Der Papst in der Türkei Benedikts Bergpredigt

Noch nie war ein Papst so nett zu Muslimen wie Benedikt XVI. Die Türken sind begeistert. Aber werden sie das auch morgen noch sein, wenn türkische Christen oder Aleviten ihre Freiheit einfordern?

Von Claus Christian Malzahn


Habemus Papam, und was für einen: Er lächelt voller Nachsicht, wenn er vom türkischen Premierminister sinnentstellend zitiert wird. Er beugt sein Haupt respektvoll gen Mekka, obwohl die Christenheit dort eigentlich wenig verloren hat.

Er winkt mit der roten Fahne des türkischen Halbmondes - obwohl die Flagge des Vatikanstaats ganz anders aussieht. Er lässt sich unter einem riesigen Bild eines streng in die Welt blickenden Kemal Atatürk ablichten; ein gar liebliches schwarz-weiß Porträt des türkischen Staatsgründers, das in der Gemäldegalerie des Vatikan sicher nur vergessen worden ist. Er betet gemeinsam mit einem Mufti in der blauen Moschee eine halbe Minute lang gemeinsam. Schließlich glauben Benedikt und der Moslem an denselben Gott. Oder?



Schon Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. hat sich um Ausgleich und Verständigung mit den anderen Weltreligionen bemüht. Die Welt vor dem 11. September 2001 zerfiel für den Polen in Monotheisten und Menschen, denen man den Glauben amputiert hatte. Zu Beginn von Ratzingers Amtszeit als Pontifex sah es aber gar nicht so aus, als wolle der deutsche Papst diese Politik der Entwicklung einer religiösen Einheitsfront fortsetzen.

So gewährte Benedikt XVI ausgerechnet der römischen Publizistin Oriana Fallaci als erster Italienerin zu Beginn seiner Amtszeit eine Privataudienz. Fallaci starb im September, in jenen Tagen, als der Papst in Regensburg mit dem Zitat eines Vorgängers die islamische Welt gegen sich aufbrachte. Wenn es einen Himmel gibt, dann wird sich die scharfe Islam-Kritikerin ein paar mal die Augen gerieben haben in dieser Woche. Denn von der Streit- und Debattierlust des Papstes, wie sie zuletzt in seiner Regensburger Rede zum Ausdruck kam - und von islamistischen Hetzern sofort als Beleidigung des Propheten verdreht wurde - war während seines Besuches in der Türkei nichts mehr zu spüren.

Im Gegenteil: Nie ist ein Papst so weit auf den Islam zugegangen - ja fast zu gerannt - wie Benedikt XVI. Als wolle er immer noch sagen: Regensburg, das war ein Missverständnis.

Der Papst hat seine Arme ganz weit ausgebreitet, doch seine Charmeoffensive galt nicht nur dem Islam. Sie zielte auch auf die Christen der orthodoxen Kirche, mit denen sich das Oberhaupt der Katholiken vermutlich leichter ins Benehmen setzen kann als mit so manchem protestantischen Bischof. Doch man sollte Benedikt XVI., immerhin einer der intellektuellsten und hellsten Köpfe, den die Katholiken je an ihrer Spitze hatten, nicht unterschätzen.

Hinter diesem Versöhnungsgewitter, das der Papst in den vergangenen Tagen auf die antiken Stätten der Christenheit und den säkularsten Staat der islamischen Welt regnen ließ, steckt eine klare Grundhaltung. Benedikt XVI. ist davon überzeugt, dass der Westen mit der Herausforderung des radikalen politischen Islamismus alleine nicht fertig werden kann. Den Angriff des religiös befeuerten Terrorismus, so glaubt er, kann mit dem moralischen Relativismus der westlichen Welt nicht abgewehrt werden. Dazu braucht es seiner Ansicht nach mehr: Eine allumfassende, allgemeingültige religöse Überzeugung - katholischer Glauben im Wortsinn eben.

Von daher war Benedikts friedliche Offensive erst der Anfang, nicht das Ende des Kapitels vom Vatikan und dem Islam. Der Ball liegt nun auf der anderen Seite.

Umso spannender wird die Rezeption dieses als Kreuzritter betitelten christlichen Kirchenoberhauptes in der islamischen Welt sein. Die türkische Presse hat den Papst über den grünen Klee gelobt - weil er so nett war. Aber auch heute ist die Katholische Kirche - wie übrigens andere christliche Glaubensgemeinschaften auch - in der Türkei faktisch verboten.

In dem Land, das von Europa viel mehr möchte als privilegierte Partnerschaft, gibt es, trotz Garantie durch die Verfassung, faktisch keine echte Religionsfreiheit. Übrigens auch nicht für muslimische Gruppen wie zum Beispiel die Aleviten. Der türkische Massenmord an den christlichen Armeniern ist, trotz zögerlicher Diskussionsversuche, nach wie vor ein historisches Tabu. Der Papst kann heute ganz entspannt nach Rom zurück reisen. Doch wenn die Türkei es tatsächlich so eilig hat, der Wertegemeinschaft der Europäischen Union beizutreten, dann hat sie ab heute viel zu tun. Und falls der türkische Premierminister mal nicht weiter weiß, wie sich Religionsfreiheit, Toleranz und Europa zueinander verhalten - ein Anruf in Rom genügt, der nette Papst ist sicher gern behilflich.



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