Deutschland und Polen Schröders große Geste

Die Rede des Kanzlers in Warschau wurde von Vertriebenen heftig attackiert - konservative Kommentatoren werfen Gerhard Schröder gar "schäbiges" Verhalten vor. Solche Vorhaltungen sind maßlos. Der Auftritt des Kanzlers durchlüftet endlich die muffige, von Misstrauen geprägte Nachbarschaft. Nun sind die Polen am Zug.

Von Claus Christian Malzahn


Verbeugung in Warschau: Echo auf Brandts Ostpolitik
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Verbeugung in Warschau: Echo auf Brandts Ostpolitik

Berlin - Eine große deutsche Tageszeitung hat dem deutschen Bundeskanzler heute vorgeworfen, sich "auf geradezu schäbige Weise in Warschau aus der Verantwortung" gezogen zu haben. Wer einem Politiker "Schäbigkeit" ins Zeugnis schreibt, hält den wohl für einen Lumpen. Diese Vokabel ist zwar nicht gefallen, doch sie wabert heute dampfend und in Fraktur gemalt im Großraum Frankfurt herum. Nun haben wir Anfang August, die Hundstage machen manchem auch in Hessen zu schaffen - höchste Zeit, die Klimaanlagen anzuwerfen.

Denn solche hitzigen Töne waren in der Bundesrepublik lange nicht mehr zu hören. Sie sind ein fernes Echo auf die aggressiven Händel, die Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre die Debatte um die Ostpolitik der Regierung Brandt prägten. Der erste sozialdemokratische Bundeskanzler war damals einer reaktionären Verleumdungskampagne ausgesetzt, deren Ausmaß man sich heute kaum noch vorstellen kann.

Es ging um viel: Genauer gesagt um ein Drittel des Staatsgebiets des alten Deutschen Reichs, dass Brandt gegen eine realistische europäische Friedensperspektive eintauschte. Kein geringerer als Helmut Kohl hat diese Politik mit der endgültigen Anerkennung der Oder-Neiße Grenze 1990 fortgesetzt und vollendet. Diese Tatsache erklärt vielleicht, warum es nach Schröders Besuch in Warschau in den Reihen der Union, von einzelnen schrillen Stimmen der CSU abgesehen, auffällig ruhig geblieben ist.

Die Teilnahme des deutschen Bundeskanzlers an den Gedenkfeiern anlässlich des Warschauer Aufstandes war vor allem von polnischer Seite her mit großen Erwartungen überladen worden. Bis in die Geste hinein glaubten polnische Politiker dem Deutschen vorschreiben zu können, wie er sich während seines Aufenthaltes zu verhalten habe. Das glich manchmal eher einer Vorladung zum Geschichtsunterricht als dem Besuch eines Nachbarn, mit dem man endlich und für immer Frieden machen will.

Ein europäisches Ereignis

Der deutsche Kanzler hat die polnischen Erwartungen dennoch erfüllt. Seine Verbeugung vor den Gefallenen des Warschauer Aufstands war notwendig, nicht nur, um den Polen Genugtuung in einer für dieses Land historisch-existentiellen Frage zu verschaffen. Schröders Verbeugung wird auch in Deutschland dazu führen, dass man sich hier zu Lande endlich mit einem Ereignis beschäftigt, dem selbst an der europäischen Geschichte interessierte Menschen zu wenig Bedeutung beigemessen haben.

Der Warschauer Aufstand wurde zwar blutig niedergeschlagen. Doch die Erinnerung an die Erhebung verlieh den Polen den Mut, sich mit dem kommunistischen Regime anzulegen. Wohin das letztlich führte, wissen wir Deutsche nur zu gut. Die ersten Mauern fielen bereits Anfang der achtziger Jahre in Danzig, die Heimatarmee hieß Solidarnosc, und ihr europäischer Freiheitsfunke zündete noch im Prenzlauer Berg.

Diese Dimension der Erinnerung kam in Schröders Auftritt zu kurz; er war neben der bleibenden Geste der Verbeugung vor allem tagespolitischen Problemen geschuldet. Die schlechte, muffige Stimmung, das Misstrauen, die gegenseitigen Verdächtigungen sollten weggeredet werden. Auf polnischer Seite wird nun betont, dies sei gelungen. Doch die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass man in Warschau trotz freundlicher Gesten vor politischen Überraschungen nie gefeit ist. Vielleicht liegt das auch daran, dass man in Warschau noch gar nicht entschieden hat, was man von diesem unheimlichen, großen Nachbarn im Westen eigentlich will - und welchen Platz man selbst ansteuert in diesem riesigen, neuen Europa. Solange das nicht geklärt ist - und diese Frage können nur die Polen beantworten - wird das deutsch-polnische Verhältnis anfällig bleiben.

Gefühlte EU-Mitgliedschaft

Die Angst vor den Restitutionsansprüchen deutscher Vertriebener an Polen ist real vorhanden. Real begründet ist sie nicht. Gleichwohl werden diese Ängste, und das schon seit Jahrzehnten, in Polen immer wieder instrumentalisiert. Früher besorgten das die Kommunisten, heute sind antideutsche Kleriker und dumpfe Populisten am Werk. Diese Zündler agieren in einem politisch weiten Raum, die Warschauer Politik setzt ihnen nur wenig Grenzen. Zum aufgeklärten Europa gehört aber nicht nur die gefühlte Mitgliedschaft ohne weitere Obligation, sondern auch die Akzeptanz gewisser juristischer und politischer Standards.

Zum Beispiel, dass auch deutsche Vertriebene Rechte haben. Es steht ihnen selbstverständlich zu, sämtliche juristischen Mittel auszuschöpfen, um Klarheit in der Frage von Eigentumsverhältnissen zu schaffen - auch vor europäischen Institutionen. Die Pflicht des deutschen Bundeskanzlers aber ist es nicht, die Interessen dieser Gruppen zu verfolgen, wenn er deutsche Schuld im Ausland abträgt. Zur Vertretung bei Immobiliensachen gibt es Rechtsanwälte, den Rest besorgen Gerichte. Gerhard Schröder ist nicht der Makler der preußischen Treuhand und europäischem Einvernehmen eher verpflichtet als rückwärts gewandten Interessenskämpfen.

In Warschau ging es um die Zukunft. Schröders Verbeugung hat den Weg frei gemacht für eine weniger aufgeregte Nachbarschaft mit Polen, die in letzter Zeit stärker von Ängsten und gegenseitigen Verdächtigungen geprägt war als von Vernunft. Vielleicht führt Schröders Geste nun auch dazu, dass man östlich der Oder nicht mehr so häufig in Verteidigungsstellung geht, wenn es zwischen Berlin und Warschau etwas zu besprechen gibt. Es ist höchste Zeit, die Schützengräben zu verlassen. Vielleicht war uns Deutschen nicht immer klar, wie lange diese Selbstschutz-Anlagen in Polen in Betrieb gehalten worden sind.

Distanz zu sich selbst

Eine der Vorausetzungen zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union, hat der große Europäer Alfred Grosser einmal gesagt, sei die Fähigkeit einer Nation, Distanz zu sich selbst zu entwickeln. Deutschland sollte stolz darauf sein, dass die Bundesrepublik diese Eigenschaft seit Jahrzehnten trainiert.

Je stärker Grossers Prämisse auch in Polen beherzigt wird, desto besser für Europa. Unser Nachbar im Osten, vor allem die Baby-Boomer Generation der heute 20 bis 30jährigen, arbeitet daran. Der Jahrestag des Warschauer Aufstands, sei ein "Heiligtum", rief aber vor ein paar Wochen erst der frühere polnische Außenminister Bartoszewski, der ohne Frage viel für die Aussöhnung Polens mit Deutschland getan hat. Anbetungswürdig sollten historische Ereignisse dennoch nie sein. Das führt bestenfalls zu Missverständnissen, die Historiker dann mühsam wieder aus der Welt schaffen müssen.

Die Pflege "heiliger" Kalenderdaten sollte man deshalb der katholischen Kirche überlassen, im historischen Verständnis eines säkularen Staates haben sie nichts verloren. Aber auch diese Diskussion beweist: Polens eigene Geschichtsschreibung, auch die des Warschauer Aufstands, hat gerade erst begonnen.

Claus Christian Malzahn war von Oktober 2000 bis März 2002 Korrespondent des SPIEGEL in Warschau



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