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»DE GAULLE HAT NIE HERING MIT DEM VOLK GEGESSEN«

aus DER SPIEGEL 24/1968

In der »Académie des Beaux-Arts«, der Pariser Kunsthochschule an der Rue Bonaparte, hängt zwischen Kilometern von Wandzeitungen das selbstverfaßte Geschichtsbild der französischen Studenten aus: »Die bürgerliche Revolution war juristisch. Die proletarische Revolution war ökonomisch. Unsere ist kulturell.«

Unter roten und schwarzen Fahnen erklärt dieser Satz den Elan und den Erfolg der Studenten. Er ist größer als in jedem anderen Land.

Zwar hat Charles de Gaulle seiner Fünften Republik die schiere Existenz gerettet. Zwar wird der alte Mann bei den Neuwahlen zur Nationalversammlung am 23. und 30. Juni wahrscheinlich noch einmal die Mehrheit der Franzosen auf seine Seite zwingen.

Doch: »Irgend etwas ist zerbrochen schrieb »Le Monde«, »irgend etwas, das zuvor weder im Mai 1958 noch zu OAS-Zeiten, sondern allein 1940 unter den deutschen Panzern zerbrach": die Glaubwürdigkeit des Regimes, die Selbstgewißheit einer vermeintlich intakten Gesellschaft.

Sorbonne und Renault, Studenten und Arbeiter und beide vereint -- das war ein unheimlicher Feind, vor allem, weil sein Geist selbst in die Tempel des französischen Bildungsbürgertums eingedrungen war.

So hatten die Gelehrten des »Musée de l'Homme« am Trocadéro unter Führung des berühmten Ethnologen Michel Leiris das Appartement des Ministers Fouchet im obersten Geschoß des Museums berannt. Nicht unreife Studenten, sondern würdige Konservatoren kletterten über Gitter, um ihr Museum »zu befreien«.

Sogar die berühmte »Ecole nationale d'administration« (Ena), die Brutstätte des gaullistischen Nachwuchses für den Staat, naschte vom Gift der Revolution: 500 Schüler, Kinder des Großbürgertums, beschlossen, dem Abschluß-Jahrgang den Namen »Jean Jaurès« zu geben. Dieser Jaurès, Chef der roten »Humanité« und engagierter Pazifist, war am Vorabend des Ersten Weltkrieges unter dem Beifall des chauvinistischen Bürgertums im Café »Le Croissant« ermordet worden.

Ena-Schüler und Gelehrte also, nicht nur die Lederjacken von Renault und die Langmähnigen von der Sorbonne, waren »la pègre« -- die Unterwelt -, wie Premier Pompidou die Bewegung eingestuft hatte. Und gaullistische Minister versicherten ausländischen Diplomaten ernsthaft: Das Ganze sei ein kombinierter Schlag von CIA und Schin Beth des amerikanischen und des israelischen Geheimdienstes.

In Wahrheit war es eine Eruption, von der »Le Monde« schreibt: »Wir werden Jahre und Jahre brauchen, um zu verstehen, was hier vor sich gegangen ist.«

In keinem Land -- China ausgenommen -- hat der Protest der Jugend gegen Väter und Professoren, Autorität und Establishment so massiv die Arbeiter erfaßt wie in Frankreich. In keinem Land gingen Arbeiter so zahlreich in die studentischen Aktionskomitees. In keinem Land schließlich potenzierte sich das Verlangen nach besseren Studien- und Arbeitsbedingungen so elementar zum Aufschrei gegen die technokratisch-bürokratische Umwelt überhaupt.

Die Regierung mochte zehn, 14 Prozent mehr Lohn anbieten -- in der Landwirtschaft wurde der Mindestlohn gar um 56,2 Prozent heraufgesetzt -, vor dem Werkstor von Renault am Place Jules-Guesde in Boulogne-Billancourt malten die Arbeiter in Riesenlettern auf das Pflaster: »Der Kampf geht weiter.«

Die Regierung mochte den Studenten noch so weitgehende Reformen versprechen, sie zogen ihre Banner über dem Quartier Latin nicht ein.

Seit vier Wochen verkünden sie, daß sich -- fast im Schatten der Kathedrale von Notre Dame und unter den Augen des Generals im Elysée-Palast -etwas Unerhörtes eingenistet hat: ein Ensemble roter Räterepubliken, ein Petrograd 1917 im Paris von 1968.

Der Plan der Studenten ging sogar noch weiter: Auf dem Höhepunkt ihres Erfolges erwogen sie, das auf dem bürgerlichen rechten Seine-Ufer gelegene Pariser Stadthaus zu besetzen und die Kommune auszurufen -- wie 1871.

Seit vier Wochen hat sich die Staatsgewalt vor dem Moloch aus dem Quartier zurückgezogen, und diese Abdikation wirkt moralisch fast schwerer als der ruinöse Generalstreik« vor dem de Gaulles Staat seine Bürger nicht bewahren konnte, schwerer selbst als die Barrikaden, die seiner Legitimität nächtelang trotzten.

Sie sind längst abgetragen. Lange Asphalt-Wunden markieren den Perimeter, den die Studenten verteidigten. Noch immer überschreitet ihn kein Polizist. Denn jenseits, in der Sorbonne, im Odéon-Theater, in der Juristischen Fakultät an der Rue d'Assas, in der Naturwissenschaftlichen Fakultät am Quai Saint-Bernard und allen Instituten logiert immer noch die Revolution, teils unter der roten, teils unter der schwarzen Fahne der Anarchie, die Ur-Anarchist Bakunin 1849 in Dresden gehißt hatte.

Diese Revolution lebt durch das Wort und mit dem Wort. Im Odéon-Theater wird seit dem 15. Mai diskutiert, Tag und Nacht, ununterbrochen. Jeder darf reden, jeder wird angehört, wie lang er auch spricht. Und wenn er gut spricht, jauchzt die Revolution. Ein Arbeiter im Auditorium maximum: »Ich sage euch: De Gaulle hat noch nie Hering mit dem Volk gegessen.«

Das Mitteilungsbedürfnis scheint unstillbar, die Geduld zuzuhören unerschöpflich. Noch nie hat sich eine Revolution so hemmungslos im Reden und Redenlassen dargestellt, durch nichts offenbart sie so sehr ihr Wesen: Sie sucht nicht zuvörderst einen neuen Staat oder eine neue Gesellschaft, sondern einen neuen Menschen.

Ein Arbeiter, der die 2000 im Odéon mit grausamem Unsinn quält, wird von einigen aufgefordert, seinen Redefluß zu stoppen. Die Mehrheit protestiert mit einem Wutschrei und veranlaßt den Armen, so lange weiterzureden, bis er wirklich nichts mehr zu sagen hat.

Nicht sein Programm interessierte, sondern der unbeholfene, in diesem Fall ungeistige und vielleicht unglückliche Mensch. Schriftsteller Guillevic nach der Besetzung der konservativen »Société des Gens de Lettres« am 24. Mai: »Die Sprache ist der Beichtstuhl des Volkes.«

Im Hof der Sorbonne, auf allen Gängen, auf dem Vorplatz, vor Sartres Lieblings-Café »Balzac« in der Rue des Ecoles, vor dem Odéon und in der Kunstakademie diskutieren die Studenten, als gehe es um ihr Leben. Immerdar ist der Beichtstuhl des Volkes aufgeschlagen, mitternachts und im Morgengrauen. Jeder wird erhört, jeder hat Anspruch auf Absolution.

Vor der Sorbonne zweifelt ein Arbeiter am Sieg: »De Gaulle hat die Marine.« Antwort: »Bah, die Marine ist in Brest.« »De Gaulle hat die Fremdenlegion.« Antwort: »Bah, die Legion ist auf Korsika.« Der Arbeiter hatte recht: Eine Kompanie der Fremdenlegion war tatsächlich aus Calvi auf Korsika zur Grenzjagd auf den roten Daniel Cohn-Bendit in die Nähe von Saarbrücken geflogen worden. Diese Revolution ist auch tolerant selbst mit ihren Feinden: In der Juristischen Fakultät haben alle Studentengruppen ihren Stand, auch die rechtsextremen Zirkel »Occident« und »Action francaise«. Niemand zertrümmert ihre Tische.

In der Kunstakademie in der Rue Bonaparte darf jeder beitragen, das Lebenselixier der Sprache auf Plakate zu überführen und an die Wand zu heften. Ein Aufruf im »Plakat-Zentrum« mahnt, jeder möge »Mehl, Farbe und Ideen« liefern.

Im »Atelier Brianchon« -- die Studenten sagen »Ex-Atelier Brianchon«, wie sie sagen »Ex-Od~on« -- malen und färben die Künstler der Revolution ihre Ideen nach Annahme durch ein Komitee auf meterdicke Papierrollen.

Hier entstanden die berühmten Plakate »La chienlit c'est lui« und »CRS =55« mit den original SS-Runen. Insgesamt wurden an die 500 verschiedene Dessins entworfen, tausendfach vervielfältigt, mittels Kanonenofen oder Elektrofön oder Maisonne auf der Akademie-Wiese getrocknet und dann dicht an dicht über jene Schrift gepappt, die überall an französischen Hauswänden befiehlt: »Plakat-Anschlag verboten gemäß Gesetz vom 29. Juli 1881.«

In der »Rue de l'Ecole-de-Médecine« triumphiert eines von tausend Plakaten: »Die Machthaber hatten ihre Universitäten, die Studenten haben sie erobert. Die Machthaber hatten ihre Betriebe, die Arbeiter haben sie besetzt. Die Machthaber hatten ihren Rundfunk, die Journalisten haben ihn genommen. Jetzt haben die Machthaber nur noch die Macht. Wir werden sie nehmen.«

Nicht der Durchhalte-Glaube, sondern das moralische Pathos, nicht die

Das linke Plakat zeigt Cohn-Bendit, mit dem sich die Studenten solidarisch fühlen. Unterschrift: wir sind alle unerwünscht.

Ziele der Revolutionäre, sondern ihr Elan und ihr Mut nahmen die Kleinbürger im Quartier Latin für die Studenten und gegen die Polizei ein. Deshalb pflegten Krämer und Bistro-Garcons verwundete Studenten, noch bevor sie wußten, welcher Taten Frankreichs hochgerüstete Bereitschaftspolizisten CRS fähig sind.

Am Boulevard du Montparnasse feuerten sie alten Damen, die ängstlich aus dem Fenster schauten, Gasgranaten in die Stuben.

Jetzt dokumentierte der linke Studentenverband Unef: Die CRS quälten Gefangene, schlugen sie auf Köpfe und Hände, vergewaltigten gefangene Studentinnen, sperrten im Gefängnis Beaujon bis zu 80 Gefangene in 15 Quadratmeter große Zellen.

CRS-Kommentare Man müßte euch alle in die Seine werfen, aber dann würde die Seine dreckig. Deshalb lieber nach Cayenne (frühere Strafkolonie in Guayana)!« Oder: »Man müßte euch mit Benzin begießen und anzünden.«

Immer noch haben Studenten und Bürger rote Augen vom Tränengas. Die Ärzte konnten ihnen nicht helfen, denn bei Beginn der Kämpfe waren weder die Formeln des Gases noch die Therapie bekannt. Brutal klang es aus der Polizeipräfektur: Das Gas sei bereits an Tieren und Versuchspersonen ausprobiert.

Tatsächlich waren es Kampfgase -- Bezeichnung CB -, wie sie Amerikas Soldaten gegen den Vietcong verwenden. In freier Luft bleiben kaum Dauerschäden. Doch die CRS schossen die Weinbomben auch in Wohnungen, Hausflure und Cafés oder den Menschen gleich ins Gesicht. Winzige Splitter aus Aluminium und Glas, die nicht per Elektromagnet extrahiert werden können, entstellen die Opfer. Sieben Verletzten droht Erblindung.

Nicht nur für die Studenten, sondern für die meisten Bewohner des Quartier Latin sprach das Plakat »CRS = SS« fortan die Wahrheit. Eine kaum faßbare« überall spürbare Traurigkeit wehte durch das Quartier: Auf der Suche nach dem Menschen waren die Studenten auf den Unmenschen gestoßen.

In einem kleinen Antiquitätenladen in der Rue Bonaparte, zwischen Nippessachen, Büchern und Louis-XIII-Stühlen geben sich Freunde und Nachbarn ihrem Schmerz hin: »Alles war umsonst, alles wird so bleiben. Die Revolution ist gescheitert.«

Die Frauen -- in Deutschland kaum vorstellbar -- sind den Tränen nahe. Ein älterer Jurist, in Deutschland kaum vorstellbar, bekennt, er habe sich, obschon immer konservativ, gestern eine rote Zahnbürste gekauft -- und es war nicht als Spaß gemeint.

Auf die Frage nach dem Grund ihrer Traurigkeit entgegnet die Frau des Antiquars »Ach, ich habe Sehnsucht nach der Revolution.« -- »Oui«, trauern die anderen, »la nostalgie de la revolution.« Einer tröstet: »Aber das Volk wird es nicht zulassen.«

»Die Revolution«, »das Volk« -- in Frankreich bezeichnen diese Worte auch für den gänzlich unintellektuellen Kleinbürger etwas Romantisch-Gegenständliches, sie wühlen ihn auf, sie begeistern ihn, jedenfalls auf dem linken Seine-Ufer von Paris.

Auch der Wille zur Solidarisierung zwischen Arbeitern und Studenten ist elementarer als in Deutschland. Nur in Frankreich zwangen die Studenten die zögernden Gewerkschaften in eine Front gegen das taumelnde Regime. Die Flut schien alles hinwegzuspülen. 600 000 Linke paradierten vom Place de la Bastille quer durch Paris zum Gare Saint-Lazare.

De Gaulle, das war offenkundig, wußte die Bewegung nicht einzuschätzen. Der Mittwoch vor Pfingsten war sein Krisentag. Er rettete sich, dem körperlichen Zusammenbruch nahe, in die Résistance, erkundete in Baden-Baden die Haltung des Generals Massu, ließ sich stärken, ging nach Colombey und entwarf seine antikommunistische Brandrede.

Sie trieb Frankreichs stärkste Partei auf die Straße, die »parti de la peur« -- die Partei der Angst: die Bewohner der »beaux quartiers«, die

Erste Reihe 2. v. r.: Malraux; mit erhobener Hand: Debré.

Bourgeois und Beamten, das Heer der opportunistischen Halb -- Gaullisten, aber auch die Creme des Regimes mit Debré, Malraux und Mauriac an der Spitze und selbst den ultrarechten De-Gaulle-Feind Tixier-Vignancour.

Sie deckten ihre Angst vor der Revolution mit einem Wald von Trikoloren zu. Gut gekleidete Damen skandierten: »Renault au boulot« -- Renault soll malochen. Ordengeschmückte Frontkämpfer riefen: »Cocos au poteau« -- die Kommunisten an den Pfahl. Mädchen in Chanel-Kostümen verlangten: »Cohn-Bendit nach Dachau.« Unzählige Marseillaisen wurden angestimmt, und selbst der alte, längst vergessen geglaubte Schlachtruf »A bas les boches« -- Nieder mit den Deutschen ertönte. Denn diese Revolution, so glaubt die »Partei der Angst«, sei ihr von Deutschland beschert worden.

An der Ecke der Avenue de la Grande-Armée beleidigte hoch oben auf einem Baukran eine rote, von vier Arbeitern bewachte Fahne die gaullistischen Scharen. Wie narkotisiert schrie die Menge: »Holt sie herunter, verbrennt sie!«

Ein Mann kletterte hinauf und entfaltete eine große Trikolore. Der Held war, wie Cohn-Bendit, ein Deutscher: Georg Helmut Hirtes, Ex-Chauffeur des Popsängers Johnny Hallyday. Gaullistische Generale versprachen ihm eine Medaille.

Nach dem Aufmarsch der staatstreuen Scharen verkrochen sich die Pariser in ihre Häuser. Die Gewerkschaften und die KP, so glaubten sie. würden jetzt mit einer noch gewaltigeren Gegendemonstration antworten und damit den Bürgerkrieg eröffnen.

Doch die Linken, eingeschüchtert durch die gaullistische Parade, stuften den Kampf von der politischen auf die Lohn-Ebene zurück -- und retteten damit das Regime. Frankreichs machtvolle KP, das zeigte der Mai 1968, ist innerlich vergreist, hat jeden revolutionären Impetus verloren und sklerotisiert vor sich hin. Sie zündete keines der 300 verbrannten Autos an, errichtete keine der über 60 Barrikaden. »Die Ordnung, das sind wir«, so sprach nicht de Gaulles Innenminister, sondern KP-Fraktionschef Ballanger vor dem Parlament.

Gleichwohl brandmarkte Charles de Gaulle die Kommunisten als die eigentlichen Gegner -- wahrscheinlich der genialste Trick, den er in diesen Tagen erfand: Er machte nicht nur dem Bürger Angst vor der Revolution, er kleidete auch die braven roten Funktionäre gegenüber ihren revolutionären Arbeitern glaubwürdig als Anti-Gaullisten ein -- so daß sie ihre Truppen wieder fest in die Hand bekamen.

Auf einmal war auch wieder das Benzin da. Der Staat kann es aus seinen Tankstellen der Gesellschaften Antar, Total und Elf stoppen oder fließen lassen, wie er will -- diesmal floß es für die Konterrevolution. Die Pariser, seit zwei Wochen ohne Taxi. Metro, Zug und Bus, strömten ins Grüne. »Die Revolutionen vergehen, aber die Weekends bleiben«, erbitterte sich der linke »Combat«.

In einem großen Angriff versuchten die Studenten, die Bewegung wieder zu politisieren und die Arbeiter gegen Gewerkschaften und KP -- mitzureißen. Am Pfingstsamstag marschierten 40 000 vom Gare Montparnasse zum Gare d'Austerlitz. Sie skandierten: »Nieder mit de Gaulle«, sie verlangten: »Eine Million Arbeiter vor den Elysée-Palast!« Und: »Alle Macht den Arbeitern!«

Es klang verzweifelt. Denn diejenigen, denen die Studenten die Macht zugedacht hatten, wollten sie nicht haben und ließen sich nicht sehen. »Demagogische Parolen«, klang es anderentags aus der roten »Humanité«.

Die Studenten kannten den Text der Internationale nicht. Also pfiffen sie ihn. Sie durften nicht -- wie sie wollten -- geschlossen zu den Arbeitern der besetzten Automobilwerke von Citroen und Renault marschieren. Also marschierten sie einzeln -- acht Kilometer -- zu Fuß.

Citroen gilt beim französischen Arbeiter als »le bagne2 -- die Strafkolonie. Die Studenten kamen, den »bagnards« zu helfen: »Habt ihr Hunger?« Eine Abordnung der Gewerkschaften lachte. Die Studenten: »Was können wir für euch tun?« -- »Was ihr wollt.«

Begeisterung zeigten die Gewerkschaftler erst, als Studentenführer Sauvageot sein idealistisches Gefolge mahnte, anschließend in Ordnung auseinanderzugehen, »damit kein Schatten auf die Arbeiter von Citroen fällt«.

Etwas Humanes wollten die Studenten gleichwohl leisten. So drängten sie sich; Zehn-Franc-Scheine in einen Karton zu werfen -- Kollekte für die Arbeiter. Dann zogen sie, um eine bittere Erfahrung reicher, wieder heim in ihr Quartier Latin.

Dort, in den Aktions-Komitees, haben sie ihre eigenen Arbeiter und steuern mit Ihnen die Revolution, vor allem, weil die nichtkommunistische Gewerkschaft CFDT -- die vor vier Jahren das Wort »christlich« aus ihrem Namen strich -- sie im Gegensatz zur roten CGT gewähren läßt.

In den Aktions-Komitees freilich zeigt sich auch, daß diese Kulturrevolution wie jede andere an einem tödlichen Widerspruch leidet: Sie will ein Maximum an Aktion bei einem Minimum an Organisation. Sie will ihre Aktions-Komitees -- in Paris gibt es etwa 200 -- als spontan zusammengetretene Räte begreifen, aber sie muß diese Räte -- der Übersicht halber -- in einem zentralen »Fichier des comités d'action« registrieren.

So werden im revolutionären Chaos der Sorbonne doch wieder die Strukturen eines Ordnungsstaates deutlich: Es gibt je ein Komitee für Küche und für Reinigung, ein oberstes Besatzungskomitee, einen Ordnungsdienst und selbst ein »Comité d'intervention rapide« -- also ein paramilitärisches Eingreifkommando. Frühere Afrika-Söldner und Legionäre, jetzt arbeitslos, haben sich gratis zur Verfügung gestellt.

In der Kunstakademie kommandiert die deutsche Pädagogikstudentin Monika, 22, SDS-Mitglied aus Berlin, mit Strafverfahren daheim und deshalb ohne Nachnamen, den Ordnungsdienst. Journalisten werden so mißtrauisch behandelt wie nicht in de Gaulles Armee-Ministerium. »Keine Notizen machen!« bittet Monika, »wir mögen das nicht.« Ein Plakat zeigt eine große Flasche mit der Aufschrift: »Presse. Nicht einnehmen!«

Vor der Kunstakademie sperrt eine menschliche Zollbarriere die Rue Bonaparte: Wer Auto fährt, soll wenigstens der Revolution etwas spenden. »Jede Freiheit«, sagt einer der Sammler, »hat ihre Grenzen.«

Und jede Revolution -- jedenfalls in Frankreich -- ihre Poesie. Hinter den Barrikaden machten die Studenten Verse. »Le Monde« druckte sie über zwei Seiten. Überschrift: »Nehmt eure Wünsche als Wirklichkeit.«

Im Garten der Kunstakademie hält sich der Ordnungsdienst der Revolution einen Feldhasen und einen Hahn. Beide sind namenlos. Doch wer sie Mao nennt, wird nicht bedroht.

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