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»De Duitse Kameraden zijn al bezopen«

SPIEGEL-Redakteur Erich Wiedemann über die Nazi-Internationale im belgischen Diksmuide
aus DER SPIEGEL 28/1982

Achtung, Hitler, Ski heil«, ruft der blonde Ledernacken und wirft ein Fischbrötchen mit Senf nach seinem Nachbarn. »Snap snel!« Doch der Kamerad taucht weg. Das Fischbrötchen saust vorbei und klatscht dem Nebenmann in den heißen Motorzylinder. »Treffer!« brüllt die Meute.

Einer springt hinzu und schüttet ein Glas Bier über die Zylinderrippen, über die langsam der Senf ins Motorinnere tropft. Dann reißt er sich plötzlich die gesteppte Lederjacke vom Leib und reckt einem vorübereilenden Knackwursthändler die bedruckte T-Shirt-Brust hin: »Het is fijn Vlaming te zijn.« (Es ist so schön, Flame zu sein.) Fürwahr, eine fröhliche Schar, diese Motorrad-Nazis vom »Vlaamse Militanten Orde«.

Drinnen im »Zaal Memling« am »Groote Markt« in Diksmuide geht es ernsthafter zu. Ein Herr im dunkelblauen Flanell mit Knickerbockers stellt auf niederländisch kulturbiologische Betrachtungen über die Identitätskrise des Deutschtums an. Errettung vor der asiatischen Gefahr könne es nur geben, sagt er, wenn die germanische Gemeinschaft zusammenstehe.

An einem der Tische rührt ein Italiener mit einem Plastiklöffel grübelnd sein Bier um. Gottlob liefert der Referent ein deutliches Identitätskriterium nach: »Diejenigen, die nicht zu uns gehören, sollen gehen, woher sie gekommen sind, und Bananen und rohen Fisch essen.«

Der Italiener nimmt seinen Löffel aus dem Bier und klopft damit Applaus auf die Tischplatte. Es war schon immer eines der Kernprobleme des Pangermanismus, klare Grenzen zwischen der germanischen Solidargemeinschaft und niederen Sympathisantentum zu ziehen.

Dies ist die »IJzerbedevaart«, einst Jahreshauptversammlung der flämischen Nationalisten, die am Kriegerdenkmal auf den IJzer-Wiesen um ihre Weltkriegstoten trauerten und Schwüre gegen den wallonischen Hegemonismus abließen.

Dann kamen die Deutsch-Irrationalen, die hier endlich mal in aller Ruhe und ungehindert von Polizei und roter Randale deutsch im Sinne ihrer Statuten sein wollten. Dank der kumulativen Kraft des Zeremoniells aber kamen immer mehr. Heute ist Diksmuide am Rande der alten flandrischen Schlachtfelder jeweils zur Halbjahreswende der Ort mit der höchsten Knackwursthändler- und Faschisten-Dichte Europas - obwohl, zugegeben, die harmlosen Patrioten noch immer in der Mehrheit sind.

In Diksmuide trifft sich einmal im Jahr die Internationale der verfemten, aber gerade noch legalen Rechten, denen demokratische Opposition zu dekadent und Bombenlegen zu gefährlich ist.

Viele prominente Fundamentalisten fehlen. Wehrsport-Hoffmann zum Beispiel, der in diesem Jahr - und so wie die Beweislage aussieht, wohl auch in den nächsten Jahren - nicht dabeisein kann; »Gouwleider« Bert Eriksson vom eigentlich verbotenen »Vlaamse Militanten Orde«, den der Staatsanwalt aus dem Verkehr gezogen hat, weil er nicht von seiner schwarzsilbernen SS-Uniform lassen wollte; die britischen Rock- und Slapstick-Faschisten - Bully-Boys und Belsen-Boys -, die letztes Jahr das Gestühl der Kanalfähre in Ostende zerlegten, nachdem sie sistiert und abgeschoben worden waren.

Das politische, wann man will, auch psychiatrische, Spektrum der Veranstaltung ist weit gespannt. Man sieht das schon am Habitus der Interpreten: die gastgebenden Flamen in ihrem schlichten, aber durchaus beziehungsreichen Schwarzleder, die gleichfalls sehr ledernen Holländer, Paukstudenten mit possierlichen Käppis, alternde Mädchen mit graumelierten Zöpfen, Spielmannszüge mit Pauken, Pimpfen und Posaunen.

Die Brachial-Nazis aus der amerikanischen Diaspora sind in diesem Jahr nicht so gut vertreten. Den Amerikanern fehlt es an Bewußtseinstiefe, heißt es. Sie wollten immer nur saufen, Juden prügeln und Griffe kloppen. Da in den Vereinigten Staaten das Recht auf politischen Irrtum großzügiger ausgelegt wird als im NS-erfahrenen Zentraleuropa, fehlt ihnen die Märtyrergloriole, die zur Grundausstattung der meisten Teilnehmer gehört.

»Außerdem«, sagt ein deutscher Kamerad aus Bergisch Gladbach, »geht es den Amis doch in erster Linie um die Formen. Die schleppen stapelweise SS-Abzeichen und Hitler-Schallplatten mit nach Hause. Aber vom Geist unserer Bewegung haben sie nie was begriffen.«

Der Starkult um den verblichenen Führer und der unreflektierte Umgang mit seinen Symbolen werden in Diksmuide gar nicht gern gesehen. Die Toleranz der belgischen Behörden hat klare Grenzen, obwohl sie mehr Anstoß an den Äußerlichkeiten nehmen als an dem Geist, der sich dahinter duckt.

Im letzten Jahr haben ein paar Franzosen in Diksmuide Prügel bezogen - nur weil sie fahrlässig französisch sprachen. Alte Flandernfahrer wissen, daß man sich hier besser per Zeichensprache verständigt als auf französisch.

Und die Deutschen? »De Duitse Kameraden zijn bereids al bezopen in het Vlaamse Huis«, sagt der Souvenirhändler, der sich zwei Sticker mit der Aufschrift S.93 »Ik ben Vlaming, schiet me niet dood« auf die Kniescheiben geklebt hat. Es sei immer dasselbe, sagt er, manchmal habe man den Eindruck, die Deutschen kämen nur zum Saufen.

Wo's zum Deutschtum geht, hört man schon am »Groote Markt«, 300 Meter vom volksdeutschen Epizentrum. Im großen Festsaal des »Vlaamse Huis« versuchen zwei Sangesfraktionen einander niederzusingen. Die eine Hälfte brüllt das Panzerlied, die andere »Es brausen nach Osten die Heere«. Dazu trinken sie »Stella Artois« aus großen Krügen.

Weil belgisches Bier schwächer ist als deutsches, stehen Genever-Flaschen auf den Tischen, aus denen man nach Bedarf seinen Bieralkohol aufstocken kann. Man sieht an den verschleierten Blicken, daß vielen die richtige Dosierung schwerfällt. Die »Nach Osten«-Gesangsgruppe ist klar überlegen - weil sie von alten Kameraden der SS-Legion »Flandern« verstärkt wird.

Hundert Meter weiter die Straße rauf ist das Geistesgut von Diksmuide übersichtlich auf Tischen ausgebreitet. Die meisten Titel haben die Flamen mitgebracht. Generalthema: Anschluß Flanderns an die »nördlichen Niederlande«.

Die Briten legen neueres Schrifttum zur Negerfrage vor. Auch »Falkyrie - The Popular Underground Magazine« ist mit einem eigenen Stand zur Stelle.

Die Deutschen präsentieren vorwiegend Groß- und Gesamtdeutsches: Südtirolproblem und Sudetenfrage, »Deutsch-Südwest, wohin?« und »Ostpreußen, meine Heimat«. Dazu ein gutsortierter Querschnitt aus der Tornisterbibliothek der Rechten von gestern: »Ein Stuka-Pilot erzählt«, »Der erzwungene Krieg«, ein gebundener Jahrgang »Reichs-Arbeiter-Zeitung«. Daneben SS-Ehrendolche aus lackiertem Gummi.

Draußen türmt sich auf einem von der NPD ausgerichteten Literatur-Tisch Schrifttum zu deutschen »Überlebensfragen«. »Ökologie vor Ökonomie«, »Atomkraftwerke töten unsere Kinder«, »Thesen zur Arbeiterselbstverwaltung« und die Schriften des Henning Eichberg, der für rechte Blätter ebenso wie für den marxistischen »Pflasterstrand« schreibt. Vieles davon würde auch im roten oder grünen Buchladen nicht auffallen.

Auch der langhaarige Nationaldemokrat nicht, der hinter einem Büchertisch sein Jeans-Gretchen knutscht. Doch als ein Kunde auf seinen Stand zutritt, schiebt der NPD-Hippie sein Mädchen brüsk vom Schoß, gibt ihr einen feschen Klaps und sagt: »Nun hau ab, du alte Russenschabracke.« Bei allem was sie vereint, sind rot, grün und braun denn doch noch immer politische Komplementärfarben.

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