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NRW-WAHL Davor oder dahinter

Die CDU-Landesverbände Rheinland und Westfalen bereiten für den Fall einer Wahlniederlage schon die Abrechnung mit Bundeskanzler Kohl vor. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Der kleine Kabinettssaal im Kanzleramt war drapiert mit bunten CDU-Wahlplakaten. Sorgfältig prüfte Helmut Kohl jeden Spruch. Parteifreund Bernhard Worms saß stumm dabei und hörte sich an, was sein »Vorbild« zu sagen hatte.

Widerspruch kam von Worms auch dann nicht, als der Bundeskanzler es ablehnte, mit dem nordrhein-westfälischen Spitzenkandidaten gemeinsam auf einem Plakat zu posieren. Wortreich setzte Kohl auseinander, damit würde zu sehr von dem Rheinländer abgelenkt. Der Kanzler baut vor: Er will nach der Landtagswahl in NRW auf keinen Fall für eine mögliche Niederlage haftbar gemacht werden.

Im Hauptquartier der SPD ist derzeit die Stimmung zuversichtlicher. Der Wahlkampf laufe bestens, lobte Parteichef Willy Brandt die NRW-Genossen, sie hätten »nur die Befürchtung«, daß Auftritte der Bonner SPD-Prominenz zu sehr die Politik der Bundesregierung zum Wahlkampf-Thema machten. Die CDU könne dadurch allenfalls aufgewertet werden.

Es wird kurios argumentiert in den Parteizentralen. Die Bonner CDU-Führung und die Landes-SPD in Nordrhein-Westfalen haben, aus unterschiedlichen Motiven, die gleichen Interessen. Sie wollen beide verhindern, daß die Abstimmung am kommenden Sonntag zur Testwahl erklärt wird.

Worms hatte gehofft, mit Kanzlerhilfe seinen ramponierten Ruf als Ministerpräsidenten-Kandidat aufbessern zu können. Aber Kohl denkt gar nicht daran. Als eine Nachrichtenagentur den Regierungschef, der nicht einmal zum Wahlkampf-Auftakt der Westfalen-CDU erschienen war, mit dem Wort zitierte, es gehe in NRW um »den Steuermann in der Bundesrepublik«, dementierte die Bonner CDU prompt.

Die Bonner Sozis hingegen hätten die Bedeutung der Düsseldorfer Wahl gern bundesweit aufgewertet, weil es für sie nach den Umfragen gut aussieht. Doch Ministerpräsident Johannes Rau blockt ab. Seine Befürchtung: Wenn der Urnengang in NRW zur Testwahl für Kohl hochgeredet werde, könnten viele Wähler, die Worms nicht wollen, ihre Stimmabgabe noch einmal überdenken.

Eine in der vorletzten Woche von der Bonner SPD lancierte Veröffentlichung einer Infratest-Umfrage, nach der die Bundes-SPD erstmals seit fünf Jahren wieder vorn liegt, empfanden die Düsseldorfer Sozialdemokraten als »grobe Sauerei« (Wahlkampfchef Bodo Hombach).

Klar ist dennoch, daß ein SPD-Sieg in Nordrhein-Westfalen, wo zwölf Millionen Wähler abstimmen, die innerparteiliche Position Helmut Kohls schwächen würde. Wenn die CDU bleibt, wo sie ist - in der Opposition -, wird nicht nur Franz Josef Strauß nach dem Kanzler-Bonus fragen. Bei der nächsten Landtagswahl 1986 in Niedersachsen steht immerhin die CDU/CSU-Mehrheit im Bundesrat zur Disposition.

Die Sozis müssen, wenn sie mit absoluter Mehrheit weiterregieren wollen, gegenüber 1980 (48,4 Prozent) noch zulegen, die CDU müßte ihr Ergebnis (43,2 Prozent) halten und auf den Wiedereinzug der FDP (zuletzt 4,98 Prozent) in den Landtag hoffen. Die Grünen (3 Prozent) fürchten, daß die Debatte über Sex mit Kindern, der Brief an die RAF-Terroristen und der Richtungsstreit viele Wähler verschreckt hat und die Fünf-Prozent-Hürde womöglich knapp verfehlt wird.

Behalten die Demoskopen recht, dann wird sich im Düsseldorfer Landtag nicht viel ändern. Nach Infas-Umfragen kletterten die Sozis stetig von 45 auf 48 Prozent. Nach einer neusten Erhebung der letzten Woche sind es sogar 49,0

Prozent, die CDU ist auf 38,5 abgerutscht.

Woher der Aufschwung für die SPD kommt, hat der Kölner Wahlforscher Manfred Güllner herausgefunden - »aus dem Fleisch der CDU«. Die SPD hat dort zugelegt, wo traditionell die CDU am stärksten war, in der bürgerlichen Mitte. Nach Güllner finden 23 Prozent der potentiellen CDU-Wähler, daß die SPD besser zum Land passe als die CDU, ebenso viele Christdemokraten halten Rau für den besseren Kandidaten. Sie loben die SPD wegen ihrer Geschlossenheit, vergleichbar mit der CSU in Bayern.

Die vielen guten Prognosen könnten auch SPD-Wähler vom Urnengang abhalten. »Unser größtes Problem«, klagt Wahlkampfplaner Hombach, »ist das Gefühl, alles sei schon gelaufen.« Parteichef Rau trommelt deshalb in der Endphase des Wahlkampfes nach dem Vorbild der Berliner CDU: »NRW paß auf.«

Auch weiß niemand, wie sich der Reagan-Besuch und der 8. Mai in Stimmprozenten auswirken werden. »Die Wahl«, hofft Worms, »wird in Bitburg entschieden.« Nach Einschätzung der CDU-Wahlstrategen zählen die Pannen bei der Vorbereitung weniger als der Aufmarsch an den Gräbern.

Ob die Reagan-Horror-Picture-Show die Schwächen des CDU-Spitzenkandidaten überdecken kann, bezweifeln selbst Parteifreunde. Worms gilt als Fehlbesetzung, und Kohl ist sein Patron. Worms, den sie in der CDU »Köhlchen« nennen, über seine Aussichten: »Entweder steht Kohl vor mir, dann wirke ich blaß, oder er steht hinter mir, dann ist es umgekehrt.«

In den CDU-Gremien beginnen schon vor der Wahl die Schuldzuweisungen. Kohl-Kritiker werfen dem Kanzler nicht nur vor, daß er den blassen Rheinländer Worms protegierte, um den ungeliebten Westfalen-Vorsitzenden Kurt Biedenkopf kaltzustellen. Sie vermuten vielmehr, daß Kohl die stärksten CDU-Verbände unter Kontrolle bringen wollte.

Im Auftrag der Union hat Emnid die Popularität der beiden CDU-Kontrahenten testen lassen. In Westfalen bekommt der von Kohl abgehalfterte Biedenkopf von 70 Prozent der Befragten gute Noten, im Rheinland immerhin von 63 Prozent. Worms erreichte bei den Westfalen schlappe 20 Prozent, sogar im eigenen Verband nur 23 Prozent.

Westfalen und Rheinländer nehmen es Kohl übel, daß er auf dem CDU-Parteitag im März in Essen die Wahl Biedenkopfs ins Präsidium hintertrieben hat. Nach dem 12. Mai wollen sie darangehen, daß künftig der Vorsitzende des zweitstärksten CDU-Landesverbandes automatisch ins Präsidium kommt. In beiden NRW-Verbänden gibt es Bestrebungen, nach dem »May-day« (CDU-Vorstand) geschlossen aufzutreten - wenn es sein muß, auch gegen Bonn.

Auch in der SPD gibt es Ärger, weil ein Mitstreiter die Fronten wechselt. Rock-Sänger Udo Lindenberg, von der Bonner SPD für die Abendveranstaltung des Nürnberger Friedensgesprächs am 7. Mai geworben, macht gleichzeitig Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen, allerdings für die Grünen. »Ganz locker und kritisch« wird er noch in dieser Woche in einem TV-Wahl-Spot »als Mensch zur nordrhein-westfälischen Situation Stellung nehmen«. Udo will »für das rotgrüne Bündnis« werben - keine Panik.

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ENDSPURT AN RHEIN UND RUHR Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen Infas stellt seit Mitte Februar 1985 jede Woche die Frage: »Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag hier in Nordrhein-Westfalen Landtagswahlen wären?« Die Antworten in Prozent: ERGEBNISSE BIS 1980 Stimmanteile in Prozent CDU SPD REGIERUNGSPARTEIEN: CDU SPD KPD (bis 48) Zentrum CDU Zentrum CDU FDP Zentrum SPD FDP Zen - trum CDU CDU FDP SPD FDP SPD FDP SPD FDP SPD 20.2.1956: Mißtrauensvotum 8.12.1966: Mißtrauensvotum FDP Grüne INFAS-UMFRAGEN ANFANG 1985 SPD CDU Febr. März April FDP Grüne Woche bis zum

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