Ausländer in Deutschland Zu Gast bei Pessimisten

Schon klar, Ausländer sind integrationsunwillig, können kein Deutsch und wollen sowieso nur das Sozialsystem ausnutzen: Vorurteile gegen Migranten sind weit verbreitet, die Mehrheit der Deutschen hat Angst vor Überfremdung. Dabei ist Deutschland dringend auf Zuwanderung angewiesen, kommentiert Hasnain Kazim.

Hamburg - Der ältere Mann in der Warteschlange vor der Kasse der Buchhandlung schaut mich an, blickt erstaunt auf die Bücher, die ich bezahlen will, und fragt: "Sie lesen auf Deutsch?"

Irritiert antworte ich: "Ja, finden Sie das merkwürdig?"

"Na ja, Sie sind doch kein Deutscher. Woher kommen Sie?"

"Aus Hamburg."

"Ja, aber woher kommen Sie ursprünglich?"

"Ursprünglich? Ursprünglich komme ich aus Stade."

"Ich meine ganz ursprünglich, verstehen Sie?"

"Ganz ursprünglich bin ich in Oldenburg geboren, aber im Alten Land aufgewachsen." Ich ärgere mich, dass ich diesem wildfremden Mann überhaupt so viel von mir erzähle.

"Natürlich, aber woher kommt Ihre Familie?"

Glücklicherweise bin ich mit dem Bezahlen an der Reihe, ich drehe mich um, zahle - und gehe.

Der Mann war freilich nur interessiert, insgesamt höflich, also alles kein Problem. Aber was er mit seinen Nachfragen zu verstehen gab, war: Deutscher kannst du mit deiner braunen Haut und deinen schwarzen Haaren nicht sein, da kannst du machen, was du willst.

Es ist merkwürdig: Da ist einerseits immer wieder von einer "Leitkultur" die Rede, wird "mehr Anpassungswille von Ausländern" gefordert und mehr Bemühen, Deutsch zu lernen - und dann bleibt doch eine Spur Verwunderung, wenn man als erkennbar ausländischstämmiger Mensch fließend Deutsch spricht, Deutschland als seine Heimat sieht und sogar einen deutschen Pass besitzt.

In Deutschland kann man seiner Herkunft nicht entkommen. Ob in zweiter oder dritter Generation: Migrantenkind bleibt Migrantenkind. So mancher Deutscher hat offensichtlich eine ganz eigene Deutungshoheit darüber, was deutsch ist und was nicht.

Integration ist eben auch nur so weit möglich, wie eine Gesellschaft sie zulässt. Und das ist, glaubt man einer Allensbach-Umfrage, nicht viel: Mehr als die Hälfte aller Deutschen leidet demnach unter Überfremdungsangst und glaubt, dass es zu viele Ausländer im Land gibt. Mit dem Angebot von Tausenden von Integrations- und Sprachkursen in der ganzen Republik ist es also nicht getan.

Und dann muss man auch noch all das Gerede ertragen, mit dem Politiker ihre Wahlkämpfe würzen - sei es der "Kinder statt Inder"-Unsinn von Jürgen Rüttgers oder die fremdenfeindliche Kampagne von Roland Koch, der in Hessen ein Verbrechen von zwei ausländischen Jugendlichen in München zum Hauptthema seiner Politik machte. Und das Gerede über Gastarbeiter - ohnehin ein unhöfliches Wort, wer lässt schon seine Gäste arbeiten? Nein, es sind Menschen, die hier arbeiteten, ihre Steuern zahlten und ein Recht darauf haben, hier zu leben - als Mitbürger, nicht als Gäste.

Man muss Debatten über fragwürdige Einbürgerungstests über sich ergehen lassen und die Diskussion über eine "Greencard" für "Computerinder", als sei man sich nicht ganz sicher, ob das nun ein Gewinn für die deutsche IT-Industrie sei oder doch eher eine Gefahr. Und wenn das dann auch noch Muslime sind, oh Gott!

Man muss eine grundpessimistische Einwanderungspolitik hinnehmen, die eine Einbürgerung von Nicht-EU-Ausländern nur dann erlaubt, wenn der Einwanderungswillige einen Job mit dem absurden Jahresgehalt von mindestens 80.000 Euro nachweisen kann. Der ausländische Student, der hier - übrigens auf Kosten des deutschen Steuerzahlers - jahrelang studiert hat, darf also mit größter Wahrscheinlichkeit nach Abschluss des Studiums nicht im Land bleiben und sein hier gewonnenes Wissen auch hier nutzbringend einbringen.

Sieht so ein herzliches Willkommen aus?

Und manche Gebiete in Deutschland, insbesondere in Ostdeutschland, muss man als Mensch mit dunklerem Teint gleich gänzlich meiden, will man nicht von frustrierten Radikalen verprügelt werden. Trotzdem gilt es als politisch inkorrekt, Rechtsradikalismus als ein überwiegend ostdeutsches Problem zu bezeichnen. Und kaum eine ostdeutsche Landesregierung nimmt sich des Problems ernsthaft an - der skandalöse Zustand, dass "national befreite Zonen" existieren, wie Rechtsextremisten sie euphemistisch nennen, dass sich ein Ausländer also aus Sorge um seine körperliche Unversehrtheit nicht mehr in bestimmte Gegenden traut, wird einfach hingenommen. Der Hinweis, es gebe im Osten halt besonders große wirtschaftliche Probleme und eine besonders hohe Arbeitslosenquote, mag die Sache erklären, aber nicht entschuldigen.

Kann ein auf Zuwanderung dringend angewiesenes Land wie Deutschland mit schrumpfender Bevölkerung sich all das erlauben? Und verwundert es wirklich, dass manche Ausländer sich in dieser insgesamt leicht vergifteten Atmosphäre nicht unbedingt mit leidenschaftlichem Engagement um Integration bemühen?

Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hat zum Ergebnis, dass insbesondere Türken und türkischstämmige Deutsche schlecht integriert sind: 30 Prozent haben keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent machen Abitur. Die Zahlen mögen stimmen. Doch wer daraus den Schluss zieht, Ausländer im Allgemeinen und Türken im Besonderen seien selbst schuld an ihrer Misere, passten sie sich besser an, wäre alles nur halb so schlimm, verkennt die Lage völlig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Brisanz solcher Studien erkannt. "Ich bitte alle, die vielleicht im ersten Atemzug wegen der harten Botschaft erschrocken waren, das Ganze positiv zu wenden", sagte sie am Montag auf einem Integrationssymposium in Berlin. "Wir können auf kein einziges Talent in unserem Land verzichten." Man müsse die Fakten der Studie als Aufmunterung nehmen, den Integrationsprozess weiter zu betreiben.

Ihr Wort in Volkes Ohr.

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