Debatte Warum der Irak-Krieg richtig war

Sind die Amerikaner im Irak gescheitert? Der US-Journalist Peter Ross Range widerspricht dieser weit verbreiteten These in einem Exklusiv-Beitrag für SPIEGEL ONLINE energisch. Er glaubt, dass viele Europäer aus Verachtung für Bush die Fortschritte übersehen, die der Irak seit einem Jahr gemacht hat - trotz Terror und Gewalt.

Von Peter Ross Range, Washington


Bagdad: US-Angriff (März 2003)
DPA

Bagdad: US-Angriff (März 2003)

Auf den ersten Blick wirkt der Irak wie die Hölle auf Erden. Besatzungstruppen und Zivilisten werden Woche für Woche umgebracht, Ausländer wie Iraker. Die Demokratie schlägt zwischen Euphrat und Tigris nur langsam Wurzeln. Das tägliche Leben funktioniert nicht, die Arbeitslosigkeit wuchert wie Unkraut, jeder hasst die Besatzer. Und ja, der angedrohte Rückzug der Spanier schwächt die Besatzungskoalition; politisch in jedem Fall, wahrscheinlich auch militärisch. Der designierte spanische Premier Zapatero hält den Krieg und die Lage heute für "ein Desaster". Offenbar könnte die Situation nicht schlimmer sein.

Oder ist das alles falsch? Hat die von den USA geführte Koalition vielleicht doch mehr Erfolg, als mancher wahrhaben will?

Wasserversorgung und Elektrizität funktionieren inzwischen nachweislich fast so gut wie vor dem Krieg - trotz der ständigen Terrorattacken auf Strom-, Wasser- und Ölleitungen. Vor einigen Monaten galten die Probleme auf dem irakischen Energiesektor vielen Kritikern als Beleg dafür, dass die Invasion und Besatzung ein Fehlschlag seien.

Der irakische Regierungsrat hat eine beeindruckende Verfassung verabschiedet, die sich international sehen lassen kann und für die Verhältnisse im Mittleren Osten geradezu revolutionär ist.

70 Prozent der Iraker sagen, dass es ihnen gut geht

Anti-Bush-Protest in London: Bush im Blick, nicht den Irak
Michael Sontheimer/ DER SPIEGEL

Anti-Bush-Protest in London: Bush im Blick, nicht den Irak

Die irakische Bevölkerung ist in ihrer großen Mehrheit froh, Saddam Hussein los zu sein. Die meisten Einwohner wollen ihn vor Gericht sehen. Und es hasst auch nicht jeder Iraker die Besatzer: Laut einer unter anderem von der deutschen ARD und der britschen BBC in Auftrag gegeben Untersuchung, bei der 2700 Iraker befragt wurden, halten 48 Prozent die Invasion für richtig, 39 Prozent kritisieren sie. Imposante 70 Prozent sagen, dass es ihnen heute gut geht, über die Hälfte der Iraker halten ihr Leben heute für besser als vor dem Krieg. Sogar aus den Nachbarländern ist plötzlich beifälliges Gemurmel zu vernehmen - von Leuten, denen man das ganz und gar nicht zugetraut hätte. Der im Libanon lebende geistliche Hisbollah- Führer Sheik Mohammed Hussein Fadlallah begrüßte kürzlich die politischen Veränderungen im Irak und ließ kein gutes Haar an den alteingesessenen, amtierenden Regierungen des Mittleren Ostens. Der "Washington Post" sagte er: "Es ist weder fair noch zutreffend, nur den Westen für die Deformationen des politischen Prozesses (im Mittleren Osten) verantwortlich zu machen."

Es gibt eben zwei Möglichkeiten, die Situation im Irak zu betrachten: entweder als gescheitertes Unternehmen - oder als ein unfertiges Projekt, an dem noch gearbeitet wird. Ist das Glas leer? Oder wenigstens halb voll? So lauten die Standpunkte in der Debatte. Die Spanier neigen neuerdings dem Ersten zu ("Desaster"), und diese Sicht wird von vielen Europäern geteilt. Die Bush-Administration beharrt auf der anderen Lesart - ebenso wie die meisten US-Amerikaner. Für sie, ob sie vor einem Jahr für oder gegen die Invasion waren, ist der Irak heute zu einer wichtigen Front im Krieg gegen den Terror geworden.

Irakischer Regierungsrat: Beeindruckende Verfassung
REUTERS

Irakischer Regierungsrat: Beeindruckende Verfassung

Jeder Kommentar zur Lage im Irak wird auch von politischen Interessen geleitet. Die Bush-Regierung kann sich ein Scheitern im Irak nicht leisten und verkauft jede schlechte Nachricht als notwendiges Übel auf einem langen Weg zum Happy End. Viele Europäer dagegen, noch immer wütend über den Angriff der USA, haben ein emotionales Interesse daran, den amerikanischen Koloss endlich einmal schwanken und fallen zu sehen.

Doch dieser europäische Blick auf den Irak ist getrübt. Mal davon abgesehen, dass man sich um störende, mitunter positive Details im Irak gar nicht erst kümmert, krankt diese Sicht daran, dass sie nicht den Irak, sondern in erster Linie die unbeliebte Bush-Regierung in den Blick nimmt. Der Fokus sollte aber auf dem Irak liegen. Leider sind die friedensbewegten Europäer so sehr mit ihrer Abneigung gegen den jetzigen US-Präsidenten beschäftigt, dass sie das wichtigste aus den Augen verlieren: Was ist das beste für das irakische Volk?

Hätte man die Iraker etwa weiter unter der brutalen Herrschaft eines Saddam Hussein lassen sollen, einer Diktatur, in der während ihrer 23-jährigen Dauer jedes Jahr mehr Menschen massakriert wurden als in der Zeit während und nach der Invasion? Saddam war der schrecklichste lebende Diktator auf Erden.

Der Aufbau des Irak sollte ein Joint venture sein

Demonstrierende Kriegsgener in Florenz: Zu spät zum Lamentieren
AP

Demonstrierende Kriegsgener in Florenz: Zu spät zum Lamentieren

Soll man die Irakern jetzt alleine lassen, mitten in einem Transformationsprozess zu selbst bestimmter Herrschaft, einer pluralistischen Demokratie und einer freien Ökonomie? Entscheidend ist doch, was am Ende des Prozesses im Irak und im Mittleren Osten für die Leute herauskommt - und nicht, wer die Veränderungen gebracht hat. Aber weil das WIE und WER die Irak- Debatte in Europa nun einmal stark bestimmt, sollte die USA daran arbeiten, die Uno wieder ins Boot zu holen und sich für eine Nato- Kommandostruktur einsetzen.

Der Aufbau des Irak sollte ein joint venture aller Demokratien der Welt sein. Jede Nation muß ein Interesse am Erfolg des Irak haben. Und genau hier hat die Bush-Administration versagt. Sie hat unsere natürlichen Verbündeten ohne Not vor den Kopf gestoßen und damit eine Situation geschaffen, in der diese Länder nun abseits stehen, meckern und mit Steinen schmeißen können. Jetzt geht es aber darum, das Gegenteil zu tun.

Spaniens Rückzug aus dem Irak ist der falsche Weg - und ein doppelter Sieg der Terroristen. Nun ist die Diplomatie gefragt. Wir müssen eine Möglichkeit finden, damit Spaniens designierter Premier die Truppen in Spanien belässt und innenpolitisch sein Gesicht wahren kann. Denn Zapatero, der sich als außenpolitischer Amateur entpuppt hat, verwechselt die spanische Ablehnung des Kriegs mit der nötigen Unterstützung des Wiederaufbaus des Irak. Mit seiner Aktion dient er nicht dem verständlichen Friedensimpuls im eigenen Land; denn ein Abzug der Spanier bedeutet keineswegs Frieden im Irak. Um es klar zu sagen: Zapatero lässt das irakische Volk einfach im Stich.

Massengräber statt Massenvernichtungswaffen

Antikriegsdemonstration in Hamburg: Saddams Sturz war das Gebot der Stunde
KAY NIETFELD / DPA

Antikriegsdemonstration in Hamburg: Saddams Sturz war das Gebot der Stunde

Es ist jetzt zu spät, darüber zu lamentieren, dass dieser Krieg aus den falschen Gründen geführt wurde. Die angeblichen Massenvernichtungswaffen - der entscheidende Grund, warum ich den Krieg vor einem Jahr befürwortet habe - sind nicht gefunden worden. Aber wir haben Massengräber gefunden, in denen Saddam seine Opfer verscharren ließ. Die Toten der irakischen Gulags werden noch immer gezählt; die Schätzungen liegen schon zwischen 300.000 und 400.000 ermordeten Männern, Frauen und Kindern.

Deswegen bedaure ich die Entmachtung von Saddam Hussein keine Sekunde. Die Geschichte, daran glaube ich, wird zeigen, dass der Sturz Saddams vor einem Jahr das Gebot der Stunde war. Mit etwas Glück und einer intelligenteren Diplomatie, als sie die Bush-Administration bislang betrieben hat, kann die Befreiung des Irak eine echte Zäsur in dieser politisch umnachteten, ökonomisch desperaten Region sein, deren einziger Exportschlager, vom Öl einmal abgesehen, das Entsenden von mörderischen Gotteskämpfern ist.

Wir sollten deshalb nicht zulassen, dass der Terror von Madrid Amerika und Europa weiter entzweit. Die Tragödie von Spanien sollte uns einander wieder näher bringen. Mehr als zwei Jahre sind Amerikaner mit langjährigen Verbindungen nach Europa an dem Gedanken verzweifelt, dass nur ein großer Terroranschlag in Europa den Menschen begreiflich machen würde, durch welches Trauma wir Amerikaner am 11. September 2001 hindurch mussten.

Zeit, vom hohen Ross zu steigen

Spanische Soldaten in Nadschaf: Madrids Truppenabzug schwächt die Koalition
AFP

Spanische Soldaten in Nadschaf: Madrids Truppenabzug schwächt die Koalition

Nun ist es also passiert. Der französische Botschafter in Washington nannte die Anschläge von Madrid einen "Weckruf" für Europa. Die französische Zeitung "Le Monde" kommentierte: "Es wäre genauso eitel wie auch absurd, sogar feige, zu glauben, irgendein Land könne sich mit den richtigen außenpolitischen Entscheidungen vor dem Terror schützen."

Es ist höchste Zeit für die Spieler auf beiden Seiten des Atlantiks, von ihren hohen Rössern herunterzusteigen und einen Konsens zu finden - gegen al-Qaida, für den Irak. Wir haben uns lange genug aus den falschen Gründen gekabbelt - wegen Bushs ungeschickten, manchmal rüden Verhaltens und wegen Kanzler Schröders Wahlkampfbedürfnissen. Wir sollten wieder zusammenarbeiten - aus den richtigen Gründen: Der Zukunft des Irak, und unserer Zukunft.

Wie schon während des kalten Krieges haben wir einen gemeinsamen Feind. Um ihn besiegen zu können, müssen wir zusammenstehen.

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