Deutsche Milieus Heimatlosigkeit der Habenichtse

In Deutschland tobt ein Arbeitskampf. Doch die aggressive Rhetorik auf beiden Seiten kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber heute in SPD und Union nicht mehr die nibelungentreuen Partner haben wie früher. Und das ist gut so.

Von Franz Walter


Die Gewerkschaften hadern schon eine ganze Zeitlang mit den Sozialdemokraten. Die Unternehmerverbände sind bereits seit den Zeiten Helmut Kohls nicht mehr glücklich über die christdemokratische Union. Umweltschützer schimpfen gerne über die Grünen. Und im Mittelstand wird oft über den Herrn Westerwelle gelästert. Kurzum: Traditionsträchtige gesellschaftliche Verflechtungen lockern und lösen sich.

Vielen gefällt das. Einige erhoffen sich vom Zerfall der überkommen sozial-kulturellen Bindungen gar die Neuformierung kreativer Allianzen, jedenfalls irgendetwas, was die vermeintlich deutsche Beharrungskraft der klassischen parteipolitischen Großformationen und starren Lager aufsprengen mag. Doch schauen wir zunächst historisch zurück. Vor 150 Jahren etwa fing es an, mit den politischen Lagern und Verknüpfungen. Damals kristallisierten sich die prägenden Konfliktlinien der modernen bürgerlichen Gesellschaft heraus, zwischen Stadt und Land, zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kirchen und säkularisierter Gesellschaft, zwischen den Konfessionen untereinander. Entlang dieser Cleavages bauten sich die Parteien auf. Um einige dieser Parteien herum entspannten sich zudem noch Netze von Organisationen, Verbänden und Vereinen, die die Angehörigen der jeweiligen Konfliktparteien auch lebensweltlich, nicht selten ein Leben lang integrierten. Dazu gehörte ebenfalls noch ein Set von je gruppenspezifischen Ritualen, Kulthandlungen, öffentlichen Inszenierungen, feierliche Zeremonien und transzendentalen Zukunftsbilder. In den europäischen Industriegesellschaften bezeichnete man die parteibildenden Orte solcher Vergemeinschaftungen als Milieus oder Lager, zuweilen auch als Versäulungen. Zusammen jedenfalls waren es die Heimaten der Parteimitglieder. Und es waren diese Kulturen, welche die Konstanz und zähe Lebensdauer der Parteien und unseres Parteiensystems ausmachten. Im Grunde bis heute. Noch - wie man wohl unzweifelhaft hinzufügen muss.

Eben aufgrund ihrer Traditionslastigkeit sind diese Heimaten des Milieus bei den hurtigen Deutungseliten der Berliner Republik nicht sonderlich beliebt. Vor allem Medienmenschen lieben schließlich das Schillernde und Erratische, nicht das Einfarbige und Beständige. Das gehörte nun einmal zu ihrer Profession. Aber auch in den Interpretationen der mental weit weniger quirligen Historiker kommen die politischen Großmilieus nicht gut weg. Die Milieus, so schreiben die hauptberuflichen Ausdeuter der Geschichte, hätten die Spaltung der Gesellschaft vertieft und dadurch den Kompromiss zwischen den Lagern erschwert. Die Weimarer Republik sei am Ende daran zugrunde gegangen, der Nationalsozialismus infolgedessen an die Macht gelangt. So kann man es in zahlreichen gelehrten historiografischen Darstellungen des 20. Jahrhunderts nachlesen.

Das ist der Mainstream. Indes, sehr überzeugend ist er nicht. Denn in Deutschland gab es zwischen dem späten 19. Jahrhundert und 1933 zwei Milieus par excellence, mit verbindlicher, ja dogmatischer Weltanschauung und dicht konstruierten Organisationsgrundlagen: das sozialdemokratische und das katholische. Aber eben diese beiden Milieus widerstanden am stärksten den antidemokratischen Herausforderungen jener Jahrzehnte. Diese beiden Heimatmilieus blieben stabil auch während der Verwerfungen, Krisen und Umbrüche in den frühen dreißiger Jahren. Hier gab es die geringsten Konversionen zum Nationalsozialismus.

Bei den Liberalen hingegen verhielt es sich anders. Die liberalen Individualisten hatten keine verbindliche normative Idee, keine festen Organisationsgrundlagen, keine integrative Lebenswelt, keine Heimatwärme für ihre Anhänger. Die liberalen Bürger brauchten das alles nicht, denn sie waren die Honoratioren der Gesellschaft, bildeten das Establishment. Für sie gab es keinen Grund, sich in die Wagenburg eines abgeschotteten, ideologisch verbindlich fixierten Milieus zurückzuziehen. Der Liberalismus war also politisch offen, eigentlich mustergültig republikanisch. Doch eben deshalb fielen die Liberalen den fundamentalen Modernisierungskrisen und Pathologien in den zwanziger und dreißiger Jahren zum Opfer. Ihnen fehlten die Korsettstangen des Milieus. Die Wähler der bürgerlichen Mitte waren politisch-kulturell unbehaust, ohne parteipolitische und organisatorische Wurzeln, ohne ideelle Bindungen und mitreißende Erlösungsversprechen. So wanderten die liberalen Anhängerschaften immer weiter nach rechts, bis sie sich bei der großen Staubsaugerpartei der Milieulosen niederließen: den Nationalsozialisten. Kurzum: Die Weimarer Republik ging unter, weil der milieuenthobene Liberalismus in den Modernisierungskrisen auseinanderbrach.

Nun: das ist Geschichte. Irgendwann in den sechziger/siebziger Jahren schmolzen die großorganisatorischen Kulturmilieus und politischen Heimaten von Katholizismus und Sozialismus zusammen. Sozialdemokraten turnten nicht mehr im Arbeiterverein, Katholiken trieben Sport nicht allein bei der Deutschen Jugendkraft. Die Bebelporträts und Marienbilder verschwanden aus den Hausfluren; die Teilnehmerzahlen bei Fronleichnamsprozessionen und 1. Mai-Demonstrationen gingen rapide zurück. Aber ganz verflüchtigt hat sich das alles trotzdem immer noch nicht. Noch bilden die Katholiken die treuesten Stammwähler der Christdemokratischen Union, die ihre Partei auch zu Beginn des neuen Jahrtausends über alle Spendenaffären, Stoiberiaden und protestantischen Pfarrerstöchter hinweg tragen und stabilisieren. Und bei den Bundestagswahlen 1998, 2002 und 2005 waren weiterhin die gewerkschaftlich organisierten und aktiven Arbeitnehmer das stärkste Pfund für die Sozialdemokraten, wenngleich es hier - und das nicht nur wegen der neuen Linkspartei und der Konversion des Oskar Lafontaine - tatsächlich erkennbar bröselt und bröckelt.

Natürlich: Die kulturellen Depots der Vergangenheit reichen für die Mehrheitsfähigkeit der großen Volksparteien längst nicht mehr aus. Aber nach wie vor sind es die wenn auch geschrumpften Kernmilieus und ihre Multiplikatoren, die sich Monate vor den entscheidenden Wahlterminen in Bewegung setzen, ihre Kommunikationsnetze im Kreise von Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, Vereinsfreunden aufspannen, Stimmungen erzeugen, politische Orientierungen herstellen oder verstärken müssen. Deren Wirkung wird in fluiden Journalistenzirkeln weit unterschätzt.

Überdies: Es sind die Restmilieus, die den Parteien immer noch Charakter verleihen, sie weiterhin unterscheidbar machen, ihnen nach wie vor Profil, Stetigkeit und normativ geprägtes Personal verschaffen. Politik wäre sonst noch beliebiger, noch substanzloser, noch demoskopischer. Kein Zufall jedenfalls, dass die drei großen Kanzler dieser Republik - Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl - aus den großen Heimatmilieus hervorgegangen sind. Gewiss, damit scheint es vorbei zu sein. Aber wird es deshalb besser werden?

Charakteristischerweise hat in der Ära nach Brandt und Kohl kein Politiker das Volk so fasziniert wie Joschka Fischer. Eben dieser hat in den Zeiten seiner politischen Sozialisation alle Irrungen und Wirrungen von Milieubildung und Milieuprägung mitgemacht, mitgeformt und miterlitten. Er hat dadurch - es wurde hinreichend oft gesagt - eine wirkliche, authentische Biografie. Das grüne Heimatmilieu kam historisch spät, verschwand dafür auch wieder sehr schnell, tradierte sich zumindest nicht über Generationen hinweg wie noch das sozialdemokratische oder katholische. Doch besaß auch die grüne Subkultur in jenen bewegten Anfangsjahren alle entscheidenden Kennzeichen der klassischen Milieustrukturen. Es repräsentierte in den siebziger Jahren mit der Ökologie eine neue gesellschaftliche Spannungslinie; es basierte auf einer von unten begründeten Infrastruktur aus Kinderläden, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen und alternativen Buchläden; es schuf eine eigene Symbolik, einen spezifischen Habitus. Am Ende gab sich das neue grün-alternative Milieu mit der "taz" noch ein eigenes Presse- und Kommunikationsorgan, gründete schließlich die eigene Partei, eben die Grünen. Genau deshalb haben sich die Grünen im Westen - wie die PDS/Linkspartei im Osten - der Republik ziemlich fest im Parteiensystem etablieren können. Dagegen haben Protest- und Neuparteien ohne solche Milieus, ohne organisatorisches Unterfutter, ohne normative Leitidee, ohne Generationenverankerung keine allzu große Beständigkeit und zerfallen nach raschem Aufstieg oft ebenso schnell wieder in ihre sozialkulturellen Einzelteile. Vor einigen Jahren konnte man das besonders signifikant am Beispiel der Statt-Partei beobachten.

Noch also hat die Postmoderne die Politik nicht ganz verschlungen. Noch existieren erkennbare Profile und Zuordnungen, noch rochieren auch nicht alle Wähler völlig beliebig in der Parteienlandschaft herum. Aber zugegeben, das deutet sich, gerade bei Landtagswahlen, als zukünftige Realität schon mächtig an. Natürlich ist das goldene Zeitalter konsistenter Milieus und Großheimaten vorbei. Doch was bedeutet das? Ist das Anlass zur Trauer oder vielmehr Grund zum Jubel, da Milieus und Lager schließlich auch etwas Unfreies, etwas Kontrollierendes hatten, oft Zäune und Mauern errichteten?

In der Tat, lange überwog - und dies gewiss mit einigem Recht - die positive Deutung des gesellschaftlichen Entstrukturierungsprozesses. Man schätzte die Vorzüge der Individualisierung, genoss den Reichtum der Optionen, nutzte die Möglichkeit des Auszugs aus einschnürenden, disziplinierungswütigen Assoziationen. Zukunftsforscher und postmoderne Soziologen zeichneten infolgedessen auch ein durchaus heiteres Bild vom Zusammenleben der Menschen in der entkollektivierten Zukunftsgesellschaft. Die alten Milieus seien dort zwar verschwunden, doch an ihr Stelle träten neue Vernetzungen, neue Kontaktkreise, nur nicht mehr so großflächig, stringent und lebenslang angelegt wie einst, sondern beliebig kombinierbar, schnell kündbar, leicht ersetzbar. Das mag so zutreffen und angenehm attraktiv sein - allerdings lediglich für diejenigen, die über die Ressourcen Bildung, Mobilität, Selbstbewusstsein und Kreativität verfügen. Was aber wird aus den Habenichtsen der Moderne, die auf diese pralle Ausstattung nicht zurückgreifen können, für die dann Individualisierung tatsächlich Entwurzelung, öffentliche Armut oder - neusoziologisch ausgedrückt - Exklusion, jedenfalls randständige Heimatlosigkeit zur Folge hat?

In den Souterrains der Gesellschaft bedeutet der Abschied von den bergenden Lagern jedenfalls nicht das glückliche Entree in ein Reich neuer Möglichkeiten und Chancen. Hier geht die Erosion der sozialmoralischen Vergemeinschaftungen einher mit Isolation, Apathie und Resignation. Die alten Milieus dagegen boten nicht allein Wärme und Nähe, sondern überdies Aufgaben und Aktivitäten, vermittelten dadurch Sinn und Selbstbewusstsein. Mit dem Zerfall der Lager ist diese aktivierende, ermunternde, ermutigende und integrative Funktion großflächiger Selbsthilfeorganisationen perdu. Die neue Individualisierung ist daher für diejenigen ohne hinreichend eigene Handlungspotentiale negativ, hoffnungs- und zukunftslos. Natürlich, es kann und wird kein Zurück zu den überkommenen, mitunter unzweifelhaft gefährlich homogenisierenden und polarisierenden Wagenburgen der klassischen Lager geben. Schließlich geschah die massenhafte Emanzipation von der Kollektivität seit den siebziger Jahren nicht zufällig. Doch werden in den nächsten Jahren die Schattenseiten der Entbindung und Dekomposition mehr und mehr zum großen Thema postindustrieller Gesellschaften. Und sicher ist nicht, dass die Antworten, die in dieser Debatten gegeben werden, um die spirituellen Vakuen und gesellschaftlichen Leeren zu füllen, besser ausfallen als bei der Einstehung der großen sozialkulturell unterfütterten Weltanschauungskulturen von Katholizismus und Sozialismus im Zeitalter zuvor.



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