Bilanz der WM Super Stimmung, bescheidener Sport

Noch zwei Spiele und dann ist die Weltmeisterschaft 2006 Geschichte. Die Stimmung war toll. Aber sportliche Höhepunkte leider selten. Zeit für eine erste kritische Bilanz.

Von Hubert Kleinert


Um mit dem Erfreulichen zu beginnen: Es war tatsächlich das große Fest, das herbeigesehnt, aber nicht unbedingt zu erwarten war. Die Deutschen waren wirklich die guten Gastgeber, die das Motto versprach. Alle Welt bescheinigt uns das. Ja, mehr noch: Was in den vergangenen Wochen an Partylaune und Feststimmung in diesem Land zu spüren war, kaum getrübt durch Ausschreitungen und Gewalt, war richtig gut. Lange schon hat dieses Land nicht mehr so viel Werbung in eigener Sache gemacht. Dass die als miesepetrig verschrienen Deutschen so etwas hinbekommen, war gewiss bemerkenswert.

Poldi-Fans: "Die guten Gastgeber, die das Motto versprach"
AP

Poldi-Fans: "Die guten Gastgeber, die das Motto versprach"

Noch erstaunlicher fast war die Begeisterung, die im Lande um die eigene Mannschaft entstanden ist. Natürlich ist es ganz normal, dass der Mannschaft des Gastgebers im Massensport Fußball besondere Unterstützung zuteil wird. Das war immer so. Aber was in den vergangenen Wochen in diesem Lande abgelaufen ist, stellt alles in den Schatten, was bis dahin galt. Als habe ein oft als verunsichert beschriebenes Volk nach vielen Jahren des Entzugs positive Identifikationschancen und gemeinschaftsstiftende Erlebnisse geradewegs herbeigesehnt, ist um die deutschen Fußballer eine Welle des Fußballpatriotismus entstanden, deren kulturelle Bedeutung ganz deutlich über das rein sportliche Geschehen hinausreicht.

Wer wie ich seit Mitte der sechziger Jahre alle sportlichen Großereignisse intensiv miterlebt hat, wird sich an Derartiges kaum erinnern können. Die Begeisterung, auch der ebenso natürliche wie ganz überwiegend freundlich-selbstverständliche Umgang mit den nationalen Symbolen – etwas Vergleichbares gab es nie, 1990 nicht und 1974 schon gar nicht. Trotz WM-Titel für Deutschland. 1954 fällt in eine andere Liga. Bei der nationalen Symbolik sowieso.

Gelassenheit mit Hymne und Flagge

Sicher lebten sich hier vornehmlich Partybedürfnisse aus. Aber das ist nicht alles: Es scheint, als wären namentlich viele Jüngere auf ihrer Suche nach einer Form friedlich-selbstverständlicher Identifikation gegenüber dem eigenen Land beim Fußball 2006 fündig geworden. Jetzt durfte man in Deutschland sogar Fahnen zeigen und Hymnen singen, ohne dass mit oberlehrerhaftem Zeigefinger moralinsauer gleich vor den Gefahren des Nationalismus und Rechtsradikalismus gewarnt wurde. Selbst die GEW musste da kapitulieren.

Und da von nationalem Überschwang oder gar von Übergriffen Gott sei Dank so gut wie nichts zu hören war, lässt sich schlussfolgern: Was sich hier an sportlich-friedlicher Normalität gezeigt hat, war durchaus mehr als ein sportliches Ereignis und ein Stück Erlebnisgesellschaft. Wenn es denn stimmt, dass dieses Land auch ein Problem mit sich selbst hat, war diese WM auch deshalb eine Ermutigung. Was den Akteuren der Politik lange schon ausdauernd misslingt, Klinsmann und seine Spieler schafften es im Flug.

Aus deutscher Sicht ist auch die sportliche Bilanz mehr als zufriedenstellend. Realistische Erwartungen sind nicht nur erfüllt, sondern übertroffen worden. Keine Frage, dass die deutsche Mannschaft zu den wenigen positiven Überraschungen dieses Turniers zu zählen war.

Sportlich kaum Höhepunkte

So könnte man eigentlich der Veranstaltung einen rundum erfreulichen Verlauf attestieren, wäre da nicht ein ganz dicker sportlicher Wermutstropfen. So gelungen nämlich diese Veranstaltung ansonsten war: Fußballerisch war sie insgesamt von überaus bescheidenem Format. Der rein sportliche Erlebniswert der Spiele hielt sich zu oft in allzu engen Grenzen. Wer die Spiele ohne nationale Brille betrachtet und die großen, dramatischen und leidenschaftlichen sportlichen Höhepunkte gesucht hat, wird selten fündig geworden sein. Nicht eines der bisher 62 Spiele wird als fesselnder, hochemotionaler und dramatischer Kampf im kollektiven Gedächtnis der Fußballwelt fortleben. Vielleicht ein paar Szenen, ein paar Tore, gewiss.

Aber die sportliche Gesamtbilanz kann nicht zufrieden stellen. Dazu waren gerade die Spiele der stärksten Mannschaften viel zu sehr von Sicherheitsdenken, Rasenschach und Ergebnisfußball bestimmt. So hat diese WM das sportliche Kernproblem des modernen Fußballs in aller Deutlichkeit vor Augen geführt: Vor der Entwicklung der eigenen Spielkultur kommt das Zerstören der Spielkultur des Gegners. Ihm die Räume zur Entfaltung seiner eigenen spielerischen Kunstfertigkeit zu nehmen, darauf zuerst sind die Anstrengungen der Trainer heutzutage gerichtet. Das führt dazu, dass allenfalls gelegentlich noch aufblitzt, wozu viele Spieler und auch manche Mannschaften eigentlich fähig wären.

Marcel Reif hat das Dilemma des heutigen Spitzenfußballs in genialer Einfachheit bei der Übertragung des deutschen Halbfinales in den wunderbaren Satz gekleidet: Man hat das Gefühl, den Leuten beim Arbeiten zuzuschauen. Geht man aber deswegen zum Fußball?

Natürlich will der Fan den Sieg seiner Mannschaft. Aber dass er überhaupt zum Spiel geht und nicht zur Weltmeisterschaft im Wasserpolo, hat mit der Attraktivität des Spiels zu tun. Die Attraktivität eines Spiels aber lebt von eben diesem Spiel, von Leidenschaft und Brillanz, von Kunstfertigkeit und Überraschungsmoment, nicht aber von der gelungenen Verhinderung von all dem. Niemand ist von einem Fußball wirklich begeistert, in dem sich zwei Mannschaften 90 oder gar 120 Minuten erfolgreich daran hindern, das zu zeigen, was sie eigentlich könnten.

Abgebrühter Ergebnisfußball

Natürlich sind die Mannschaften nicht nur athletisch, sondern auch fußballerisch besser als früher. Uwe Seeler hat in Mexiko 1970 nicht nur ein historisches Tor geköpft, sondern auch manchen Ball verstolpert. Heute würde man für derlei "Stockfehler" unerbittlich ausgepfiffen. Dennoch sind Spiele entstanden, die dramatische, ja epische Qualitäten erreichten. Derlei Mythen lässt die abgebrühte Kälte des heutigen Ergebnisfußballs nicht mehr zu. Was die Spieler heute eigentlich könnten - sie können es uns meistens gar nicht mehr zeigen in diesen Zeiten des im Grunde hasenfüßigen Viererketten-Ergebnisfußballs mit Abseitsfalle, weil man ihnen den Raum zum Spielen nicht mehr gibt. Das ist sehr schade.

Den Oberen des Weltfußballs wie den öffentlich-rechtlichen Medien ist’s egal, solange die Einschaltquoten stimmen, die Massen strömen und die Milliarden auch. In Südafrika gibt es in vier Jahren noch mehr zu verdienen. Da reden dann die Beckenbauers und Peles ein allenfalls in der Verlängerung wirklich aufregendes Halbfinale zum großen Spiel hoch und wird mit Begriffen wie "intensives Spiel" oder "ein Leckerbissen für Trainer" gerne bemäntelt, wenn mal wieder fast nichts passiert ist. Nun ja. Jeder preist halt das Produkt, an dem er partizipiert.

Eigentlich hat fast alles gestimmt bei diesem Megaevent in Deutschland. Die Gastgeber waren toll drauf, die Deutschen präsentierten sich grandios. Nicht einmal Megakommerz oder Hooligans haben für nennenswerte Abstriche gesorgt. Es war eine tolle Party. Die Deutschen haben ein Gemeinschaftsgefühl erlebt, das sie bereitwillig mit anderen geteilt haben. Und ihre Mannschaft spielte besser und sympathischer als fast alle das erwartet hatten. Der Rahmen war super. Nur der Fußball selber ließ ganz viele Wünsche offen. Sportlich war die WM nicht besser als die letzte. Und die war schwach genug. Aber kommt es darauf überhaupt noch an? Oder war am Ende der Rahmen das Ereignis?



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.