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LUFTFAHRT-INDUSTRIE Daumenschrauben anlegen

Der Druck auf Daimler-Benz wächst: Die Stuttgarter sollen die Luft- und Raumfahrtfirma MBB übernehmen. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Hanns Arndt Vogels, der Chef des Münchner Flugzeug- und Rüstungskonzerns MBB, ist gewöhnlich ein geselliger Mensch. Wenn er allerdings auf die mögliche Verbindung seiner Firma mit der Stuttgarter Daimler-Benz AG angesprochen wird, reagiert Vogels reichlich

wortkarg. Er habe da »eine Menge in seinen Gehirnwindungen«, aber das wolle er »nicht herauslassen«.

Der MBB-Chef hat gute Gründe für seine Zurückhaltung. Es geht beim Handel um MBB um ein brisantes Geschäft, bei dem Wirtschaft und Politik auf nicht alltägliche Weise miteinander verquickt sind.

Die Interessenlage ist klar: Die christlich-liberale Prominenz, angeführt von Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann (FDP) und Bayerns Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU), will MBB unter dem Dach der Daimler-Benz AG zu einem nationalen Raumfahrt- und Rüstungskonzern ausbauen. Daimler-Benz-Vorstandsvorsitzender Edzard Reuter leistet hinhaltenden Widerstand.

Für den MBB-Konzern, der mehrheitlich den Bundesländern Bayern, Hamburg und Bremen gehört, suchen die Politiker aus München und Bonn schon seit längerem einen Partner. MBB gilt als miserabel gemanagt, im vorigen Jahr schaffte die Firma einen Verlust von 104 Millionen Mark.

Da scheint eine industrielle Führung dringend nötig. Doch keines der angesprochenen Unternehmen zeigte bisher Interesse, bei der von Rüstungsaufträgen abhängigen Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH einzusteigen.

»Wir nicht«, wimmelte etwa Marcus Bierich, Chef der Stuttgarter Robert Bosch GmbH, das Ansinnen ab. Dem Bosch-Mann reichen die 4,4 Prozent, mit denen die schwabische Firma bereits an MBB beteiligt ist. Auch BMW-Chef Eberhard von Kuenheim, lange Zeit der Wunschpartner von MBB-Aufsichtsrat Franz Josef Strauß, versagte sich. Das Unternehmen, befand von Kuenheim kühl, sei »unternehmerisch nicht zu führen« .

Schließlich hatten die Politiker nur noch eine Firma auf der Liste: die milliardenschwere Daimler-Benz AG.

Vor allem Wirtschaftsminister Bangemann fand Gefallen an der Idee, das blendend verdienende Stuttgarter Unternehmen, das sich durch den Kauf von Dornier, MTU und AEG vom Autohersteller zum High-Tech-Konzern entwickelt hatte, mit dem Münchner Luft- und Raumfahrtunternehmen zu verkuppeln.

Bangemann hofft durch den Einstieg von Daimler-Benz bei MBB ein Problem zu lösen, das ihn zunehmend bedrückt. Seit 20 Jahren fördert sein Ministerium die Entwicklung und Produktion des von MBB gebauten Airbus. _(MBB ist an dem europäischen ) _(Airbus-Konsortium mit 37,9 Prozent ) _(beteiligt. Die restlichen Anteile halten ) _(die französische Aerospatiale (37,9 ) _(Prozent), British Aerospace (20 Prozent) ) _(und die spanische Casa (4,2 Prozent). )

Erst kurz vor der Sommerpause mußte die Bundesregierung Bürgschaften von 1,9 Milliarden Mark einlösen. Gleichzeitig bewilligte sie drei Milliarden Mark für die Entwicklung der neuen Langstreckenflugzeuge A330/A340.

Der Airbus wird sobald keine Gewinne einfliegen. Airbus-Partner MBB wird die Zuschüsse wohl kaum jemals zurückzahlen können. Eine stärkere Beteiligung der Industrie wäre da dem Wirtschaftsminister genehm.

Der Wirtschaftsliberale hält die Daimler-Benz AG für den idealen Partner. Die Stuttgarter, so sieht er es, haben genügend Geld, um den Airbus mitzufinanzieren. MBB würde hervorragend zu den Daimler-Erwerbungen MTU und Dornier passen. MBB und Dornier könnten unter dem Dach von Daimler-Benz zu einem nationalen Konzern für Rüstung, Luft- und Raumfahrt zusammengeschlossen werden.

Auch Franz Josef Strauß, der bei MBB ein industrielles Desaster heraufziehen sieht, war schnell mit von der Partie. Der Bayer wäre bereit, zugunsten der Stuttgarter auf MBB-Anteile zu verzichten.

Natürlich ist Verteidigungsminister Manfred Wörner von Bangemanns MBB-Plänen angetan. Wörner glaubt, daß es die Wehrkraft der Republik stärkt wenn seine Einkäufer es zukünftig mit einem großen Waffen-Trust zu tun haben.

In Stuttgart hat das Bonner Werben bislang keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Bei ihrem letzten Besuch im Bonner Kanzleramt wiederholten die Daimler-Manager ihre Bedenken, sich auf das Abenteuer mit MBB und dem Airbus einzulassen. Sie seien nicht willens, der öffentlichen Hand das Airbus-Risiko abzunehmen.

Wenn überhaupt, wäre MBB für die Stuttgarter nur unter drei Bedingungen von Interesse: *___Die beteiligten Bundesländer müßten auf die Mehrheit ____des MBB-Kapitals verzichten. *___Die Bundesregierung müsse garantieren, daß Entwicklung ____und Beschaffung des Jäger 90 sowie

des Panzerabwehr-Hubschraubers PAH-2 wie geplant verwirklicht werden. *___Den neuen MBB-Herren müsse politischer Flankenschutz ____für schmerzhafte Rationalisierungspläne zugesichert ____werden.

Die Bonner würden den Daimler-Managern gern entgegenkommen. Bangemann will Hamburgs Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Bremens Regenten Klaus Wedemeier zu einer Verringerung ihrer Anteile überreden. »Wenn der denen die Daumenschrauben anlegt«, glaubt ein MBB-Manager, »können die doch gar nicht nein sagen.«

Auch die zweite Bedingung, den Bau des Jägers 90 und des Panzerabwehr-Hubschraubers, wollen die Bonner nach Möglichkeit erfüllen. Der PAH-2 ist bereits beschlossen. Der Jäger 90 ist ein europäisches Prestigeobjekt, das dem Bundeskanzler und seinem Verteidigungsminister ohnehin am Herzen liegt.

Die dritte Bedingung wäre schwerer zu erfüllen. Die Politiker müßten zustimmen, daß zumindest das MBB-Werk in Speyer geschlossen wird. Möglicherweise sollen auch im Norden Fertigungsstätten zusammengelegt werden. Bei allem Entgegenkommen bleiben die Daimler-Manager zurückhaltend. Bisher, so sagen sie, habe es nur Gespräche, aber keine Verhandlungen gegeben. Ehe es dazu komme, müßten Wertermittlungen und Risikostudien ausgearbeitet werden. Das werde mindestens zwei Jahre dauern.

Ihre grundsätzliche Bereitschaft, die Luft- und Raumfahrttochter Dornier auf irgendeine Weise mit der fast dreimal so großen MBB zusammenzukoppeln, verhehlen die Daimler-Lenker jedoch nicht. Die Stuttgarter haben inzwischen längst erkannt, daß Dornier allein auf Dauer kaum lebensfähig ist und mit MBB gut zusammenpaßt .

Daß sie allerdings, im Gegenzug, den Sanierungsfall MBB übernehmen sollen - das scheint vielen Daimler-Managern ein allzu hoher Preis.

MBB ist an dem europäischen Airbus-Konsortium mit 37,9 Prozentbeteiligt. Die restlichen Anteile halten die französischeAerospatiale (37,9 Prozent), British Aerospace (20 Prozent) und diespanische Casa (4,2 Prozent).

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