl zugenommen« haben. Die Meinung, es sei psychologisch unwahrscheinlich, daß sich jemand für Geld einen Finger oder gar eine Hand abtrenne, werde »in der Fachliteratur nicht mehr ernsthaft vertreten«.

Entsprechend hat sich das Täterbild gewandelt. Was vor Jahren noch ein »Notstandsdelikt« (Allianz) war, wird heute nach den Erkenntnissen der Assekuranzen vorwiegend von »gutsituierten Leuten« praktiziert. Bis in die siebziger Jahre hinein, so Gerlach, hätten meist Arbeitslose, verschuldete Landwirte oder Handwerker versucht, auf schmerzhafte Weise an Geld zu kommen. In den letzten Jahren aber haben Gerlach und die Versicherungsexperten Selbstverletzungen mehr bei Akademikern und leitenden Angestellten festgestellt. Auch Ärzte und Zahnärzte gehören zum Täterkreis - nach den Tarifregeln gelten für sie besonders hohe Sätze.

»Signifikant« für Selbstverstümmelung seien, so das Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln, Personen unter vierzig Jahren, nicht ungeübt in handwerklichen Tätigkeiten. Tatort sei meist Garage, Werkstatt oder Hobbyraum.

Die Kollegen von der Göttinger Rechtsmedizin stellten fest, gelegentlich werde auch »vor schwersten Verstümmelungen nicht zurückgeschreckt«. Sie schildern den Fall eines Arztes, der sich nach lokaler Betäubung das rechte Bein und die linke Hand mit einem Beil zertrümmerte. Ein anderer Täter ließ sich gar beide Beine von einem Zug abfahren. »Er wurde dadurch entlarvt« so die Göttinger Rechtsmediziner, »daß bei ihm große Mengen frischen Verbandzeugs gefunden wurden, die er bereits vor dem angeblichen Unfall eingesteckt haben mußte.«

Typisch für solche Betrüger ist, daß sie Kontrakte über hohe Summen haben mitunter eine Million Mark und mehr. Oft werden Unfallversicherungen bei mehreren Assekuranzen plaziert, die Zeitspanne zwischen Vertragsabschluß und Verstümmelung ist meist kurz.

Auffallend ist auch, daß nur Männer sich selbst verstümmeln. Das »beliebteste Vernichtungsziel« (Allianz) ist der Daumen der »Nichtarbeitshand« (OLG München). Nach dem Daumen rangieren Unterarm und Bein, immer nach der Regel »hoher Invaliditätsgrad, aber kalkulierbares Risiko« (Allianz). Bei den vorsätzlichen Amputationen wird darauf geachtet, daß andere Gliedmaßen nicht mitbetroffen werden.

Die Täter verwenden die unterschiedlichsten Geräte: außer Äxten und Beilen vor allem Kreissägen, Kettensägen und Metallschneider. In den Unterlagen der Versicherungen und in Urteilen tauchen als angebliche Unfallverursacher auch Mähdrescher und Mixgeräte auf, Fleischwolf und Autoventilator, Fräsmaschinen und Stanzapparate.

Da die Selbstverstümmler verhindern wollen, daß etwa ein Finger wieder angenäht wird und sich dadurch die Leistung der Versicherung mindert, lassen sie abgetrennte Körperteile oft verschwinden 14mal wurde in Fällen, die Professor Gerlach untersuchte, von Verletzten behauptet, wahrscheinlich habe der Haushund den abgehackten Finger gefressen, 21mal blieben Gliedmaßen spurlos verschwunden, 76mal waren sie angeblich in den Müll gewandert.

Daß die Zahl der Selbstverstümmelungen offenkundig steigt, liegt auch an einer Gesetzesänderung. Seit zwanzig Jahren muß nicht mehr der Versicherte nachweisen, daß er Opfer eines Unfalls ist. Vielmehr trägt die Versicherung die Beweislast dafür, daß Selbstverstümmelung vorliegen könnte.

Das alte Gesetz über den Versicherungsvertrag aus dem Jahr 1908 war 1967 um einen Paragraphen 180 a über die Beweislast bei Körperschäden ergänzt worden: »Hängt die Leistungspflicht des Versicherers davon ab, daß der Betroffene unfreiwillig eine Gesundheitsbeschädigung erlitten hat, so wird die Unfreiwilligkeit

bis zum Beweise des Gegenteils vermutet.«

Das hat dazu geführt, daß es für die Assekuranzen oft kaum aussichtsreich ist, vor den Zivilgerichten um Ansprüche zu streiten. Auf Strafverfahren verzichten die Versicherungen fast immer, »wenn es ja schließlich um unsere Kunden geht« (Allianz).

Deshalb erfährt die Staatsanwaltschaft von solchen betrügerischen Selbstverstümmelungen meist nur, wenn ein Zivilrichter den Fall weitergibt. Und von einer Betrugsanklage versprechen sich Strafrechtler wenig. Wiederholungsgefahr wird ohnehin ausgeschlossen, auch ist das Delikt für den Täter schon Strafe genug.

Kommt es zu einem Zivilprozeß, dann können sich die Versicherungen einer Reihe bestens gebildeter Gutachter und Mediziner bedienen: Die Aufklärung von Selbstverletzungen hat sich inzwischen zu einem intensiven Forschungsbereich an den Universitäten entwickelt.

Die Rechtsmediziner simulieren und analysieren Arbeitsabläufe, bei Versuchen an Leichen werden Daumen abgeschlagen, Beine zertrümmert und Handgelenke durchsägt - immer mit dem Ziel, die Verletzungen an den Toten mit den Befunden bei den verdächtigen Versicherten zu vergleichen.

Mit der Kreissäge etwa können keineswegs nur die Fingerspitzen kupiert werden, um eine Hand gebrauchsunfähig zu machen, wie oft behauptet wird. Beim Institut für Rechtsmedizin der Uni Köln wurde bei Leichentests ermittelt, daß es auch nicht gelingt, einen frei gehaltenen Daumen mit einem Hiebinstrument abzuschlagen. Und wenn eine Unterlage federt, entstehen nur Verletzungen der Weichteile oder Knochen. Als Leichenfinger zum Beispiel in rotierende Ventilatorflügel gehalten wurden, ergaben sich nie Knochendurchtrennungen oder Brüche, sondern »ausgedehnte, längsstreifige Weichteilverletzungen«.

Rechtsmediziner an der Göttinger Uni fordern, daß Ärzte, die spezifische Verletzungen behandeln, zwar »nicht in die Rolle von Kriminalisten gedrängt« werden, ihre Aufgabe aber auch »nicht mit der Versorgung der Verletzung erschöpft sehen« dürfen.

»Im Augenblick des Argwohns« sollen die Mediziner »eingehend« die Beschaffenheit der Wundränder, Verlauf und Sitz von etwaigen Knochensplitterungen Hautbrücken und verletzten Sehnen notieren und möglichst Röntgenaufnahmen veranlassen. Besonders wichtig sei, so die Empfehlung, die »Sicherstellung« abgetrennter Gliedmaßen.

Angesichts der immer präziser werdenden Untersuchung von Unfällen wundern sich die Juristen der Münchner Allianz, daß Selbstverstümmelung überhaupt praktiziert wird: »Ein Kreditbetrug oder ein vorgetäuschter Diebstahl ist günstiger und nicht so risikoreich.«

[Grafiktext]

FÜNF PROZENT FÜR EINEN ZEH Leistungen der Versicherungsunternehmen bei Invalidität durch Unfall (in Prozent der vertraglichen Versicherungssumme) Bei Verlust oder völliger Gebrauchsunfähigkeit erhält der Versicherte: bei gänzlichem Verlust der Sehkraft eines Auges 30 Prozent bei gänzlichem Verlust der Sehkraft beider Augen 100 Prozent bei gänzlichem Verlust des Geruchs 10 Prozent bei gänzlichem Verlust des Gehörs auf beiden Ohren 60 Prozent Zeigefinger 10 Prozent Daumen 20 Prozent Arm im Schultergelenk 70 Prozent Hand 55 Prozent Arm unterhalb des Ellbogengelenks 60 Prozent bei gänzlichem Verlust des Geschmacks 5 Prozent Bein bis zur Mitte des Oberschenkels 60 Prozent großer Zeh 5 Prozent Fuß 40 Prozent

[GrafiktextEnde]

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