Debatte zum Jahrestag des Irak-Kriegs "Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit"

Der Irak-Konflikt hat die Welt für immer verändert. Saddam wurde gestürzt, doch das Land nicht befriedet und der Westen gespalten. Ein Jahr nach dem US-Einmarsch in den Irak hat SPIEGEL ONLINE Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland gebeten, ihre Gedanken zum Krieg aufzuschreiben.

Michael Wolffsohn, Historiker, München

"Nur Lieschen Müller und der Kleine Moritz wussten vor dem Krieg, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen hat. Alle Profis haben das anders gesehen, auch Schröder, Fischer, Chirac und Hans Blix. Nun wissen wir es mit Sicherheit und haben mehr Sicherheit. Sicherheit hat ihren Preis. Libyens ABC-Waffen-Potential haben alle unterschätzt. Durch den Irak-Krieg bekam Libyens Gaddafi weiche Knie und rüstet ab. Riesenerfolg. Der Iran ziert sich, aber mit US-Truppen an der Grenze steigen die Chancen einer Entnuklearisierung des Iran. Palästina? Chaos mit und ohne Irak-Krieg. Terror? Ebenfalls. Wer das Gegenteil behauptet, leidet an Gedächtnisschwund oder Ahnungslosigkeit. Nord-Korea rasselt jetzt mehr verbal als militärisch und wird auch abrüsten müssen. Ein kleiner Krieg für Abrüstung und zur Verhinderung von globalen Katatstrophen? Das Schlimme ist besser als das Schlimmste. "Krieg für Öl?" Ökonomisch zahlen die USA dramatisch drauf, die Welt profitiert - und tritt den USA in den Allerwertesten. Das ist das Schicksal der USA: Sie befreiten Deutschland von Hitler, Frankreich zweimal von Deutschland, Süd-Korea vom Norden und China und den Westen vor dem kommunistischen Totalitarismus. Dankbarkeit ist ein Fremdwort der Menschheit."

Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz
"Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit - diese Aussage von Papst Johannes Paul II. wenige Wochen vor Beginn des Irak-Krieges bewegt mich auch heute. Weltweit haben damals fast alle Kirchen vor diesem Krieg gewarnt. Er war für uns ein Ausdruck des Scheiterns der Politik. Dies ist aber nicht die Stunde der Rechthaberei: Auch wer den Krieg für ungerecht hielt, muss jetzt ohne Vorbehalt dazu beitragen, dass im Irak ein gerechter Friede entsteht. Vor allem bedrückt mich heute die anhaltende Gewalt und die immer größer werdende Zahl der Opfer. Dieser Jahrestag ist Anlass, der Opfer und ihrer Angehörigen im Gebet zu gedenken und das Gespräch mit unseren muslimischen Nachbarn vor Ort und in der Welt nicht abreißen zu lassen."

Roger de Weck, Publizist, Berlin und Zürich
"Gut, dass Saddam Hussein entmachtet ist. Schlecht, dass der Irak zum neuen Tummelplatz internationaler Terroristen wird. Gut, dass sich die Vereinigten Staaten nicht so bald auf ein weiteres Kriegsabenteuer einlassen werden. Schlecht, dass ein irakischer Bürgerkrieg zur Dauergefahr wird. Gut, dass George W. Bush geschwächt ist. Schlecht, dass er deswegen den zweiten Strang seiner Nahostpolitik - die "Straßenkarte" zum Frieden zwischen Israel und den Palästinensern vernachlässigt. Gut, dass Spaniens Konservative, die gegen den Willen der Mehrheit Krieg führten, die Wahlen verloren haben. Schlecht, dass mittelbar die Terroristen den Machtwechsel bewirkten. Gut, dass die Vereinten Nationen erneut gefragt sind. Schlecht, dass nach Bush nun Blair dazu neigt, Präventivschläge zur völkerrechtlichen Doktrin zu erheben. Gut, dass die Bundesrepublik sich heraushielt. Schlecht, dass die Annäherung zwischen Berlin und Paris stockt."

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