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DDR: Massenflucht über West-Botschaften

aus DER SPIEGEL 29/1989

Immer mehr DDR-Bürger versuchen, beim Exodus aus der Honecker-Republik die langwierigen Genehmigungsverfahren für eine offizielle Ausreise zu umgehen.

So stieg in den letzten Wochen die Zahl jener Ostdeutschen erheblich, die in der Ständigen Vertretung Bonns in Ost-Berlin sowie in den Bonner Botschaften in Prag, Warschau und Budapest Zuflucht gesucht haben. Meist mit Erfolg: Die Asylanten dürfen in der Regel ausreisen, wenn sie zuvor freiwillig nach Hause zurückkehren. Seit Januar 1989 haben so mehr als 1500 DDR-Bürger ihre Emigration ertrotzt.

Trotz heftiger Interventionen seines Sicherheitsapparates hat Generalsekretär Erich Honecker dieses Schlupfloch bisher offengehalten. Die ungehinderte Arbeit der westdeutschen Vertretungen, so der SED-Chef, habe Vorrang vor den Sicherheitserfordernissen der DDR. Ratlos sind die SED-Oberen auch, wie sie einen anderen Fluchtweg ohne außenpolitischen Schaden verstopfen können. Allein in den letzten drei Wochen haben sich bei der österreichischen Gendarmerie im Burgenland 62 DDR-Bürger gemeldet, die über Ungarn geflüchtet waren. Die österreichische Polizei schätzt die Zahl der tatsächlichen Grenzgänger auf mindestens das Dreifache.

Die hohe Zahl ist ein Indiz dafür, daß Ungarn nach dem Abbau der Grenzsperren zu Österreich die Kontrollen im Hinterland kaum verschärft hat - entgegen einer entsprechenden Zusage an die DDR. Ertappte Ost-Flüchtlinge werden neuerdings auch nicht mehr von den Ungarn eingesperrt, sondern erhalten nur einen Stempel in den Paß. Erst bei ihrer Rückkehr in die DDR werden sie, durch den Stempel verraten, verhaftet.

Bisher gibt es keine Hinweise darauf, daß die DDR das Schlupfloch verschließen und Normaltouristen einen Urlaub in Ungarn verbieten will. Das Zögern hat einen einfachen Grund: Eine Ungarn-Sperre würde die ohnehin kargen Möglichkeiten von DDR-Bürgern, im Ausland Urlaub zu machen, erneut schmälern und den Reisefrust weiter mehren.

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