Aufschwung Die Rückkehr des Tumults

Im etablierten Unternehmerlager erblickt man viele fröhliche Gesichter; Umsätze und Gewinne sind zuletzt kräftig gestiegen. Endlich Honeymoon in Deutschland? Verstummt nun der Protest?

Von Franz Walter


Der gegenwärtige Bundesfinanzminister wirkt weit entspannter als sein sorgengeplagter Vorgänger; die Quote der staatlichen Neuverschuldung konnte gesenkt werden. Die Wirtschaft wächst wieder. Selbst stattliche Lohnerhöhungen scheinen nach Jahren der Askese nicht mehr unmöglich zu sein.

Wenn es den Leuten schlecht geht, dann kommt es zur Revolte - das gilt - vielleicht - in Frankreich, aber nicht in Deutschland.
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Wenn es den Leuten schlecht geht, dann kommt es zur Revolte - das gilt - vielleicht - in Frankreich, aber nicht in Deutschland.

Endet damit endlich auch die Stimmung aus Verdruss und Depression? Mehr noch: Wird damit gar der Boden für Protest und fundamentaler Kritik an den Machtverhältnissen nun zur Gänze der Boden entzogen? Denn: Wenn es den Leuten gut geht, dann halten sie still. Nur wenn es ihnen schlecht geht, werden sie unruhig und rebellisch. So jedenfalls ist es weit verbreitete Ansicht.

Doch richtig ist eher das Gegenteil. In ökonomischen Krisen sind die davon hauptsächlich betroffenen Menschen meist ermattet, ohne Hoffnung, dadurch passiv, resigniert. In Zeiten wirtschaftlicher Dürre und Entbehrung hissen die Menschen nicht die Fahnen des Umsturzes. In solchen Zeiten fehlt ihnen dazu einfach die Energie, gewissermaßen die Kraft für eine andere Zukunft. Erst müssen sich die strangulierenden Fesseln der ökonomischen Pressionen zu lösen beginnen. Erst muss sich das soziale Elend in bewusste Unzufriedenheit übersetzen können. Erst dann ist langfristig angelegte Auflehnung und Gegenwehr ernsthaft zu erwarten.

Die landläufige Meinung indes fällt anders aus, gerade in Deutschland. Hier verbindet man mit ökonomischer Depression den unaufhaltsamen Aufstieg Hitlers, wilde Straßenkämpfe und den trostlosen Untergang der ersten deutschen Demokratie. Dagegen erinnert man die Phasen kräftiger wirtschaftlicher Expansion – zu Ende des Kaiserreichs und in den ersten zwanzig Jahren der Bundesrepublik – als die goldenen Jahre wohlständiger Behaglichkeit, ruhiger Entwicklung, der stabilen Konservativität eben. Die radikale Gegenposition dazu hat der Ökonom Mancur Olson eingenommen. Für ihn bildete rapides wirtschaftliches Wachstum den "tiefgreifendsten Destabilisierungsfaktor" schlechthin. Die Expansion der Ökonomie vervielfacht die Anpassungsaufgaben des Staates, der dadurch überfordert ist und mit seinen nachsorgenden Entscheidungen eine Fülle von negativen Folgen auslöst. Entscheidend aber ist: Wirtschaftliches Wachstum erweitert den Spiel und Verteilungsraum, aktiviert so das Begehren, stoppt das passive Sich-Schicken in die Verhältnisse.

Symbiose aus Laptop und Putzmopp

Ähnliches gilt auch und gerade für Gruppen, die in Elitepositionen drängen. Das wirtschaftliche Wachstum hat ihre Hoffnungen auf Karrieren, gehobene Stellungen, Leitungsfunktionen, kreative Selbständigkeit angeheizt. Doch oft folgt darauf Enttäuschung über jähe Blockierungen, diskontinuierliche Berufswege, nachrangige Statuszuweisungen. Auch in Deutschland gibt es bekanntlich ein ganzes Heer von exzellent ausgebildeten jungen Menschen, die sich schon jetzt in couragierter, aber instabiler Selbständigkeit Tag für Tag selbst ausbeuten. Wenn im wirtschaftlichen Aufschwung die Inhaber des "Normalerwerbsverhältnisses" und die Repräsentanten der alten "Bürgerlichkeit" sie noch weiter abhängen sollten, dann wird die Frustration sich entladen.

Kurzum: Wenn die Elitenzirkulation stockt, dann bekommen soziale Ordnungen einen Gegner aus der eigenen oberen Etage. Ob sich aus dem Abfall der gebildet-blockierten Nachwuchselite allein eine literarische Revolte oder ein kleinbürgerlicher Verdrossenheitspopulismus ergibt; oder ob das zur Ausgangslage weitreichender Veränderungen wird, hängt davon ab, inwiefern es zur großen, indes stets schwierigen Begegnung der geistigen Opponenten mit der Sozialopposition von unten kommt. Eine solche, bekanntlich eher rare Verbindung – die Symbiose von Laptop und Putzmopp, wie heute in linken Kreisen gern gewitzelt wird - schwächt jedenfalls die Legitimationsgrundlagen eines politischen Systems beträchtlich. Noch allerdings ist die extreme Heterogenität der Prekariatisierten aller sozialen Lage das zentrale Hindernis für die Zusammenkunft. Die Orte gemeinsamer Erfahrungen und Verständigungsprozesse über kollektive Arbeit, Organisationen und Handlungen sind im Vergleich zur originären Industriegesellschaft minimal geworden.

Doch schreitet die Erosion von etablierter Macht und die Courage zur Widerständigkeit der oppositionellen Kräfte dann massiv voran, wenn die Träger dieser Macht sich zuvor lässig oder gleichgültig gegenüber den staatlichen Institutionen verhalten haben. Das reduziert den Respekt vor den Ordnungsstrukturen und administrativen Pfeilern des Systems, senkt die Schwelle der Frucht der Herrschaftsgegner, mit ihren Attacken auf die öffentlichen Einrichtungen Chaos und Anarchie zu stiften. Massive Deregulierungen von oben fördern und rechtfertigen den fundamentalistischen Angriff auf den Staatsapparat von unten.

Ähnliches gilt für den Schwund der zwischen den Individuen und dem Staat vermittelnden Strukturen in modernen Systemen. Mit der Schwäche der früher rekrutierungsmächtigen Großorganisationen nimmt der Zusammenhalt der Individuen durch kollektive Zugehörigkeiten ab. Für ressourcenschwache Einzelne bedeutet das oft Isolation, Marginalisierung, auch Apathie. Doch die organisatorische Bindungslosigkeit und sozialkulturelle Entwurzelung können ebenfalls zu einer vergleichsweise raschen Mobilisierung für neue Massenbewegungen führen, die dann mit der Parole der unmittelbaren Aktion Sinn in die Leere des organisatorisch obdachlosen Individuums bringen mögen.

Kanalisierte Wut in der Soizialdemokratie

So könnte ein Stück vorindustrieller Protestgeschichte zurückkehren. Die großen Organisationen der Arbeiterbewegung hatten im 19. und 20. Jahrhundert die unförmigen, oft gewalttätigen Unterschichtenproteste ersetzt. Die sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Kollektivverbände hatten ihre Anhänger durch Sozialreformen in den gesellschaftlichen Funktionszusammenhang des Industriekapitalismus integriert. Die Opposition der reformistischen Arbeiterbewegung blieb systembezogen, agierte kalkulierbar, kanalisierte Wut und Empörung ihrer Anhänger in die Bahnen konstruktiver Parlaments- und Gesellschaftszugehörigkeit.

Mit dieser Phase des berechenbaren, pazifizierten Konflikts zwischen hoch formalisierten Großstrukturen im industriellen Kapitalismus dürfte es im 21. Jahrhundert mehr und mehr vorbei sein. Die intermediären Puffer und Blitzableiter fallen zunehmend aus. Auch das wird die Schwelle sinken lassen, mit der sich Zorn und Frustration in spontane, schwer einhegbare Militanz übersetzt. Einige Barrikaden und Feuernächte in europäischen Vorstädten der letzten Jahre geben einen Vorgeschmack darauf, dass in der Strukturlosigkeit der organisationsfreien Lebensräume Gewalt eruptiv ausbrechen kann. Die Kultur des Tumults mag im 21. Jahrhundert zurückkehren.

Zur Revolte kommt es vor allem dort, wo der Protest schon Tradition hat. Auch in der Kultur der Aufständigkeit herrscht offenkundig in den Nationen eine Pfadabhängigkeit. Erfolgreiches Aufbegehren ermutigt auch die nächste Generation zur aktiven Obstruktion und radikalen Kritik der Verhältnisse. Außerparlamentarischer Protest, die zum Ziel geführt hat, wird zu einer legitimen Methode der Auseinandersetzung und setzt sich fort. Erfolgreiche Revolutionen hat Deutschland historisch bekanntlich nicht zu bilanzieren. Eine Kulturgeschichte der Proteste dagegen fällt hierzulande ertragreicher aus. Die Proteste der späten 1960er und 1970 Jahre – um nur auf die späten Ereignisse in einer durchaus langen Kette renitenten Verhaltens hinzuweisen - entluden sich in der Bundesrepublik heftiger als in den meisten anderen Ländern dieser Welt. Ganz ohne Wirkung auf Mentalität und selbst auf das Parteiensystem der deutschen Gesellschaft blieben sie bekanntlich nicht. Und daher ist es nicht rundum auszuschließen, dass in der Enkel-Generation des Protests der Aufruhr wieder auflebt. Ökonomisches Wachstum jedenfalls könnte das Feuer der Kritik neu entfachen.



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